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Kaffeesachse im Verschwörungswahn

Pegida und der lutherische Lynchmob: Mit Geschichte ließe sich einiges legitimieren. Eine Warnung

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»So geht sächsisch«: Mit dieser Dachmarke wirbt Sachsen für sich, kittet eine sächsische Identität zusammen. Diese zeigt sich besonders exklusiv, wirkt als Mischung aus Stolz und Schmach verstärkend aus aufs Bild vom »hellen Sachsen«, der sich nichts sagen lässt. Weil Aufklärung und Kritik der erste Weg zur Besserung sein können, soll die sächsische Identitätsbildung hier in loser Folge beleuchtet und diskutiert werden. Warum fühlt man sich in Sachsen so besonders und bildet das nicht genau auch den Boden für besonders eklige Phänomene der Gegenwart? Was also sind die sächsischen Verhältnisse? Wie geht sächsisch – und warum? Der vorerst letzte Teil dieser Reihe.

»Sachsen.« – Lassen Sie das Wort mal wirken. Welche Bilder kommen auf, wenn Sie das lesen? Wie fühlen Sie sich? Heimelig beglückt, anhand gemütlich vor sich hin schmauchender Räuchermänner? Tief gekränkt, weil der Striezelmarkt abgesagt worden ist? Oder doch eher stolz, immerhin wurde hier der Kaffeefilter und anderer Tand erfunden?

Assoziationen sagen meist mehr über uns aus und das, was uns bewegt, als über die Sache, auf die sie sich beziehen. Assoziationen stehen zudem in Bezug zu der Situation, in der sie hochkommen. Nicht umsonst wird in einem nicht ganz ernst gemeinten Bonmot der Zeitzeuge als ärgster Feind des Historikers bezeichnet. Und es wäre unlauter, mit der in diesem Artikel aufgesetzten Brille der Dekonstruktion landesväterlich geschürter Sachsenidentität in die sächsische Geschichte zu schauen und Bögen zu konstruieren, die in der Retrospektive von mehreren hundert Jahren wirklich nicht mehr als Konstruktionen sein können. Das wäre eine ebensolche Bauernfängerei, wie der Versuch, jene sächsische Identität als »helle, charmant und im Krieg immer auf der falschen Seite« aufzubauen. Nettes Talkthema auf einer Cocktailparty, gefährlich aber, wenn damit Politik gemacht wird.

In den Archiven des Landes finden sich zahlreiche Belege für allerhand Thesen. Doch wem nützt es, sich gegenseitig zu versichern, dass »wir Sachsen« »schon immer« so waren oder so nicht? Wir, die gemütlichen Kaffeesachsen, die sich stets gütlich einigen wollen und immer auf der falschen Seite im Krieg stehen. Es mag Belege dafür geben. Mindestens genauso viele widerlegen das. Und selbst das Phänomen des Verschwörungsglaubens ist in der sächsischen Geschichte keine Neuheit.

Angst vor dem Fremden: Wir und die Anderen

Gruppenidentität entsteht aus dem Ringen über die Definition von Zugehörigkeit und Fremdheit. Für die Frühe Neuzeit wurde nach einigem auch blutigen Ringen der rechte Glauben der lutherischen Orthodoxie als Kernelement des »rechten Sachsen« angesehen. Der musste um 1700 Lutheraner sein, gehörte zu einer der vielen sächsischen lutherischen Kirchen, war in diesem Glauben getauft, getraut und irgendwann, so Gott ihn heimholte, auch beerdigt. Der rechte Glaube war Grundvoraussetzung für den Erwerb von Bürgerrechten und Immobilien, der Ausübung von Zunftgewerbe und damit natürlich auch Grundvoraussetzung für die Gestaltungsmacht im Sachsenland.

So zumindest die starre Norm. Die Realität wich sichtbar ab. Gerade in Städten wie Leipzig mit seiner attraktiven Messe, aber auch in Grenzgebieten, wurde die vermeintliche Homogenität im Lande aufgebrochen. In Leipzig entwickelte sich aus geflohenen Hugenotten eine kleine reformierte Gemeinde. Im Jahr 1710 wurde in der Pleißenburg sogar der erste katholische Gottesdienst, bestehend aus hauptsächlich italienischen Händlern, gefeiert. In dieser Gemengelage traf die abweichende Konfession mit einer abweichenden kulturellen Herkunft zusammen, was einerseits eine Duldung erleichterte (reformierte Gottesdienste fanden in französischer Sprache statt), andererseits jedoch Ressentiments jenseits der Konfession mitschwingen ließ. So wurde die lutherische Geistlichkeit nicht müde, die reine Lehre zu überwachen. Französischen und italienischen Händlern wurde vorgeworfen, die sächsische Ordnung zerstören, sich gar »einnisten« zu wollen. Insbesondere den katholischen Geistlichen wurden Unterwanderung und Destabilisierung des Landes unterstellt.

Müssen alle Sachsen katholisch werden?

