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Die Vertreibung aus dem Paradies

Wie »Die Scham« ein Trauma verschriftlicht

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Literaturredakteurin Linn Penelope Micklitz folgt diesmal in »Die Scham« gebannt einem neuen Kapitel in der Familiengeschichte von Annie Ernaux.

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux beobachtet 1952, im Alter von zwölf Jahren, eine »Szene«, die sie nie wieder vergessen wird. »Mein Vater, der mich liebte, hatte meine Mutter, die mich ebenfalls liebte, töten wollen.« So fasst sie das Gesehene gleich zu Beginn ihres Buchs »Die Scham« zusammen. Statt künstlich Spannung aufzubauen, will Ernaux nicht weniger als »Ethnologin« ihrer selbst werden. Schon in ihren anderen Werken nimmt sie ihre Eltern, das eigene Aufwachsen in den Blick – und stellt so scharf, dass man sich manchmal fragt, ob man noch hinsehen darf (»abends an den Strümpfen und am Schlüpfer riechen«). Sie legt alles bloß, auch ihre Absichten und die dahinterliegende Methodik: »Erinnerungsbilder freizulegen«, sie »als Quellen behandeln«. Was sie beschreibt, reicht vom großen Ganzen bis in die Details. In Yvetot, wo sie aufwuchs, einer Kleinstadt in der Normandie, zeigt sich der Fortschritt daran, dass es »Plastik, Nylonstrümpfe, Kugelschreiber, Vespas, Tütensuppen, die allgemeine Schulpflicht« gibt. Die einfachen Verhältnisse, aus denen sie stammt, sind geprägt von der Religiosität der Mutter und dem Besuch der katholischen Privatschule. Die kleine Annie weiß: »Man muss beten, um ein besserer Mensch zu werden, nicht der Versuchung zu verfallen, die Mathearbeit zu bestehen, Kranke zu heilen und Sünder zu bekehren.«

Das Cover von »Die Scham« Foto: Suhrkamp

In diesen und zahlreichen anderen Beobachtungen erschafft Ernaux ein geradezu in sich geschlossenes Universum aus Regeln und Pflichten, ein Aufwachsen wie in einem Garten, in dem nichts erlaubt und viel verboten ist, in dem man sich aber sicher fühlt, weil man weiß, wo man hingehört und wo die Grenzen liegen, die es nicht zu überschreiten gilt (»Das Gesetz übt seine Macht auf sanfte, familiäre Weise aus«). Durch das Ungeheuerliche, den versuchten Mord an der Mutter, »Hintererher machten wir zu dritt eine Radtour aufs Land«, wird das Mädchen aus dem Paradies vertrieben. Die Grenze wurde gewaltsam hinweggefegt, das Kind wird tief verstört. Der Autorin gelingt es, in ihrem nun ins Deutsche übersetzten Buch, das Trauma zu verschriftlichen: »Ich hatte mich der Privatschule, ihrer Erstklassigkeit und Vollkommenheit, als unwürdig erwiesen. Von jetzt an lebte ich in der Scham.« Nicht mit ihr, sondern in ihr. Das Gefühl der Sicherheit ist verschwunden. Ernaux ringt fortan mit dem »Eindruck, dass einem von nun an alles Mögliche passieren kann«.

Wer auf eine Auflösung, Versöhnung, Moral hofft, geht leer aus. »Ich habe nichts mehr mit dem Mädchen auf dem Foto gemein, außer dieser Szene eines Junisonntags, die das Mädchen im Kopf trägt und die mich dieses Buch hat schreiben lassen, weil ich sie nie vergessen konnte.« Oder wie Kurt Drawert es ausdrückte: »Aber er [der Schriftsteller] kann eben erst später darüber schreiben, weil er vorher eine Blockierung auflösen musste; und eine Blockierung ist nichts anderes als ein Text.« Dank Ernaux´ Selbstsezierung bleibt die »Szene« auch uns im Gedächtnis und öffnet den Bild auf das Erwachsen werden in einem ganz besonderen Milieu.

Annie Ernaux: Die Scham. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Berlin: Suhrkamp 2020. 111 S., 18 €

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