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»Das Besondere zum Allgemeinen zu machen«

Die Autorinnen Kaśka Bryla, Olivia Golde, Deniz Ohde und Ronya Othmann im Gespräch über engagierte Literatur im Jahr 2020

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Es ist September im Jahr des Abstands. Für die Autorinnen Kaśka Bryla, Olivia Golde, Deniz Ohde und Ronya Othmann, deren erste Bücher soeben erschienen sind, ist es mehr als nur das. Wir treffen die vier an einem bewölkten windigen Tag im Garten des Leipziger Literaturhauses und sprechen über ihre engagierten Bücher, das Schreiben aus minoritärer Perspektive und hässliche Buchcover. Ein Beitrag aus dem :logbuch:.

:logbuch: Wie ist es, das erste Buch in der Hand zu halten?
KAŚKA BRYLA: (lacht) Ja, also, ich weiß auch nicht. Dieses Covid-Jahr ist wirklich anstrengend. So richtig freuen konnte ich mich erst bei der ersten Lesung in Wien. Vorher war ich genervt, gestresst, beunruhigt.
DENIZ  OHDE : Ich stand unter der Dusche, als es klingelte, und ich dachte: Ich hab doch gar nichts bestellt. Aber dann war mir klar: Das müssen meine Bücher sein! Also bin ich zur Post und hab sie abgeholt. Ich hatte mir halt so vorgestellt, dass ich die Treppe runterrenne und es dann in der Hand halte … Aber die erste Lesung war euphorisch. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass erst mal vielleicht keine Besprechungen kommen, aber dann war das Buch gleich auf der Longlist für den Buchpreis und meine Lektorin schrieb mir bei jeder Rezension ne SMS – ich hab drei Tage im Internet geklebt.

:logbuch: War schon ein Verriss dabei?
OHDE : Bis jetzt noch nicht. Ich trau der Sache aber nicht. Ich warte auf den, der sagt: Das ist so richtig scheiße. Ich hab aber das Gefühl, dass jetzt, wo es auch auf der Shortlist ist, genauer geguckt wird.

:logbuch: Wie war das für Sie, Frau Golde?
OLIVIA GOLDE: Ich muss da auch an die erste Lesung denken. Ich habe das Buch ja für die gekündigten Karstadt-Verkäuferinnen geschrieben, von denen einige dann auch da waren. Ich hab gesehen, wie sie während der Lesung nickten und lachten und weinten. Das war sehr berührend und bestärkend, also alles, was ich mir in der Hinsicht wünschen konnte. Mein Buch erschien, als Karstadt Galeria Kaufhof die circa 50 bundesweiten Filialschließungen ankündigte – ein Zufall, ohne den dieses kleine Buch, das sowohl inhaltlich als auch strukturell auf einer DIY-Ebene angelegt ist, vermutlich nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hätte.

:logbuch: Gab es – abgesehen vom normalen Hadern beim Schreiben – Momente des Zweifelns?
RONYA OTHMANN: Also ich hatte richtig Angst. Weil ich ja auch ein gebranntes Kind bin durch die Kolumnen [Othmann schrieb gemeinsam mit Cemile Sahin »Orient Express« in der taz, Anm. d. Red.], für die ich ja richtig bedroht und in der Türkei angezeigt wurde. Außerdem gab es Shitstorms. Also ich kenne heftige Reaktionen auf Texte. Wegen dem Roman hatte ich Angst, dass es, weil er politisch ist, ebenso Ärger geben würde. Das sind Dinge, die basically nichts mit dem Literaturbetrieb zu tun haben. Wegen literarischer Kritik hab ich mir nicht so einen Stress gemacht, da dachte ich: Ach, egal.
BRYLA: Nachdem ich meinen ersten Roman eh in die Schublade gepackt hatte, und dann hauptsächlich mit dem Aufbau von PS beschäftigt war [Bryla hat zusammen mit Golde, Jiaspa Fenzl, Carolin Krahl, Eva Schörkhuber und Yael Inokai seit 2015 sechs Ausgaben von PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb / Politisch Schreiben veröffentlicht, Anm. d. Red.], war es jetzt so Hightime für den ersten Roman, dass ich überhaupt nicht mehr gezweifelt habe. So, zack, jetzt muss er raus. Was kommt, das kommt.
OHDE : Ich hatte nach dem Lektorat so einen Moment, als ich dachte: Das ist alles total langweilig und platt. Das sind langweilige Gedanken. Aber das lag vermutlich daran, dass ich alles so oft gelesen hatte, dass ich alles schon kannte und natürlich nicht mehr überrascht war.
OTHMANN: Olivia, du hast ja das Cover zusammen mit deiner Grafikerin selbst entwickelt – wie war das bei euch, Kaśka und Deniz ? Ich hatte immer so Angst, dass mein Buch hässlich wird…
BRYLA: (lacht laut) Das stimmt, das stimmt!
OTHMANN: Zum Beispiel, dass sie einem so ein hässliches Cover hinklatschen. [Gelächter in der Runde] Das war meine Horrorvorstellung: so Klischeebilder einer kurdischen Frau, mit nem langem Zopf und ner Kalaschnikow in der Hand.
BRYLA: Ich hatte so Angst, dass sie mir einen roten Affen aufs Cover tun. Ich weiß noch, bei den Verhandlungen war das Erste, was ich gesagt hab: Ich hab hier eine Liste, was auf gar keinen Fall drauf darf – die Farbe Rot und ein Affe.
OTHMANN: Ich durfte dann ein eigenes Foto für den Umschlag nehmen.
BRYLA: Eine langjährige Freundin und Malerin hat mein Cover gemacht und ich war, glaub ich, so unerbittlich, dass es gar keine Diskussionen gab.
OHDE : Bei mir ging es eher um den Titel. Meine Lektorin hat »Streulicht« vorgeschlagen, das im ersten Teil des Buchs vorkommt – und ich hab mich geärgert, dass ich nicht selbst drauf gekommen bin!

