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»Ein Protokoll von Menschenrechtsverletzungen«

Ein Gespräch über »Stimmen gegen das Schweigen«

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diese Woche sprachen die beiden über das Buch »Stimmen gegen das Schweigen« der Aktivistinnen Joumana Seif und Wejdan Nassif, in dem Verstöße gegen das Menschenrecht in syrischen Gefängnissen dokumentiert werden.

LINN PENELOPE MICKLITZ: Was wird in »Stimmen gegen das Schweigen« erzählt?
JOSEF BRAUN: Erzählt werden vor allem die Schicksale weiblicher Insassen in den Gefängnissen des Assad-Regimes. Die zwei Herausgeberinnen haben die Frauen, die hier sprechen, interviewt und ihre Erfahrungen in Buchform zusammengetragen. Die meisten der Interviewten leben inzwischen in Europa oder anderswo im Exil. Manche wurden während der Revolution 2011 unter dem Regime von Baschar al-Assad verhaftet. Andere schildern ihre Gefängniserlebnisse unter der Diktatur von Hafiz al-Assad, dem Vater des heutigen Machthabers. Das Buch spannt so auch einen historischen Bogen, der zeigt, dass sich vom Vater zum Sohn, trotz anfänglicher Hoffnungen nach der Machtübernahme im Jahr 2000, wenig geändert hat.

MICKLITZ: Was unterscheidet das Buch von bereits erschienenen Publikationen wie »Das Schneckenhaus« oder »Haus aus Stein«? Haben wir es hier mit literarischen Stimmen, Stimmen von Autorinnen zu tun, oder ist es ein dokumentarisches Buch?
BRAUN: Zuerst einmal ist das Buch kein Roman, eher ein Protokoll von Menschenrechtsverletzungen. Der Fokus auf weibliche Gefangenen ist ein weiterer Unterschied zu den genannten Büchern. Er öffnet den Blick auf bestimmte Seiten von Haft und Folter, die vor allem Frauen erleben. Dazu tragen die Herausgeberinnen dann Erfahrungen zusammen, zitieren aber auch ausgiebig aus ihren Gesprächen mit Zeuginnen. Dabei finden sie eine gute Balance zwischen persönlichen Schicksalen und der Schilderung der Strukturen, die dieses Schicksale geprägt haben.
Häufig werden Frauen etwa als Geißel für ihre Männer gefangengenommen. Frauen, die selbst politisch aktiv sind, werden wiederum nicht selten Opfer der patriarchalen Kultur in Syrien. Selbst wenn sie die vielen Formen des Missbrauchs in der Haft überleben, ist ihr Ruf nach der Freilassung oft ruiniert. Sie gelten als beschmutzt und werden teilweise von ihren Familien ausgestoßen.

MICKLITZ: Was kannst du uns zu den Herausgeberinnen sagen?
BRAUN: Wijdan Nassif ist eine syrische Schriftstellerin und Aktivistin. Sie weiß, wovon sie berichtet, weil sie selbst in den 1980er Jahren in einem syrischen Gefängnis saß. Später floh sie nach Europa und lebt seit 2014 im französischen Exil. Nassif hat unter anderem die syrische feministische politische Bewegung mitbegründet. In der engagiert sich auch die Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Joumana Seif. Sie ist die zweite Herausgeberin und lebt in Berlin. Beide Frauen hoffen auf eine Anklage der Täter. Dafür setzen sie sich auch außerhalb ihres Buches ein.

Joumana Seif, Wejdan Nassif (Hg.): Stimmen gegen das Schweigen. Berlin: Hirnkost 2020. 126 S., 12 €

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