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»Es kann jeden treffen«

Im Gespräch mit dem Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums

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Das Sächsische Psychiatriemuseum befindet sich an der Mainzer Straße – in einer Reihe mit schmucken Villen, am Wasser gelegen. Im großen Garten sitzen Menschen unter Sonnenschirmen. In der ersten Etage leitet Thomas Müller das Museum und gibt Gästen gern mit auf den Weg: »Wenn Sie wissen wollen, wie Psychiatrie heute funktioniert, trinken Sie unten einen Kaffee.« Der Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums Thomas Müller über die Wendezeit, Klischees zur Psychiatrie und Pläne für einen neuen Gedenk-, Lern- und Begegnungsort. Das Interview des Monats aus dem Heft 11/20.

kreuzer: Sie sind studierter Germanist. Wie kamen Sie zur Psychiatrie?
Thomas R. Müller: Durch Zufall in der Wendezeit. Ich habe bis 1989 in Leipzig Germanistik studiert. Die meisten meiner Kommilitonen sind dann zum MDR gegangen, wollten Journalisten werden. Das habe ich relativ schnell aufgegeben. Ich hatte einen Freund, der war Psychiater und hat 1990 den Verein Gesellschaft für kommunale Psychiatrie gegründet. Er suchte einen Geschäftsführer und ich dachte mir, ich probiere das mal. Es war eher Zufall.

kreuzer: Wie ging es weiter?
Müller: Ich arbeitete ein paar Jahre auf ABM-Basis im Verein. Dann habe ich bei einem Projekt zur Enthospitalisierung in der Riebeckstraße (damals Außenstelle des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie Leipzig Dösen, d. Red.) mit Thomas Seyde und anderen Leuten mitgemacht. Ich hatte die ganze Zeit Kontakt mit Rosi Haase, einer der Gründerinnen des Vereins Durchblick, der Menschen unterstützt, die Psychiatrieerfahrungen gemacht haben (s. kreuzer 2/2017). Als es dann in der Riebeckstraße immer schwieriger wurde, hat mich Rosi zum Durchblick geholt.

kreuzer: Was wurde schwierig?
Müller: Das Projekt war in städtischer Hand. Es gab zwar den politischen Willen, diese Institution aufzulösen und die dortigen Bewohner wieder in der Stadt zu beheimaten, aber die Umsetzung war sehr komplex und wurde von den Verantwortlichen nur halbherzig unterstützt. Ich habe festgestellt, dass ich in solchen Strukturen schlecht arbeiten kann und einen größeren Handlungsspielraum brauche. Da kam mir das Angebot vom Durchblick sehr gelegen.

kreuzer: Worin bestand Ihre Arbeit?
Müller: Durchblick suchte einen Koordinator für ein Europa-Ausbildungsprojekt. Das habe ich zwei, drei Jahre gemacht. Dann kam die alte Idee wieder hoch, dass Rosi Haase immer wollte, dass die Kunstwerke, die im Durchblick entstanden sind, gesichert werden. Ein Museum ist ein sicherer Ort. Ich hatte mich bereits beim Projekt in der Riebeckstraße mit Psychiatriegeschichte beschäftigt und festgestellt, dass ganz viele Verbindungen zur Germanistik existieren – von Woyzeck angefangen. Das hat mich total fasziniert und ich dachte mir: So, jetzt machen wir einfach das Museum zur Psychiatriegeschichte.

kreuzer: »Einfach ein Museum machen« – das klingt sehr pragmatisch.
Müller: Na ja, eher ein wenig größenwahnsinnig. Wir hatten uns als neues Museum zur Museumsnacht 2001 angemeldet. Wir hatten ein gutes halbes Jahr Zeit. Es begann total improvisiert, aber das Grundkonzept, Psychiatriegeschichte anhand von Lebensgeschichte…

Thomas R. Müller, Jahrgang 1963, in Berlin geboren und aufgewachsen, Studium der Germanistik und Literaturwissenschaft in Leipzig, seit 1990 in verschiedenen Psychiatrieprojekten tätig, Gründer und Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums beim Verein Durchblick, Bücher und Beiträge zu Kunst und Psychiatrie und der Psychiatriegeschichte.

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