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Wie in einer Wichskabine

Die Punkband Milliarden spielte in Leipzig das kleinste Konzert der Welt

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Es sind harte Zeiten für Menschen, die gerne auf Konzerte gehen oder die gerne Konzerte geben. Nun konnte in Leipzig zumindest ein Mensch einen Live-Gig erleben – in einem Auto.

Die Verzweiflung ist groß, so viel ist klar. Seit einem Jahr finden keine Konzerte mehr statt – von ein paar Open-Air-Veranstaltungen im Sommer mal abgesehen und dem damaligen Trend, dass Leute im Autokino tanzten, der sich offensichtlich nicht durchgesetzt hat. Die Berliner Band Milliarden hat das Prinzip jetzt umgekehrt und sich eine ausgefallene Promoaktion für ihr drittes Album »Schuldig« ausgedacht, die sie das »kleinste Konzert der Welt« nennen.

Dieses kleine Konzert findet nicht in einer Halle statt, sondern in einem Auto. Mit ein paar Freunden hat die Band einen Sprinter zu einem rollenden Club umgebaut. Der Innenraum ist mit Postern beklebt, von der Decke hängen Plastikrosen, gedämpftes Licht und Heizstrahler sorgen für Wärme. In der Mitte des Raumes steht eine Plexiglasscheibe, hinter der die zwei Musiker mit Gitarre und Keyboard sitzen, davor ein Sessel für den Fan. Die Situation erinnert an Privatkabinen in Etablissements, die auf Erotik spezialisiert sind. »Ein bisschen wichskabinenmäßig«, sagt Hartmann.

Intim ist es vor allem deshalb, weil immer nur ein Fan in den Van darf. Die Band fährt jeden Tag in eine andere Stadt, gibt vier bis fünf Konzerte hintereinander, je 20 Minuten, dazwischen wird desinfiziert. Ausgelost wurden die Fans in den sozialen Medien, wo sie ihre besten Momente mit der Band kommentieren sollten. In Leipzig hat Andrea gewonnen. Als sie auf den Parkplatz des Werk 2 kommt, wo der von außen sehr unauffällige Kleinbus steht, ist sie aufgeregt. »So was hatte ich ja noch nie«, sagt sie. »Ich frage mich, wie ich mich verhalten werde, wenn ich kein Teil der anonymen Masse bin.« Die Fans, die dieses Eins-zu-Eins-Konzert bisher erlebten, verhielten sich tatsächlich sehr unterschiedlich. Die Frau, die vor Andrea dran ist, rastet aus, macht Krach, singt mit, sodass es draußen auf dem Parkplatz fast nach einer Party klingt, die im Inneren des Wagens abgeht. »Die, die es am meisten berührt, sind ganz ruhig«, erzählt Hartmann. »Für eine war dieses Konzert so heilig, da haben wir richtig das Knistern der Spannung gespürt. Sie hat sich sogar den Hochzeitssong ihrer Eltern gewünscht.«

Ben Hartmann und Johannes Aue sind »Milliarden« in einem Kleinbus, Foto: Juliane Streich

Sänger Ben Hartmann und Pianist Johannes Aue haben zwar eine Setlist auf dem Boden liegen, auf der Songs stehen, die mit der Akustikgitarre gut funktionieren. »Aber die meisten wollen andere hören«, lacht Aue. Denn die Fans dürfen sich auch Songs wünschen, überhaupt wird viel auch viel geredet während des privaten Auftritts – schließlich fehlt das gerade in diesen kontaktarmen Zeiten: einfach mal wieder mit anderen Leuten quatschen. Und so trifft die Band auf die unterschiedlichsten Leute. Vom Unternehmensberater über Lehrer und Studenten bis zu einer Ballerina war schon alles dabei. »Wir sind mindestens genauso aufgeregt, bevor die Person reinkommt«, sagt Aue. So ein kleines Konzert sei schwieriger als vor vielen Menschen in einer Konzerthalle zu spielen. »Man spürt jede Atmung, jede Bewegung, jeden Blick, jedes Mitsingen«, sagt Hartmann.

Die Frau, die in dem Van gerade so ausgerastet ist, kommt raus. Phantastisch sei es gewesen, sagt sie. Sehr individuell natürlich, aber vor allem »supergeil«, weil sie endlich mal wieder ein Konzert erleben durfte.

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