Startseite / Kultur / »Psychogramme weiblichen Lebens«

»Psychogramme weiblichen Lebens«

Die Literaturwissenschaftlerin Ilse Nagelschmidt über Mütter in Büchern

Größeres Bild

Längst sind es nicht mehr nur Anke Stellings preisgekrönte Romane, die das gängige Mutterbild hinterfragen. Immer mehr Neuerscheinungen erzählen – meist aus dem Ich heraus – von der Zerrissenheit zwischen Lohn- und der Sorgearbeit, von den hohen Ansprüchen an sich selbst und dem Wunsch, es anders zu machen als die eigene Mutter. Der kreuzer hat mit der Literaturwissenschaftlerin Ilse Nagelschmidt über neue Diskurse und über Mütter – und auch Väter – in der zeitgenössischen Literatur gesprochen.

kreuzer: Bevor wir uns der zeitgenössischen Literatur widmen, würde ich gern in die Vergangenheit schauen. Da fallen mir zuerst die böse Stiefmutter ein oder auch kalte Mütter wie Madame Bovary. Gibt es Klassiker der Mutterschaftsliteratur?
ILse Nagelschmidt: Ja, die gibt es. Wie Sie gesagt haben, geht es los mit den deutschen Märchen, in denen es nur so wimmelt vor Müttern und Stiefmüttern, die ihre Kinder drangsalieren oder sogar aussetzen. Auch in den großen Dramen der Aufklärung spielen Mütter eine wichtige Rolle, beispielsweise in Emilia Galotti, wo die Mutter aus dümmlichem Stolz alles versucht, um ihre Tochter ins Unheil zu treiben. Weiter geht es dann mit Fontanes Spätwerk, in dem Mütter sehr stabile Figuren sind. Besonders interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch autobiografische Texte von Autorinnen seit dem achtzehnten Jahrhundert. Es fällt auf, dass die Autorinnen ihre Mütter darin oft als schwache, fast ablehnungswürdige Personen empfinden.

kreuzer: Woran liegt es, dass dieses Mutterbild so gar nichts Warmes, Geborgenes vermittelt, entgegen der gängigen Erwartungen?
Nagelschmidt: Bei diesen autobiografischen Texten liegt die Erklärung auf der Hand: Der Emanzipationsprozess junger bürgerlicher Frauen war vor allem an die Väter und deren Bildung geknüpft. Die Mütter hatten keine Bildung und konnten daher für ihre Töchter auch nichts tun, das kann man beispielsweise in den Texten von Fanny Lewald gut nachlesen. Das Mutterbild der Märchen ist dagegen eng mit der ersten industriellen Revolution und dem Aufkommen der Wissenschaften verbunden. Die Veränderungen schürten Ängste, und diese Ängste fanden darin Ausdruck, dass sich das Bild der lebensspendenden, warmen Mutter wandelte zu diesem total aufgerauten Mutterbild in den Märchen, das dann natürlich Teil des kulturellen Gedächtnisses wurde.

kreuzer: Springen wir in die Gegenwart, zu Anke Stellings Romanen wie »Bodentiefe Fenster« oder auch »Fürsorge«, die als Beginn einer neuen Literatur über Mutterschaft angesehen werden. Würden Sie das auch so sehen?
Nagelschmidt: Als Literaturwissenschaftlerin ist man leicht dazu verleitet, einen Anfang festzulegen. Ich persönlich bin da skeptisch, denn es gibt natürlich immer Vorläufer. Ich denke da beispielsweise an den Roman »Malina«, in dem Ingeborg Bachmann sich intensiv mit ihrem Vater auseinandersetzt, oder auch an die Texte von Marlen Haushofer. Tatsächlich ist aber Anke Stelling eine ganz wichtige Autorin, weil sich in ihrem Roman »Fürsorge« die Hauptfigur eine Frage stellt, die dem klassischen Mutterbild entgegenläuft: Sie fragt sich, warum sie überhaupt Mutter geworden ist. Und das ist wirklich wichtig, weil es dem recht neuen Diskurs widerspricht, der eine Frau erst als vollkommen betrachtet, wenn sie ein Kind bekommen hat.

Ilse Nagelschmidt; Foto: Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

kreuzer: Das ist nicht der einzige Diskurs, der sich verändert hat.
Nagelschmidt: Ja, das neue Jahrtausend hat sehr harte materielle Voraussetzungen: Frauen werden plötzlich wieder auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, und trotzdem bringen sie weiterhin deutlich mehr Zeit für die private Reproduktion auf. Das führt zu dieser Doppel- und Dreifachbelastung, zu einem hohen Anspruch an sich selbst und diese ständigen Fragen: Schaffe ich das? Werde ich dem gerecht? Diese Fragen in der Literatur wiederzufinden, berührt mich sehr.

