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À LA RECHERCHE – DE LA RÉVOLUTION PERDU

Ein innerdeutscher Monolog

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Am 8. Januar verstarb Barbara Köhler mit nur 61 Jahren. An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Text von ihr aus der ersten Ausgabe des Kreuzers von 1991.

Und dann ist eine Vergangenheit auf uns gekommen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Und gerade als wir meinten nun begänne die Zukunft. Als sich das Wer-ist-Wir-Gefrage zugunsten von Ich und Du und Du und Ich und Ich schon entschieden hatte, weil keiner mehr mit uns WIRSINDDASVOLK spielen wollte. Als sich die Einbahnstraße gleich hinter dem siebenten Berg zum Highway verbreiterte und kein Tempolimit mehr galt. Als wir im Stau steckten und die Verkehrsmeldungen nur die zunehmende Länge des Staus mitteilten aber keinen Umweg keinen Ausweg fingen wir an uns zu erinnern: ÜBERHOLEN OHNE EINZUHOLEN.

Ich erinnere mich an einen Morgen, irgendwann Mitte der achtziger Jahre. Das Datum spielt keine Rolle. Damals schon verschwammen die Jahreszeiten und meistens war Herbst. Ich war nicht verliebt, niemand hatte mich verlassen. Der Abend vorher war ohne Bedeutung, die Nachrichten besagten nichts Ungewöhnliches. Ich entsann mich keines Traums. An das Licht erinnere ich mich genau, es machte die Dinge stumpf, wirkte grau abgenutzt ausgebleicht. Aber auch das war eigentlich nichts Besonderes. Ich wachte auf, mitten hinein in eine unfassbare Leere und es gab dafür keinen Grund. Ich hatte das Gefühl ALS HÄTTE DIE ZUKUNFT AUFGEHÖRT und wußte damit würde ich leben müssen. Ich war gefaßt.

Immer noch sage ich Wir: Du und Du und Du und Ich, als ob Generation schon zuviel gemeint wäre für ein paar Jahrgänge um 1959, Freundinnen und Freunde die das Wort Schicksal vermeiden: wir wollen nicht übertreiben. Ein Wir das die Defensive des Ichs beschreibt, unser Wir gegen das allgemeine Einvernehmen, die Einbahnstraße VOM ICH ZUM WIR, gegen die Anfechtbarkeit die Unanfechtbarkeit ein kleiner Plural der Vergewisserung. Im Rückspiegel verlieren sich die Konturen des Landes. Vor uns die Ebene, eine Vergangenheit, die unsere ist. KENNST DU DAS LAND WO — Wo haben wir gelebt. Haben wir gelebt.

Im Land ESWAREINMAL hinter den sieben Bergen, wo die Guten ein für allemal gut waren und die Bösen böse, wo die deutschen Märchen wahr gemacht wurden. Wo wir verwunschen waren und immer, wenn wir das halbe Königreich erobern wollten, sich diese Stimme aus dem Off meldete, quengelnd wie ein Gewissen: RUCKEDIGUH BLUT IST IM SCHUH. Und wir sprangen ab, gingen zu Boden, weiter auf unseren verstümmelten Füßen. Wir träumten davon zu weit zu gehen, aber wir wußten nicht wo das hätte sein können. Die Grenzen waren uns einverleibt, ohne Schuld waren wir, verschont und verflucht.

Cover des Kreuzer 1/91

Ich erinnere mich an eine Nacht, auf dem Rückweg vorn allsommerlichen Bulgarien-Tramp, in Polen, zwei Jahre vor dem Aufstand der Solidamosc. So ziemlich alle Gäste bei Annas Fete glaubten an eine kommende Revolution und die weltverändernde Rolle der Kunst und stritten in drei vier Sprachen über das Wie. Einer, der Andrzej Janusz oder Krzysztof hieß, erzählte mir eine lange ernste Geschichte auf Polnisch. Ich sagte ihm meinen einzigen polnischen Satz: Nie rozu-miem po polsku, er lächelte, erzählte weiter. Wir tanzten den ganzen Abend.

In der Nacht sind wir sehr allein gewesen, außerhalb der Sprachen derer man sich bedienen kann, verloren in unseren Leibern und unseren vergeßlichen Namen. Jenseits von Gestern und Morgen, ganz in der Nähe. Wir hielten uns, hielten das Andere aus. Es war die einzige Gegenwart, an die ich mich erinnerte.