:logbuch: Frau Golde, in Ihrem Buch heißt es: »Man schreibt nicht allein.« Auch bei Ihnen, Frau Bryla, gibt es einen ausführlichen Quellenteil im Roman, und Sie, Frau Othmann, danken explizit Ihrem Vater »für die Geschichten«.
GOLDE: Ich denke, der Schreibprozess an meinem Buch ist sehr deutlich geprägt von Freundinnen: Die Initiative kam von einer Schriftstellerkollegin, die mich auf das Thema hingewiesen hat. Ein schließendes Kaufhaus ist ein Ort, der mir in meiner Haltung zur Gesellschaft fremd ist, weswegen mir das Schreiben auch schwerfiel. Mich haben die ganze Zeit kleine Textbesprechungsgruppen begleitet.
BRYLA: So eine Gruppe ist wichtig, weil es oft passiert – wie du, Deniz , es grad gesagt hast –, dass man so blind wird dafür, was der Text bei anderen bewirken kann, wenn man ihn selbst so auswendig kann.
OHDE : Also ich war wirklich sehr lang allein mit dem Buch. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass – ihr wart ja alle am DLL, oder? –, ich ja nicht und ich bin das überhaupt nicht gewöhnt, mit anderen Leuten über meine Texte zu sprechen. Für mich war das am Anfang auch total wichtig, das allein zu machen, dass niemand weiß, dass ich den Roman schreibe. Ich hatte einfach das Gefühl, ich muss selbst erst so sicher sein, dass ich den Text gut finde, bevor ich ihn jemandem zeige.
OTHMANN: Ich war nur am Anfang damit mal in ner Textbesprechungsgruppe. Den ganzen Roman hatte ich auch lange niemandem gezeigt. Die Sache ist, dass mein Roman, der ja in diesem Dorf in Nordost-Syrien spielt, für ein deutsches Publikum ist, das keine Ahnung hat, wie das Regime dort funktioniert, welche Bevölkerungsgruppen da leben und so. Ich vergleiche es immer damit, dass man in Deutschland niemandem erklären muss, dass es die Mauer gab. Man muss nur Wende sagen und alles ist klar. Aber bei meinem Buch ist nichts klar und das war richtig schwierig, weil ich ja auch nicht so erklärbärmäßig einen Kulturführer Syrien schreiben wollte.
BRYLA: Das betrifft uns hier am Tisch ja alle, weil es generell ein Thema ist, wenn man aus einer minoritären Perspektive heraus schreibt – ob es nun eine migrantische oder eine queere ist: Was bin ich gewillt zu übersetzen und für wen schreibe ich in erster Linie? Für »meine« Leute oder für die, die ganz viel von meinen Selbstverständlichkeiten nicht verstehen?
OHDE : Ich finde, wenn ich selbst lese, diese Stellen des Fremden spannend. Ich habe zum Beispiel »My Sister, the Serial killer« von der ghanaischen Autorin Oyinkan Braithwaite gelesen und da war die Rede von einer Kopfbedeckung, unter der ich mir gar nichts vorstellen konnte. Dann hab ichs gegoogelt und dachte: Cool, was gelernt! Das finde ich schön, wenn so was passiert. Bei mir gab es da aber gar nicht so viele Sachen, das Einzige, was mir einfällt, ist die Formulierung »Auge machen«, die ganz gängig unter Deutsch-Türken ist und von meiner Lektorin rausgestrichen wurde mit dem Kommentar: Was ist das?
BRYLA: Aber als du es geschrieben hast, hattest du ein Publikum im Kopf, oder? Also Leute, bei denen du dir dachtest: Ich freue mich drauf, wenn die das lesen.
OHDE : Mir ist schon aufgefallen, dass es eher an bürgerliche Leute gerichtet ist. Das habe ich aber nicht bewusst gemacht. Ich hatte dann schon den Eindruck, dass ich bestimmte Sachverhalte solchen Leuten erkläre. Aber es ist auch für diejenigen, die das selbst mitgemacht, aber noch nicht in Worte gefasst haben.
OTHMANN: Aber das ist ja zwangsweise so. Im Brechthaus wurde ich auch gefragt, für welches Publikum ich schreibe. Das war wie ein Vorwurf — dass ich für ein bürgerliches, ein deutsches Publikum schreibe. Klar, es ist auf Deutsch geschrieben, also können es alle, die Deutsch lesen können, lesen, und das größte Publikum für Literatur sind Bürgerliche. Mein Buch wird aber auch von vielen Jessid*innen und Kurd*innen gelesen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Und gerade wenn man über so Themen schreibt wie du, Deniz , oder ich, so migrantische, da lautet der Vorwurf oft, man solle für diese Gruppe schreiben. Das finde ich schwierig.
OHDE : Das impliziert ja auch, dass das migrantische Publikum nicht bürgerlich sein kann.
BRYLA: Mir war bei meinem Buch schon wichtig, das Besondere zum Allgemeinen zu machen, in dem Sinn, dass zum Beispiel alle Figuren einen Migrationshintergrund in erster, zweiter oder dritter Generation haben – Figuren ohne minoritären Hintergrund gibt es nicht. Das ist einfach gesetzt. Und erfreulicherweise funktioniert das so gut, dass zum Beispiel der queere Aspekt in Rezensionen nie erwähnt wird, obwohl das vom Verlag sogar angeteasert wird. So hatte ich mir das vorgestellt – wie schön! (lacht)

