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The trick is to keep breathing

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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In der vorerst letzten Ausgabe der Kinostarts für die nächsten vier Wochen geht es um ein eindringliches Drama von Georg Pelzer, den neuen Film von Lars Eidinger und eine mittelgute Darstellung der Antifa.

Nun werden sie wieder schließen, die Leipziger Kinos. Das Kinoprogramm im frisch erschienenen November-kreuzer ist damit hinfällig. Viele der Starts haben aber bereits einen neuen Termin und werden zum großen Teil im Dezember nachgeholt – sofern sich die Corona-Maßnahmen nicht verlängern. Auf jeden Fall sei allen geraten, in den verbleibenden vier Tagen noch einmal das Lieblingskino aufzusuchen, beim Dok Leipzig Kinokunst aufzusaugen (was sich lohnt steht im Dokblog) und die spannenden Filmstarts wahrzunehmen. Zum Beispiel das Debüt von Georg Pelzer: Im letzten Jahr stellte der Leipziger seinen ersten Langfilm »Fluten« bei den Hofer Filmtagen vor. Im Mai sollte es eigentlich in die Kinos kommen. Nun ist coronabedingt eine kleine Tour draus geworden, die nun wohl verschoben werden muss. Sicher ist: Am Donnerstag feiert das eindringliche Drama seine Leipzig-Premiere. Im aktuellen kreuzer gibt es einen Hintergrundbericht. Man kann auch ihm nur wünschen, dass es im Dezember weitere Vorstellungen geben wird.

»Fluten«: 29.10., Kinobar Prager Frühling

Sven ist der Star an der Schaubühne Berlin. Doch der Theaterschauspieler ist schwer krebskrank. Auch eine Rückenmarkspende seiner Zwillingsschwester Lisa scheint nicht den gewünschten Erfolg zu zeigen. Sven lässt sich davon nicht beeindrucken und plant schon, die Titelrolle des »Hamlet« in wenigen Wochen wieder aufzunehmen. Bis dahin versucht er, in Lisas Wahlheimat, der Schweiz, mit ihr und ihrer Familie zu entspannen. Doch die Situation eskaliert schnell, weil Lisas Ehemann sich vernachlässigt fühlt, seit sich alles nur noch um den Kranken dreht. Für ihren ersten deutschsprachigen Film konnte das Schweizer Regieduo Stéphanie Chuat und Véronique Reymond (»Das kleine Zimmer«) mit zwei der derzeit besten deutschen Darsteller zusammenarbeiten – Nina Hoss und Lars Eidinger – und geben ihnen viel Raum zur Entfaltung. »Schwesterlein« ist ein unsentimentaler Film, der trotzdem permanent um das Sterben und den Tod kreist. Nichts wird beschönigt, weswegen gerade die Szenen im Krankenhaus von einer äußerst intensiven, kaum auszuhaltenden Realitätsnähe sind. Dazu trägt insbesondere das Spiel Lars Eidingers bei (der selbst hundertfach den »Hamlet« auf der Berliner Schaubühne gab). Er lässt sich mit Haut und Haaren in seine fordernde Rolle hineinfallen und fängt dabei die unterschiedlichen Stimmungen und Facetten seiner Figur vortrefflich ein. Aber auch Nina Hoss in der Titelrolle ist einmal mehr schlichtweg umwerfend.

FRANK BRENNER

»Schwesterlein«: bis 1.11., Passage Kinos, am 29.10. Premiere in Anwesenheit von Nina Hoss und Lars Eidinger

»Wo sind all die Linksradikalen mit dem Schießgewehr?« Die Eingangsszene schwört Egotronic herauf. Wütend stapft die Antifa-Heroin mit der Flinte durchs Feld. Ratlosigkeit spricht aus ihr. Dann nimmt der Film eine 180-Grad-Wende, nähert sich als Erklärstück dem Linksradikalismus.
Lisa, gut betuchtes Elternhaus in der Provinz, studiert in der Großstadt Jura. Sie zieht in ein alternatives Hausprojekt, lernt Alfa und Lenor kennen, die Teil eines gewaltbereiten Antifa-Netzwerks sind. Gemeinsam hebt das Trio ein Sprengstoffdepot von Rechtsterroristen aus, wird vom Verfassungsschutz verfolgt und kommt bei einem Ex-RAF-Mitglied unter. Am Ende findet Lisa zur bürgerlichen Welt zurück. Eigene Erlebnisse sollen Regisseurin Julia von Heinz inspiriert haben, so der PR-Botschaft: »Ich war bei der Antifa«, wird sie vor dem Filmstart zitiert. Vielleicht ist er wirklich gut gemeint, aber übers Klischee kommt ihr Film nicht hinaus. Alfa, klar muss der so heißen, ist charismatisch-sexy, weshalb die verliebte Lisa ihm folgt. Im queer-bunten Hausprojekt gehts um Party, Haarefärben und Liederabende. Die Militanzdebatte wird darauf verkürzt, dass man die Hausräumung fürchtet. Politische Debatten finden nicht statt, alles ist Bauchgefühl, verhärtet sich beim Schauen zum Urteil: »Denn sie wissen nicht, was sie tun«. Warum der Filmtitel der Zeile eines NS-Liedes gleicht, erklärt sich ebensowenig.

TOBIAS PRÜWER

»Und morgen die ganze Welt«: bis 1.11., Passage Kinos

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