DIE ERDE IST EINE SCHEIBE: Erfahrung der Zweidimensionalität. Die Mauer war auch nur eine vertikale Ebene, genau wie die Mattscheibe des TV, die Leinwand im Kino, die Seiten der Bücher. So sind Welt-Bilder entstanden, Vorstellungen, die keinen Raum haben. Auf glatten Flächen, nicht einmal Blindenschrift. Wer soll das BEGREIFEN.

Es war einmal eine Kindheit die hieß IMMER WAR SOMMER. Nichts ging zu Ende, es gab nur Anfänge und Versprechen, Kokosnüsse und Waldmeisterbrause, das Lächeln Gagarins. Unsere Einbahnstraße führte zum Kosmodrom, wir schrieben Aufsätze zum Thema: “Meine Stadt im Jahr 2000” und in keiner dieser Städte fiel Schnee.

Wir glaubten an LA REVOLUTION wie an den Weihnachtsmann an den Osterhasen an die Kinderrituale, auf denen wir noch bestanden als wir es längst besser wußten: WIR WOLLN DIE GOLDNE BRÜCKE BAUN DER LETZTE WIRD GEFANGEN MIT MESSER GABEL SCHER UND LICHT

WENN ER FÄLLT DANN SCHREIT ER. Wir spielten Himmel und Hölle es war das Jahr Achtundsechzig als unser Held vom Himmel stürzte, Gagarin starb. In jenem Sommer, zwischen Nachrichten von Barrikaden und Panzern, muß unsre Kindheit verlorengegangen sein.

Ich erinnere mich an einen Vormittag; es war in der 6. Klasse, man hatte mich in ein Schulungslager delegiert, als Auszeichnung: Ferien mit Fahnenappell und politischen Diskussionen. Es war ein Privileg, ich glaube ich war stolz darauf. Ich glaubte auch, daß meine Eltern stolz auf mich waren. Ich hielt sie für Spießer, ihr erklärtes Erziehungsziel war Anpassung und Unauffälligkeit. Und daß aus mir ETWAS BESSERES wird.

An diesem Vormittag, wir waren zu OFFENER FREIMÜTIGER DISKUSSION angehalten, fragte ein Mädchen: Was mache ich wenn meine Eltern Westfernsehen gukken. Die Vorschläge reichten von demonstrativer Verweigerung über ideologische Grundsatzdebatte bis Umschalten. Jede Wette, daß alle das Verpönte taten, über das längst inoffizielles Einverständnis herrschte, schweigendes. Keiner gab es zu, alle haßten sich dafür. Wir starrten uns an wie Ungeheuer, wir kannten keine Worte für das was wir anrichteten, wir hatten nur dieses Würgen im Hals, uns im Griff.

Road Movies können auch das Gefühl von Bewegung erzeugen. Wir saßen im Kino und sahen zum fünften oder siebenten Mal THE STRAWBERRY STATEMENT, einen Film über die 68er Revolte an einer amerikanischen Universität, der bei uns Blutige Erdbeeren hieß. Wenn am Schluß die Nationalgarde den Saal räumte wo die Studenten auf den Knien lagen und “Give Peace a Chance” von John Lennon sangen, hatten wir auch beim fünften oder siebenten Mal noch Tränen in den Augen, Sehnsuchtstränen. Wir paßten nicht ins Bild, auf die Plakate, all die werbenden Flächen, die uns umstellten. Wir kamen nicht unter in dem Koordinatensystem von Gut und Böse, etwas hinderte uns, vielleicht die Trauer unserer verlassenen Körper, ihre Hilflosigkeit im Raum ohne Richtung. ln einem Raum, den es nicht gab.

Ich erinnere mich an einen Abend, drei Wochen vorm Fall der Mauer. Zum erstenmal war ich in Westberlin, diesen so unwahrscheinlichen blauen Paß in der Tasche. Freunde hatten mich vom Checkpoint abgeholt und ins Theater gebracht, wo ich mir ein Stück über die Französische Revolution ansehen sollte. Ich saß allein im Zuschauerraum voller Angst und Unsicherheit. Als sich die Plätze um mich füllten, staunte ich die anderen Theaterbesucher, die ‘Wessis’, an: ganz normale Menschen die sich selbstverständlich bewegten. Das schien mir so befremdlich daß ich mich schließlich fragte was ich denn erwartet hatte. Die Antwort machte mich schaudern, selbst wenn es nur eine spöttische Frage war: Etwa Klassenfeinde?