:logbuch: Ihre Bücher sind sehr unterschiedlich, aber Sie alle arbeiten sich an einer Art Norm ab und versuchen, Gruppen abseits dieser Normen eine Stimme zu geben.
GOLDE: Ich habe mit der Formulierung »Stimme geben« Schwierigkeiten, denke eher an ein »nach Stimmen fragen« oder »Raum geben«. Es war sehr früh klar, dass das das Zentrum des Buches sein muss, von dem dann mein Blickwinkel ausgeht, und dass es eine Folge davon ist, dass ich meinen Blickwinkel auch transparent machen will und hinterfragen muss. Denn sonst besteht schnell die Gefahr, übergriffig zu schreiben.
BRYLA: Sobald du aus einer minoritären Perspektive schreibst, kommt sofort der Vorwurf, es sei dein Tagebuch, egal wie viel Arbeit du bei deinem Roman in die Fiktionalisierung und die Figuren steckst, während das bei anderen Autoren, wie Knausgård, als etwas Positives hervorgehoben wird.
OTHMANN: Dass man diese Diskussionen führen muss, ist doch absurd. Für mich wäre es irre gewesen, nicht darüber zu schreiben, sondern mir irgendwelche Storys über, keine Ahnung, Hans-Peter auszudenken. (alle lachen)
BRYLA: Aber ich finde beides legitim!
OHDE : Ein Journalist hat mal geschrieben, mein Roman sei autobiografisch, hatte das aber nie erfragt. Selbst die Agentur wollte den Roman als Autofiktion verkaufen, aber das stimmt halt einfach nicht. Meine Mutter ist nicht tot, das denken jetzt aber alle.
BRYLA: Ich finde schon, dass sich die Frage stellt, worüber man schreiben kann. Für mich ist es einfach wichtig, dass ich, in dem, was ich schreibe, mir gegenüber authentisch bin. Ich will mich wohlfühlen in der Perspektive, die ich einnehme. Und das kann ich nur, wenn sie mir vertraut ist. Das muss nicht meine eigene sein, aber ich muss mich in ihr gut genug bewegen können.
OHDE : Für mich ist das ähnlich. Ich finde, es wird immer dann problematisch, wenn es ein Machtgefälle gibt. Also wenn man sich über andere Menschen erhebt durch die Erzählstimme. Das kann ja auch unbewusst passieren, selbst wenn man reflektiert ist.