kreuzer: Viele dieser neuen Romane beschreiben aus dem Ich – der Mutter – heraus ganz basale Tätigkeiten. Die Kinder werden zur Schule gebracht und wieder abgeholt, werden zum Hobby gefahren und wieder abgeholt … Wodurch entwickelt sich die Spannung, die diese Romane auszeichnet?
Nagelschmidt: Jahrzehnte-, fast jahrhundertelang wurde aus der deutschen Literatur alles verbannt, was einen Alltag ausmacht. Seit der Jahrtausendwende explodiert die Populärliteratur, die eben auch den Alltag von vielen Frauen beschreibt. Und dieser Alltag beginnt nun mal damit, dass man die Kinder morgens weckt und ihre Brotbüchsen vorbereitet, aber warum muss man das eigentlich tun?, und dass man sie dann zur Schule bringt, aber warum muss man das eigentlich tun? Diese Bücher haben also diese ganz alltägliche Ebene, die immer wieder durchbrochen wird von diesen Fragen: Wer bin ich überhaupt? Warum mache ich das alles? Machen die anderen es vielleicht besser? Auch diese Selbstüberprüfung ist elementarer Teil dieser Texte, und durch all das entstehen unheimlich spannende Psychogramme weiblichen Lebens.

kreuzer: Diese Romane spielen oft in einem akademischen Milieu. Die Mutter ist berufstätig, meist im kreativen Bereich, und vergleicht sich pausenlos mit anderen Müttern. Fehlt da nicht etwas?
Nagelschmidt: Es gibt natürlich auch Romane, die ganz anders sind. Etwa Liat Elkayam, deren Hauptfigur in ihrem Kind alles andere als die erwartete Erfüllung findet und darüber ein Tagebuch der Erniedrigung schreibt, oder Julia Francks Romane, die mit allen gängigen Mustern brechen. Was ich mir aber tatsächlich noch mehr wünschen würde, ist das Heraustreten aus dem akademischen Milieu. Wer hat die Chance, seine Kinder ständig zum Ballettunterricht zu fahren? Wer kann sich Tage und Wochen Zeit nehmen, um über sich selbst nachzudenken? Und ich würde mir mehr Mut zum Experimentieren wünschen. Ich habe mich jahrelang mit Autorinnen der DDR beschäftigt, und da habe ich es genossen, dass über Frausein und Mutterschaft nicht nur in diesem psychologisierenden Moment nachgedacht wird. Dort gibt es immer auch eine fantastische Ebene, etwa bei Irmtraud Morgner oder bei Maria Seidemann, die in einer Kurzgeschichte von einer sehr ambitionierten Mutter erzählt. Diese Mutter ist berufstätig und hat Zwillinge, und als sie ihren vielen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, erhält sie Hilfe von einem Raben – solange, bis die Stimmen ihrer Kinder immer rauer werden und sie schließlich die Flügel ausbreiten und davonfliegen.

kreuzer: Wie ist das in anderen Sprachen, wird über Mutterschaft dort anders erzählt?
Nangelschmidt: Ich verfolge hauptsächlich den US-amerikanischen Diskurs, den ich insofern spannend finde, als dass dort Autorinnen ganz verschiedener Ethnien schreiben. Mit Toni Morrison und Alice Walker habe ich mich intensiv beschäftigt, und in deren Texten habe ich genau das gefunden, was ich eben beschrieben habe. Natürlich gehen diese Autorinnen auch von der Realität aus, sie beziehen aber beispielsweise Mythen und Sagen in ihre Texte ein und entwickeln einen vielfältigen Kosmos von Müttern, die ihre Kinder ablehnen, bis hin zu Müttern, die für ihre Kinder durchs Feuer gehen. Das würde ich mir auch von der deutschen Literatur wünschen.

kreuzer: Jetzt haben wir viel über die Mütter gesprochen, aber was ist eigentlich mit den Vätern? Welche Rolle spielen sie in der zeitgenössischen Literatur?
Nagelschmidt: Es gab eine Zeit, in der die Väter eine sehr große Rolle gespielt haben, und das war zunächst vor allem in der vorfeministischen Literatur Österreichs in den fünfziger und sechziger Jahren, beispielsweise in den erwähnten Romanen von Ingeborg Bachmann. In diesen und den Texten von Autorinnen der Neuen Frauenbewegung ab Ende der sechziger Jahre stand der Vater für die Vergangenheit, für das Faschistoide, für die Vernichtung, und in diesen Texten ging es sowohl um die Loslösung vom eigenen Vater als auch von einer ganzen Vatergeneration. Wenn junge Autorinnen heute ihr eigenes Selbstverständnis begründen, dann machen sie das dagegen eher über die Auseinandersetzung mit der Mutter.

kreuzer: Und kommt es vor, dass die Väter von ihrer Vaterschaft erzählen, womöglich aus dem Ich heraus?
Nagelschmidt: Höchstens minimal – aber warten wirs ab! Ich kann mir vorstellen, dass in Zukunft mehr Autoren das Bedürfnis haben, schreibend über ihre Vaterschaft zu reflektieren. Das Männerbild wandelt sich, auch wenn durch die Corona-Einschränkungen viele Eltern wieder in die klassischen Rollen gedrängt wurden.

kreuzer: Und zum Abschluss: Haben Sie ein Lieblingsbuch, in dem Mutterschaft eine Rolle spielt?
Nagelschmidt: Das ist die »Die Mittagsfrau« von Julia Franck. Julia Franck erschafft darin eine Mutter, die gänzlich anders ist: Sie zieht sich immer weiter zurück und überlässt ihre Töchter mehr oder weniger dem Chaos. Schließlich setzt sie ihr Kind ganz bewusst aus, begleitet dieses Aussetzen über mit einer gewissen mütterlichen Vorsorge, indem sie dem Kind einen Beutel mit Namen und Adresse mitgibt. Diese halbherzige Mutter hat mich wirklich fasziniert.

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.