BLUT IST IM SCHUH: Die mittlere Schwester, der zweite der drei Brüder, denen das deutsche Märchen kein eigenes Schicksal zubilligt, damit nichts die Eindeutigkeit des Guten gefährdet. Sprachlos werden sie auf die Seite der Bösen geschlagen, eine Rechtfertigung mehr für die Skrupellosigkeit der Sieger. Uns schlug man zu den SIEGERN DER GESCHICHTE, für die wir nichts konnten. So gingen wir verloren, gingen fremd in Affären Liaisons Beziehungskisten im Status quo im Kreis: BEWEGUNG IST ALLES. Wir lebten in den Möglichkeiten unserer Grenzen, beschrieben bezeichneten Flächen.

Die anderen Hände die anderen Körper fügten uns den Raum Ich zu, verließen uns hielten uns fest. Für Zwischen-Räume kam kein Gefühl auf, dafür waren wir einander zu nahe, es gab Ebenen und die Fremdheit dazwischen. Ungreifbar unser Traum von LA REVOLUTION, vom Tanz auf den grauen Straßen, dem endlosen Anfang dem traurigen Karneval der fröhlichen Verzweiflung.

Ich erinnere mich an das Jahr Sechsund-siebzig an den Tod Ulrike Meinhofs, die Ausweisung Wolf Biermanns, an das Jahr Siebenundsiebzig, Mogadischu und Stammheim. Die RAF war der letzte Vollstrecker unserer Ohnmacht.

Als dann unsere Freunde weggingen, einer nach dem anderen, nahmen sie auch unsere Gründe zu bleiben mit. Wir verstanden sie und fühlten uns verraten. Wir gewöhnten uns daran daß alles nur noch zu Ende ging, aber das Ende nicht absehbar war. Wir blieben WEIL ES KEINEN SINN HATTE weil wir uns nicht erinnern konnten weil die Zukunft schon vorbei war – vielleicht waren das auch die letzten Gründe derer, die weggingen.

Im Herbst 89 begannen die halbvergessenen Bilder zu leben, standen greifbar und unbegreiflich in einem plötzlich wirklichen Raum: Polizisten mit Gummiknüppeln Helmen und Schilden, Wasserwerfer, Panzerwagen. Die Menge mit den zum Siegeszeichen erhobenen Händen und den glücklichen Gesichtern. Die Transparente mit der eigenen Sprache, jeder Witz einen Jubel wert. Es war wie im Kino, nur daß wir die Sperrsitzreihen verlassen hatten, die knarrenden Klappsessel den abgeschabten Plüsch; es war unser Film, spielerisch probierten wir die Gesten der Helden aus, unsre verjährten Hoffnungen. Ein paar Wochen lang spielten wir LA RÉVOLUTION wie früher Räuber und Gendarm und verpaßten darüber den Abspann, den Beginn eines anderen Szenariums. Wir behaupteten tapfer unsere Traumrollen, doch es wurde uns nur noch mitgespielt. Unsere Gesten gingen ins Leere: so begriffen wir daß der Film aus ist. Es ist kalt und ziemlich leer in den Zwischenräumen. Damit wir nicht frieren bewegen wir uns: wir bleiben auf der Strecke, auf dem Highway der auch nur ein Oneway ist, geborgt aus einem anderen Film, flankiert von großformatigen Reklametafeln, die Sehnsüchte ins Märchen planieren. Auf der Überholspur haben es welche eilig: VORWÄRTS UND NICHT ERINNERN.

Wir reisen durch die verlorene Zeit auf der Suche nach einer Zukunft. Es gibt eine Gegenwart, der Horizont stürzt auf uns zu. Im Autoradio singt Tom Waits I’M GOING STRAIGHT TO THE TOP UP WHERE THE AIR IS FRESH AND CLEAN und das klingt wie die Geschichte eines letzten Zusammenbruchs. Eine menschliche Stimme, ein lebendiger Raum. Ich erinnere mich.

 


Einen Scan der Version im kreuzer 1/91 finden Sie hier: Kreuzer 1/91 Barbara Koehler

Der Text wurde in seiner Original-Fassung übernommen, also auch alte Schreibweisen.

Unser Verlagsleiter Egbert Pietsch erinnert an dieser Stelle nochmal an Barbara Köhler: https://kreuzer-leipzig.de/2021/01/13/die-lyrikerin-barbara-koehler-ist-tot

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