:logbuch: Frau Golde, hatten Sie deshalb das Gefühl, dass Ihre Zeuginnen am besten selbst erzählen können?
GOLDE: Es ist natürlich eine wichtige Frage für mein Buch, weil es mich in meinem Schreibprozess so gequält hat. Weil ich mit meiner Position in der Gesellschaft einfach nicht wusste, wie ich über diese 50-, 60-jährigen Frauen schreiben soll, denen gerade gekündigt wurde. Darum hat das Buch notwendigerweise fünf Kapitel mit fünf unterschiedlichen Perspektiven, die alle versuchen, sich gegenseitig zu halten und zu reflektieren.
OTHMANN: Ich finde diese Diskussion voll schwierig. Das sind ja eher moralische Fragen, die sich mit ästhetischen beim Schreiben mischen. Es gibt so verschiedene Schichten: Ich könnte eure Romane und Texte auch nicht schreiben, weil eben nur ihr die so schreiben könnt. Da stecken ja ganz verschiedene ästhetische, sprachliche, dramaturgische und stoffliche Entscheidungen drin, da gehts um Figuren, Recherche oder Nicht-Recherche, Fiktion und diese ganzen Sachen. Ich frage mich immer beim Schreiben: Wo sind meine Grenzen. Kann ich das?
BRYLA: Es ist doch eine Frage des Selbstbewusstseins. Vielleicht ist der Unterschied zu weißen Heteromännern, so nenne ich das jetzt mal, dass die sich schneller eine bestimmte Perspektive zutrauen. Was oft schiefgeht, wie ich finde.
OTHMANN: Aber auch bei weißen Heterofrauen!
BRYLA: Ja, stimmt. Aber wenn man aus einer minoritären Perspektive kommt, ist man sich der Schwierigkeiten stärker bewusst und geht nicht so schnell diesen Schritt und sagt: Ich kann das. Schwierigkeiten, die aus einer hegemonialen Perspektive nicht so wahrgenommen werden.
OTHMANN: Ich muss voll oft an »Das Schneckenhaus« von Mustafa Khalifa denken – das Beste, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Man spürt diese Beschädigung des Autors durch das Gefängnis und unfassbare Grausamkeiten in seiner Sprache und der Perspektive. Das könnte ich niemals schreiben – glücklicherweise. In Syrien ist das Buch natürlich verboten und wird heimlich per PDF weitergegeben. Nachdem es endlich ins Deutsche übersetzt war, hat Denis Scheck gesagt, es sei keine Literatur, sondern nur ein Tagebuch. Da steckt so diese Debatte drin: Wer kann überhaupt was und warum schreiben …
BRYLA: … und wie wird das dann bewertet.
OTHMANN: Genau. Und wenn man das nicht als Literatur anerkennt, dann müsste man erst mal den Literaturbegriff klären.
BRYLA: Manchmal habe ich das Gefühl, es ist die Angst weißer älterer Männer, dass irgendwann irgendwie rauskommen könnte, dass das, was sie erzählen, nicht so interessant ist. Um sich davor zu schützen, müssen sie die anderen Literaturen in das Besondere hinüberschieben.
OTHMANN: Und auf das Können, so zu schreiben wie Khalifa, sollte man nicht neidisch sein. Das ist ja auch bei Herta Müller so. Die hat die Beschädigung auch in der Sprache. Und dann gibt es da manchmal so eine absurde Eifersucht auf diese Sprache, also aufs Trauma. Ihr wollt das doch nicht erlebt haben, niemand sollte dieses Buch schreiben müssen!
BRYLA: Es ist doch irgendwie pervers, neidisch darauf zu sein, diese Perspektiven einnehmen zu können.
OHDE : Ich glaube, das ist nicht nur Neid auf das Trauma oder die Perspektive, sondern auch darauf, sich darüber hinwegzusetzen und das zu verarbeiten.
BRYLA: Aus der Opferhaltung rauszugehen.
OHDE : Ja, es ist Stärke, die da drinsteckt.

Das gesamte :logbuch: finden Sie unter: https://kreuzer-leipzig.de/epaper_uploads/Logbuch_2020_Herbst/

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