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Kampf gegen Faschismus

Eine Kundgebung zeigt Solidarität mit Studierenden und Personal der Boğaziçi Universität

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Am 6. Februar demonstrierten circa 50 Personen in Leipzig als Zeichen der Solidarität mit Studierenden und dem Personal der Boğaziçi Universität in Istanbul.

Es schneit, alle tragen Masken und Mützen, bekannte Personen erkennen sich zuerst einmal nicht und dann folgen Töne der Freude bei Wiedererkennung: So sah die Demonstration am heutigen Samstag am Augustusplatz aus. Circa 50 bis 60 Personen sammelten sich, um sich mit den Studierenden und dem Personal der Boğaziçi Universität in Istanbul, der Türkei, zu solidarisieren.

Worum es bei der Demonstration geht

Am 1. Januar 2021 wurde der Professor und frühere AKP-Politiker Melih Bulu vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zum Rektor der Boğaziçi Universität ernannt – ein Posten, den man eigentlich nur durch Wahlen erreichen kann. Daraufhin wurde von Studierenden, dem Personal und anderen Unterstützerinnen die Aktionsgruppe »Boğaziçi-Solidarität« (Boğaziçi Dayanışması) gegründet.

Am 4. Januar fand am Campus die erste große Demonstration gegen den vom Präsidenten ernannten Rektor statt. Demonstrierende, darunter Studierende sowie das Personal der Bosporus-Universität, forderten den Rücktritt Bulus und eine demokratische Wahl des nächsten Rektors. Die Polizei ging gewaltsam gegen die Demonstrierende vor, 17 Personen wurden in Gewahrsam genommen. Seit Wochen protestieren Studierende und Unterstützungskreise gegen den neuen Rektor, bisher wurden Hunderte in Gewahrsam genommen.

Das System, demokratisch Gewählte mit regimenahen Vertrauenspersonen zu ersetzen, hat Tradition in der Türkei unter der AKP-Regierung. In kurdischen Städten, in denen die radikaldemokratische Oppositionspartei HDP gut abschneidet, wird dies bereits seit Jahren praktiziert: Gewählte Oppositionspolitikerinnen werden von ihren Posten genommen und durch Ombudsmännern der AKP ersetzt. Das wird von der kurdischen Zivilbevölkerung als eine Verletzung des Wahlrechts kritisiert. Seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 wurde dies auch innerhalb der Universitäten eine beliebte Methode, um oppositionelle Stimmen stillzulegen.

Am 30. Januar organisierten die Studierende der Boğaziçi Universität eine Kunstausstellung, auf der ein Bild der Kaaba, das zentrale Heiligtum des Islams, mit einer Regenbogenflagge daneben zu sehen war. Der türkische Innenminister sprach daraufhin in einem Tweet davon, dass »vier LGBTI-Perversen«, welche »die Kaaba verunglimpfen« würden, in Gewahrsam genommen worden seien. Der Kurznachrichtendienst entfernte den Tweet schon am selben Tag, zwei der vier in Gewahrsam genommenen Studierenden wurden später verhaftet. Das Bild löste eine landesweite paradoxe Diskussion über queeres Leben aus, Erdoğan diffamierte LGBTIQ+ Identitäten (»Hören Sie nicht auf diese Lesben-Mesben, die Mutter ist die Säule, auf der die Familie stützt.«) und verleugnete ihre Existenz in der Türkei zugleich (»LGBT, so etwas gibt es nicht. Dieses Land ist nationalistisch und spirituell, und mit diesen Werten laufen wir in die Zukunft hinein.«)

Am 6. Februar veröffentlichte die Solidaritätsgruppe der Bosporus-Universität einen offenen Brief und forderte den türkischen Präsidenten auf, zurückzutreten.

Demonstration in Leipzig
Der kreuzer fragte bei Demonstrierenden am Augustusplatz nach, warum sie auf der Kundgebung waren:

Elif Özdemir; Foto: Sibel Schick

Elif Özdemir: »Ich habe mein Bachelorstudium an der Boğaziçi absolviert und solange war diese Universität mein Zuhause. Es handelt sich um einen wertvollen Ort, in dem unterschiedliche Meinungen koexistieren können. Es wird versucht, die gesamte Rechnung der aktuellen Geschehnisse an LGBTIQ+-Personen zu stellen. Deshalb stehe ich heute hier: um meine Solidarität kundzutun.«

Alican, Foto: Sibel Schick

Alican: »Ich bin heute hier, weil es nicht nur um die Boğaziçi Universität geht. Die aktuellen Entwicklungen sind ein Teil der Dynamik in der Türkei, die seit den Gezi-Protesten entsteht. Ich bin Kurde, in der Türkei wurden meine Familie und ich unterdrückt. Wir rechneten schon immer damit, dass sich die Situation um Menschenrechte verschlimmert.«

Ilker Çörüt, Foto: Sibel Schick

Ilker Çörüt: »Ich studierte 10 Jahre an der Boğaziçi Universität. Ich halte diese Uni als Ort für eine Ausnahme im gesamten Land. In der Türkei kann über vieles nicht gesprochen werden, Boğaziçi allerdings war bis vor Kurzem ein Ort, an dem selbst die radikalsten Gedanken geäußert werden konnten. Diese Grundlage soll zerstört werden, das lehne ich ab. Deshalb stehe ich heute hier. Hier geht es um mehr als eine Universität. Die Verteidigung von Boğaziçi ist Teil des Kampfes gegen den Faschismus.«

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