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Rolle rückwärts

Beim Take-Away grassieren die Einwegverpackungen

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Take-away ist derzeit das einzige Lebenszeichen von Restaurants – der wachsende Müllberg scheint unvermeidlich. Doch es gibt Wege aus der Einwegverpackung. Der Beitrag aus der Februar-Ausgabe des kreuzer.

Die heimische Küche wird zum Schlachtfeld, ganz ohne Selberkochen: ein Schlachtfeld aus Alufolie und Plastetüten. Seit Anfang November sind Kneipen, Restaurants und Bars wieder geschlossen, einige Gastronominnen haben ein Angebot zum Mitnehmen. Das geht logischerweise nur mit Verpackungsaufwand und das erscheint wie eine kleine Rolle rückwärts. Immerhin waren Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Gastronomie ein großes Thema, das bei den Gästen punkten konnte. Das machte auch vor dem Hotelfrühstück nicht halt, wo zuletzt – als Hotels noch offen waren – die in Kleinstportionen abgepackte Marmelade wiederauferstand. Ein Teil des Müllbergs lässt sich an den öffentlichen Papierkörben der Haltestellen besichtigen, die das Volumen nicht fassen können. Prognosen verkünden, dass verpacktes Essen auch nach der Pandemie wichtig bleiben werde. Eine wichtige Frage der Stunde ist also, wie sinnvolle Verpackungen aussehen könnten.

Mit nachhaltiger Gastronomie befasst sich der Bund Leipzig seit einigen Jahren. »Pfandsysteme nehmen die Gäste gut an«, erzählt Sebastian Gerstenhöfer von den ersten Ergebnissen einer Studie, die die Umwelt- und Naturschützerinnen in Leipzig durchführten. Im schlimmsten Fall habe der To-go-Gast einen neuen Becher im Schrank stehen, den er noch oft nutzen kann. So ein Pfandsystem erfordert freilich neben dem kleinen Planungsaufwand beim Gast ein tragfähiges Netzwerk an teilnehmenden Lokalen. Recup beziehungsweise Rebowl heißt so ein bundesweites System für Mehrwegbecher und -schalen, das in Leipzig nicht nur in Backshops und Tankstellen vertreten ist.

Noch weniger Müll, aber dafür mehr Planung bedeutet es, wenn die Gäste das eigene Geschirr ins Restaurant tragen. Das Café Kowalski berichtet: »Unsere Gäste nehmen diesen Weg gut an, bringen eigene Gefäße oder Töpfe mit und fragen bei der telefonischen Vorbestellung nach, welches Behältnis aus ihrer Küche für das Essen to go passen könnte.« Für alle anderen Gäste hat das Kowalski recycelbare Verpackungen parat.

Umdenken tut sowieso bald not, jedenfalls ein bisschen, denn der Gesetzgeber verbietet ab Juli neben Plastetüten unter anderem Besteck und Geschirr aus Plaste sowie Styroporverpackungen. 
Sebastian Gerstenhöfer vom Umweltschutzverband Bund hält das für einen ersten Schritt, auch wenn Aluminium und Pappe weiterhin erlaubt sind: »Wer sich neu orientiert, landet vielleicht nicht gerade bei Alu und Pappe«, hofft er. Außerdem plant das Bundesumweltministerium eine Gesetzesänderung, der zufolge Lokale, die Speisen und Getränke zum Mitnehmen in Einwegverpackungen verkaufen, auch Mehrwegbehälter anbieten müssen.

Wenn die Zukunft der Gastronomie ohne Pandemie weiterhin viel Außerhaus-Geschäft bedeutet, muss Ersatz her. Die Plagwitzer Allerlei-Genussmanufaktur (kreuzer 11/2020) kocht einfach ein: Sie verkaufen Gerichte im Glas, ein Prinzip, mit dem auch das Barcelona in der Gottschedstraße und das Maître in der Südvorstadt arbeiten. Und eventuell könnte das Material zur Problemlösung beitragen. So verpackt das Fela in der Karl-Liebknecht-Straße in biologisch abbaubare Behältnisse aus nachwachsender Zuckerrohrzellstofffaser. Manche solcher Alternativen wie Ökokarton werden jedoch gerne falsch getrennt oder sind wie Ökoplaste nicht gut zu recyceln, weiß Umweltschützer Gerstenhöfer.

Der Betreiber des Kowalski im Musikviertel, Peter Herden, betreibt außerdem die Umaii-Ramenbar in der Klostergasse. Beide Restaurants sind Teil von Vytal, einem Leihsystem ohne Pfand, das es seit Herbst bundesweit gibt. 17 Leipziger Lokale sind beteiligt, vom Waldfrieden in Connewitz über das Tokyo Café in der Kolonnadenstraße bis zur Löwentanke in der Jahnallee. Die Gäste leihen das Mehrweggeschirr für eine bestimmte Frist. »Das ist fast wie in der Bibliothek«, sagt Fabian Grunicke, der in Leipzig für Vytal zuständig ist. »Überziehen Sie, zahlen Sie zehn Euro und haben eine Schale mit Deckel gekauft.« Die komplett umweltschonende Lösung ist auch dies nicht, obwohl die Plasteschalen sich laut Unternehmen bis zu 200 Mal verwenden lassen. Da bleiben nur das eigene Geschirr oder das Warten auf die Wiedereröffnung. Der nicht entstandene Müll spart übrigens Kosten bei Restaurants wie Verbraucherinnen. Und irgendwie schmeckt es vom richtigen Teller besser als aus dem Karton.

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