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Die Ossis der Ossis

Vom Phantasma der ostdeutsch-sächsischen Seele

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»So geht sächsisch«: Mit dieser Dachmarke wirbt Sachsen für sich, kittet eine sächsische Identität zusammen. Diese zeigt sich besonders exklusiv, wirkt als Mischung aus Stolz und Schmach verstärkend aus aufs Bild vom »hellen Sachsen«, der sich nichts sagen lässt. Weil Aufklärung und Kritik der erste Weg zur Besserung sein können, soll die sächsische Identitätsbildung hier in loser Folge beleuchtet und diskutiert werden. Warum fühlt man sich in Sachsen so besonders und bildet das nicht genau auch den Boden für besonders eklige Phänomene der Gegenwart? Was also sind die sächsischen Verhältnisse? Wie geht sächsisch – und warum?

Eigentlich ist schon seit 1990 klar, dass Ossis anders sind. Müssen sie ja, schließlich haben sie dem Vernehmen nach, Jahrzehnte DDR geprägt, die Unterordnung im sozialistischen Kollektiv und Leckermäulchen. Seither hält sich beharrlich die Geschichte von den unsicheren Ossis auf der einen Seite, die den Schutz der Gruppe suchen und sich liebend gern einreihen. Auf der anderen taucht das Bild der Wessis als starkes, ichbezogenes bis narzisstisches Subjekt auf, das die Bühne nicht scheut und länger schon gelernt hat, sich angemessen zu vermarkten und im Zweifel zu verkaufen. Und weil spätestens mit Harald Schmidts defizitärer Satire alle Ostdeutschen Sächsisch sprechen, verschärft sich die Lage noch, wenn das Gespräch auf das entsprechende Bundesland kommt.

Die Mauer im Herzen
Die Sachsen sind schließlich die Ossis der Ossis. Hieß es kürzlich noch, der Osten sei anders, hört man das mittlerweile vor allem im Hinblick auf Sachsen. Und zwar doppelt: Von außen als Kritik an tiefbraunen sächsischen Verhältnissen und von innen als Feier vermeintlich starker, nicht korrumpierbarer Eigenheit. Was früher den Ossis eigen schien, kapriziert sich heute vermehrt auf Sachsen. Alles ist anders im Tal der Ahnungslosen, irgendwie immer noch Ostdeutsch, aber mittlerweile stolz darauf. Aus einem Mangel wurde ein grün-weißes Identitätskonzept. Tragischerweise wurde etwa gleichzeitig dieses performativ umgewertete ostdeutsche Psychogramm mit einer Erzählung vom urdeutschen Wesen angereichert. Der sächsische Pegida-Opi und Reichsbürger (sorry, das lässt sich nicht gendergerecht ausdrücken) nutzt zwar die Insignien der preußischen Macht und feiert den Kaiser, macht sich aber zugleich erfolgreich vor, dass seine dröge Haltung starke ostdeutsch-sächsische Resilienz sei.

Der mittlerweile am rechten Ufer gelandete DDR-Psycho-Papst Hans-Joachim Maaz ist, wenn man so will, die Verkörperung dieses Amalgams aus ostdeutsch, sächsisch und reaktionär. Er hatte unmittelbar nach der Wende flotte Finger und vermarktete die These von den gestörten Ossis wortreich. Er attestierte kurzerhand allen Bewohnerinnen der DDR einen kreuzgefährlichen »Gefühlsstau«, der über kurz oder lang desaströs enden müsse und von der Ossi-Lebenswirklichkeit herrühre. Gestört seien sie, die Ossis, undzwar alle damals jedenfalls. Dass Maaz als Ossi selbst Opfer seiner Pauschalisierung wäre, ist ihm entgangen. Heute neigt der Vielschreiber weit nach rechts und hat den Blick umgekehrt. Er wird nicht müde, die Lösung des von ihm selbst attestierten Gefühlsstaus genau bei jenen Akteuren zu suchen, denen er noch 1990 kollektiv eine Störung attestierte. Er umschmeichelt beharrlich Pegida und wirbt dafür, mit Nazis verständnisvoll umzugehen. Im Kern läuft Maaz als Psychologie getarnte Agitation darauf hinaus, dass Deutschland wie einst die DDR ist und nur die Sachsen eine Ahnung haben, wie dieser neuerliche Gefühlsstau zu beheben sei: Mit einer sportlichen Rolle rückwärts zum Kaiser.

Kein Ossi nirgends
Maaz seriöse Kolleginnen übrigens kamen damals auf ein ganz anderes Ergebnis, was die Ossis betrifft. Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV) gründete bereits 1991 eine »Kommission West-Ost«, die anschließend 17 jährliche Symposien abhielt. Ziel war es, die Arbeit der Therapeutinnen auf die Ost-West-Differenzen hin zu befragen und zugleich Zusammenhänge zwischen therapeutischen Befunden und den jeweiligen Ost- oder Westbiographien aufzuspüren. Einige Tagungsbände aus dieser Zeit sind überliefert. Das Ergebnis: Obwohl Expertinnen eifrig nach dem Wesensunterschied zwischen ostdeutschen und westdeutschen Patienten suchten, den sie – wohlgemerkt – als gegeben annahmen und nur genauer beschreiben wollten, wurden sie nicht fündig. Wann immer konkrete Menschen unter die Lupe genommen wurden, eröffnete sich ein komplexes Panorama an Einflüssen und Prägungen. Die DDR mit ihren Institutionen spielte jeweils nur eine Nebenrolle.

Es bleibt also schwierig mit den kollektiven Identitäten und ihren Gründen. Statt eines halbwegs tauglichen Abbilds einer sächsischen Spezifik ist die Anrufung der in Sachsen lebenden Menschen als Sachsen eher ein politischer Schachzug, ein Manöver, um mit einer Mischung aus Kurt Biedenkopf (»die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus«) und Maaz substantiell rechtes Denken als vermeintlichen Akt der Verteidigung und als eigentlichen deutschen Normalfall zu legitimieren. Der Weg von dort zu phantasierten Verhältnissen einer sogenannten »Merkel-Diktatur« ist nicht weit.

Nicht rechts denken, nur so handeln
Wie sich die Maßstäbe verändert haben und welches Chaos der Versuch produziert, die Sachsen und ihre politische Haltung zu fassen, zeigt eine neue Studie, die kürzlich pompös und gemeinsam mit Sachsens Ministerpräsident vorgestellt wurde. »Sachsen – eine Hochburg des Rechtsextremismus?« heißt sie und weist ernsthaft aus, dass nur 3,5 Prozent der Sachsen ein »verfestigtes rechtsextremes Weltbild« hätten, weniger als in allen anderen Bundesländern. Wie das im Hinblick auf die massenhaften rechten Attacken und die guten Wahlergebnisse für die rechtsextreme Partei AfD sein könne, erklärt Uwe Backes, einer der Autoren und Mitbegründer der Extremismusdoktrin, restlos überzeugend: »In Sachsen«, paraphrasiert die Leipziger Volkszeitung Backes, »mögen besonders wenige rechtsextrem denken, aber dafür handelten oder wählten viele rechtsextrem.« Ne, is klar.

Zum Autor: Robert Feustel beschäftigt sich mit politischer Theorie, Kultursoziologie sowie Wissenschaftsgeschichte; ist Politikwissenschaftler von Haus aus und arbeitet in Jena und Leipzig.

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