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Unvergessen

Erinnerungskultur im Lockdown zum 82. Jahrestag der Reichspogromnacht

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Wegen der Pandemie ist das Gedenken an die Pogrome gegen Jüdinnen und Juden in Leipzig nur eingeschränkt möglich. Eine Übersicht, über die Möglichkeiten.

Heute jährt sich zum 82. Mal die Reichspogromnacht und das in Lockdown-Zeiten unter besonderen Bedingungen: Öffentliche Veranstaltungen und Museen sind geschlossen. Aber wenn Menschen erst vor wenigen Tagen den Holocaust verharmlosend durch die Stadt gezogen sind, ist es um so wichtiger die Geschichte nicht unvergessen zu lassen, das Gedenken an die aktuellen Umstände anzupassen oder mit wachen Augen durch die Stadt zu gehen und Orte zu finden, die an die Ereignisse des 9. November 1938 ins Gedächtnis holen.

Daher ruft die Gedenkstätte für Zwangsarbeit dazu auf »an diesem Tag individuell zu gedenken und Blumen am Denkmal in der Gottschedstraße abzulegen.« Hier zerstörte der Nazimob die Gemeindesynagoge wie auch die wenige Meter entfernte Ez-Chajim-Synagoge in Apels Garten. Außerdem lädt die Gedenkstätte am Samstag, 14. November, um 11 Uhr zu einer Digitalen Ortsbegehung des KZ-Außenlagers Schönau ein. (Internetauftritt Gedenkstätte zur Zwangsarbeit)

Das Erich-Zeigner-Haus initiiert am Montag Mahnwachen und das Putzen der insgesamt 565 Stolpersteine unter Corona-Bedingungen von 10 bis 18 Uhr. Das heißt, nicht mehr als zehn Menschen aus zwei Haushalten treffen sich mit Abstand und Masken an den 198 Orten in der Stadt. (Internetauftritt Erich-Zeigner-Haus)

Ab heute erinnern die Hausbewohner in der Georg-Schwarz-Straße 19 in Lindenau mit einer Schaufensterausstellung an den ehemaligen Hausbesitzer. Dokumente und Fotos erzählen von Isaak Rotenberg aus Altenburg, dem das Haus seit 1932 gehörte. Am 10. November 1938 verhaftet, wurde er ins KZ Buchenwald verschleppt und später in das Ghetto 1940 Litzmannstadt deportiert, wo er verstarb. Bis zum 15. November ist die Ausstellung zu sehen, die laut Organisatoren »zu einer lebendigen Gedenk- und Erinnerungskultur an die nationalsozialistischen Verbrechen und deren Opfer beitragen« soll.

Unweit entfernt von dem Ladengeschäft erinnert seit 2012 in der Josephstraße 7 eine unscheinbar wirkende Gedenkstätte ebenfalls an ehemalige Hausbesitzer und -bewohner. Seit 1924 gehörte es dem Pelzhändler Isidor Isaak Reiter. Er wurde mit seiner Familie im Rahmen der Polenaktion im Oktober 1938 aus Leipzig abgeschoben. Die Familie Lotrwosky wohnte seit 1913 in dem Haus. Während einem Teil der Familie die Flucht ins Ausland gelang, starben Ida Jetty Lotrowsky 1944 im KZ Stutthof und einer ihrer Söhne 1939 im KZ Sachsenhausen. 2006 wurde das Haus abgerissen. Auf der leeren Fläche stehen Glastafeln, die Auskunft über die damaligen Besitzer und Bewohner geben wie auch die Vorgänge nach 1990. (Internetauftritt Gedenkstätte Josephstraße 7)

Grün-weiße Streifen an der Fassade in der Karl-Heine-Straße 43-45 erinnern an das ehemalige Kaufhaus Joske. 2008 bis 2010 initiierten die damaligen Bewohner eine Projektreihe. Sie sicherten und bargen die Spuren des ersten jüdischen Kaufhauses in Plagwitz, luden Kunstschaffende zu Interventionen ein, um eine aktive Form des Gedenkens im Leipziger Westen zu etablieren. 1904 wurde das Kaufhaus eröffnet und 1927 bis 1929 durch den Leipziger Architekten Wilhelm Haller umgebaut und um eine Warenhalle mit Oberlicht erweitert. Bereits vor 1933 trafen sich Nazis am Karl-Heine-Platz und randalierten vor dem Kaufhaus, das die Gebrüder Hans und Julius Joske betrieben. 1939 wurde es zwangsversteigert. Hans Joske floh im August 1939 und wurde später in Frankreich interniert. Seine Frau Clara und Tochter Ruth mussten in ein sogenanntes Judenhaus in der Jacobstraße 7 ziehen und wurden im Juli 1942 deportiert. Sie gelten seitdem als verschollen. Die Familie von Julius Joske floh nach Frankreich und später nach Palästina. (Internetauftritt Projektkaufhaus Joske)

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