Nährboden für diese Theorien fanden sich in der Erfahrung von knapp 200 Jahren interkonfessioneller Polemik und Kampfpropaganda. Grundsätzlich traute man den »Papisten« alles zu. Unterfüttert wurde das Ganze, als August der Starke beschloss, polnischer König zu werden, spontan seine Liebe zum Katholizismus entdeckte und den Glauben wechselte. Angst machte sich im Land breit. Müssen nun alle Sachsen katholisch werden? Die sächsischen Landeskinder waren entzweigerissen zwischen Treue und Ergebung zum Kurfürsten einerseits und ihrer Liebe zum Luthertum andererseits.

August betonte, sein Glaubenswechsel wäre eine rein persönliche Entscheidung gewesen. Praktisch jedoch bereitete er hinter den Kulissen bereits die Konversion seines Sohnes Friedrich August zum Katholizismus vor. Nicht zuletzt, um den polnischen Königstitel seinem Herrscherhause auch über seine eigene Regentschaft hinweg zu erhalten. Es entbrannte zwischen dem Kurfürstenelternpaar ein Tauziehen um die Frömmigkeit des Kurprinzens, das auf einer Italienreise des Prinzen zugunsten des katholischen Bekenntnisses ausfiel. Allerdings traute sich August der Starke erst nach dem Tod seiner durch und durch lutherischen Mutter, die längst erfolgte Konversion seines Sohnes und zugleich seine Vermählung mit der erzkatholischen Habsburgertochter Maria Josepha im Land bekannt zu geben. An diesem Punkt gewannen die lutherischen Ängste noch einmal eine neue Qualität.

Jede Trauung und Taufe war verdächtig

In diesem Konglomerat kommunizierter Halbwahrheiten, stark verunsicherter Identitäten und in Frage stehender konfessioneller Privilegien entwickelte sich eine Dynamik gegenseitiger Kränkungen und Verdächtigungen. Kurz nach der Konversion schauten die lutherischen Pfarrer eifersüchtig in Richtung Reformierte und Katholiken. Jede Taufe und Trauung wurde argwöhnisch beäugt, dokumentiert und den Andersgläubigen in Rechnung gestellt. Pöbeleien und Handgemenge auf offener Straße sind dokumentiert. In Leipzig wurden katholischen Geistlichen mit Regelmäßigkeit die Wohnungsfenster durch Steinwürfe zertrümmert.

Besonderer Schwerpunkt waren die »Papisten«: Die katholische Geistlichkeit bestand ausschließlich aus Jesuiten, denen damals die dunkelsten Verschwörungsmythen nachgesagt wurden. Ihnen wurde vorgeworfen, das Sachsenland zu unterwandern und als Beichtväter den Kurfürsten zu manipulieren. So wurde jeder Schritt der Pater überbewacht. In Dresden wurde protokolliert, welches Kleidung sie trugen und welche Beutel sie bei sich hatten, stets unterm Verdacht, unrechtmäßig katholische Zeremonien abzuhalten. Hebammen erhielten Strafen, wenn sie die Neugeborenen aus gemischten Ehen nicht schnell genug beim Stadtrat meldeten, damit dieser den Vollzug der lutherischen Taufe – zum Teil mit Stadtwachen – durchsetzen konnte.

Die Erregung wuchs in den 1720er-Jahren derart an, dass es sogar zu städtischen Ausschreitungen kam. Anlass war der Mord am lutherischen Geistlichen Magister Hahn in Dresden, der von einem geistig verwirrten Konvertiten erschossen wurde. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Schnell hieß es, die Jesuiten hätten den Mord befohlen. Aufgebrachte Stadtbewohner brachen in Wohnungen von Katholiken ein, stahlen wertvolle Devotionalien und warfen Hausrat auf die Straßen. Die Stadtwache musste die Katholiken für einige Zeit in Gewahrsam nehmen, um sie vorm lutherischen Lynchmob zu schützen.

Vom Blick in die Geschichte

Am Beispiel wird deutlich, welchen Januskopf die Beschwörung von Gruppenidentitäten hat. Eine solche Zuschreibung als Gruppe entwickelt ihre eigene Dynamik. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass die Reformierten gerade durch die Inszenierung jener Zuschreibung als »französische Kolonie« ihre Privilegien durchsetzen konnten und es schließlich fünfzig Jahre später zum gut bürgerlichen Ton in Leipzig gehörte, den reformierten Gottesdienst besucht zu haben.

Bei aller Beschwörung von Gruppenidentitäten bleibt eben auch die exklusive Identifizierung des »Anderen« bestehen. Irrationale Empörung und Hassprojektionen auf ein wie auch immer definiertes Anderes gibt es nicht erst seit Pegida. Die Frage an uns bleibt, wie wir heute damit umgehen wollen. Wie wir gesellschaftliche Bindekraft herstellen können und jene Konflikte gewaltfrei lösen können. Ein Blick in die sächsische Geschichte lässt deutlich werden, es gibt Erfahrungswerte, die wir auswerten und diskutieren sollten. Aber natürlich können wir auch einfach einen Comic herausbringen, indem wir uns rühmen, dass hier irgendwann einmal der Kaffeefilter und die Trommelwaschmaschine erfunden wurde.

Die Historikerin Ulrike Geisler promoviert über gesellschaftliche Integrationsprozesse und konfessionelle Minderheiten in Sachsen.

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