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Stimmen aus Vergangenheit und Zukunft

Leipziger Bühnen experimentieren mit Online-Formaten

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Theater ist auch in Zeiten der Pandemie erlebbar. Das durch die Corona-Pause ausgehungerte Publikum darf mit Audiowalks durch die Leipziger Innenstadt flanieren oder via ZOOM den Schauspielerinnen begegnen. Zwei Online-Formate, die holprig aber mutig sind.

Seit die Theater Anfang November abermals die Türen geschlossen haben, wird wieder stärker mit Online-Formaten experimentiert, die über den Griff ins Archiv hinausgehen. Zwei Leipziger Bühnen haben diesen Monat Angebote für den Theatergenuss auf Distanz bereitgestellt.

In verschiedene Zeitreisekapseln begibt man sich in der Produktion des Cockpit Collectives. Eine kleine Gruppe Zuschauerinnen kann dort über eine Videokonferenz im »Interface Theater« mit Visionärinnen aus Vergangenheit oder Gegenwart ins Gespräch kommen. Das Format der Schaubühne Lindenfels ordnet dies im Zufallsprinzip zu. Ein Sprung von Elon Musk zu Hedy Lamarr ist an einem Abend problemlos möglich und beide treibt die gleiche Frage um: »Wie wird unsere Zukunft aussehen?« Bevor das Publikum aufgerufen wird, an diesen Visionen mit zu spinnen, stellen sich die Figuren vor.

Soheil Boroumand gibt den Tech-Tycoon Elon Musk sehr menschelnd und teilt seine Angst vor dem Alleinsein. Als eine Zuschauerin vorschlägt, ein Degrowth-Unternehmen zu gründen, also eines, das Firmen wie Tesla bei der Umstrukturierung hin zum nachhaltigen Wirtschaften unterstützen würde, antwortet die Figur nur, er sei nicht daran interessiert. Dann gerät die angesetzte Diskussion ins Stocken.

Besser gelingt dies im Gespräch mit Hedy Lamarr, gespielt von Verena Noll. Die Figur des Hollywood-Stars, die im Zweiten Weltkrieg eine Verschlüsselungstechnik für Funksprüche im Kampf gegen das faschistische Deutschland erfand, zeigt sich bestürzt darüber, dass die Nazis zwar 1945 besiegt wurden, aber nicht verschwunden sind.

Das Format ist ein Spiel zwischen der Bereitschaft der Zuschauerinnen, auf die großen Fragen zu antworten und der Flexibilität der Schauspielerinnen in ihrer Rolle darauf zu reagieren. Kommt dies zusammen, macht es Spaß, sich darauf einzulassen. Am Abend der Premiere holpert es noch sehr, was auch am Fremdeln mit dem Format liegt. Oft herrscht Schweigen im virtuellen Konferenz-Raum. Am 10. Dezember hebt das Cockpit Collective mit einer anderen Besetzung und hoffentlich geschmeidigeren Abläufen erneut ab.

Ein Gespräch zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit findet auch im Audiowalk »Tempus-Wow« der Leipziger Autorin Heike Geißler statt. Im Rahmen der Produktion »Gob Squad’s 1984 — A Possible Future from the Past«, die im Juni in der Residenz des Schauspiel Leipzig Premiere hat, entstand ein geführter Spaziergang durch die Leipziger Innenstadt, der unscheinbare Details mit Geschichte verwebt. Auf dem Weg zwischen Nikisch- und Simsonplatz überwiegt selten die Freude am Entdecken. Die aufgegriffenen Motive aus Märchen, barocken Gärten und DDR-Geschichte folgen keinem roten Faden. Nicht nur inhaltlich verläuft sich der Audiowalk. Rasch kommt man vom Weg ab, läuft zu weit oder nicht schnell genug. Klarere Wegweisungen gäben da mehr Raum zum Flanieren und Lauschen. Mit diesem aktuell einzigen online Format, das jederzeit als MP3 auf der Seite des Theaters abrufbar ist, bleibt das Schauspiel Leipzig hinter den Angeboten anderer großer Häuser zurück.

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