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»Dagegen protestiere ich«

Die Antifaschistin Anneliese Schellenberger ist verstorben

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Als Tochter eines Widerstandskämpfers hat Anneliese Schellenberger die Gräuel der Nazis am eigenen Leib erfahren. Zeit ihres Lebens engagierte sie sich deshalb gegen Rechtsextremismus, half mit beim Aufbau des Bundes der Antifaschistinnen und Antifaschisten in Leipzig. Nun ist sie im Alter von 91 Jahren verstorben.

In der Januar-Ausgabe des kreuzer 2020, erschien in der Rubrik »Post an den kreuzer« ein wütender Leserbrief, unterschrieben mit »A. Schellenberger, 90 Jahre, Leipzig«. Anneliese Schellenberger machte darin ihrem Ärger Luft, dass der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten die Gemeinnützigkeit entzogen wurde. Sie schrieb: »Als Tochter des antifaschistischen Widerstandskämpfers Alfred Schellenberger, Häftling im KZr Buchenwald, der vom faschistischen Volksgerichtshof 1944 zum Tode verurteilt worden ist, habe ich als Kind bei Verhaftungen die Brutalität der Nazis am eigenen Leibe erfahren. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) ist für mich ein Bund der Gleichgesinnten, die gemeinsam mit Sympathisanten den mutigen Kampf der Widerstandskämpfer gegen die 12-jährige Nazidiktaturwürdigen und alles daransetzen, sich dem aufkeimenden Faschismus entgegenzustellen. Es macht mir Angst, wenn ich um die Taten der Rechtsextremen, die besonders in Bayern geschützt, gehegt und gepflegt wurden, weiß, die nach der politischen ›Wende‹ hier im Osten ihr Betätigungsfeld gesucht und gefunden haben. Nach dem 9. November 1989 kamen mit ihnen in Leipzig die Reichskriegsflaggen auf die Montagsdemos. Aber man zeigt mit dem Finger auf die sogenannten Linksextremisten! Um dem VVN-Bund der Antifaschisten den Status der Gemeinnützigkeit zu nehmen, verlangt Bayern von Berlin, diesen Status zu streichen: wegen angeblicher zu großer Nähe zum Linksextremismus…! Dagegen protestiere ich hiermit auf das Schärfste!«

Anneliese Schellenberger, Foto: Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Leipzig e. V.

Ihr Protest blieb ungehört, ihre Ängste gegen den aufkeimenden Faschismus nicht. Geboren am 7. Oktober 1929 in Wiesbaden, erschien vor zehn Jahren auf der Grundlage des Briefwechsels ihrer Eltern – Charlotte und Alfred Schellenberger – das Buch » ›…einen bescheidenen Beitrag geleistet‹ Alfred Schellenberger – Antifaschistischer Kampf und Überlebenszeichen aus Lichtenburg und Buchenwald«. Der Vater, der bis 1939 in den Konzentrationslagern Esterwegen, Sachsenburg, Lichtenburg und Buchenwald gefangen war, folgte seiner Frau und den zwei Kindern nach Leipzig, schloss sich hier der Widerstandsgruppe um das Nationalkomitee Freies Deutschland an. Sie gründete sich im September 1943 und propagierte unter anderem die Arbeitelangsam-Bewegung in der Kriegsproduktion gemäß dem Motto »Kämpft mit uns Antifaschisten gegen den totalen Krieg Hitlers für den totalen Frieden«. Nach einer Verhaftungswelle im Juli 1944 wurde Schellenberger zum Tode verurteilt. Die Bomben auf Dresden am 13. Februar 1945 verhalfen ihm zur Flucht. Bis zur Befreiung lebte er in der Illegalität und entging so dem Schicksal der meisten Mitglieder der Leipziger Schumann-Engert-Kresse-Gruppe, deren Todesurteile bereits Mitte Januar 1945 in Dresden vollstreckt wurden.

Anneliese Schellenberg selbst war Mitglied der KdF-Jugendgruppe, einer Widerstandsgruppe getarnt als Gruppe der Freikörperkultur. Nach der Wende engagierte sie sich im Aufbau des VVN-BdA in Leipzig und warnte immer wieder vor der rechten Gefahr, die aufkommt. »Ihr ging es darum, dass die Erinnerung aufrecht erhalten wird. Sie setzte sich als bewusste Augenzeugin dafür ein und nutzte jede Gelegenheit dafür«, betont Christine Bohse vom VVN-BdA gegenüber dem kreuzer.

Dass ihre Angst nicht unbegründet war, zeigen aktuell nicht nur die sogenannten Corona-Leugner. In den letzten Wochen mehrten sich die Polizei-Meldungen von verfassungsfeindlichen Symbolen in und um Leipzig. Der 2009 verlegte Stolperstein für Georg Schwarz vor seiner Wohnung in der Georg-Schwarz-Straße verschwand bei Bauarbeiten. Die Tafel mit der Biografie von Schwarz an der Kreuzung zur Merseburger Straße ist nicht mehr vorzufinden genauso wenig wie die biografischen Ergänzungen an einem Straßenschild in der Spittastraße. Während die Baufirma einen neuen Stolperstein finanziert, hat Linken-Landtagsabgeordneter Marco Böhme im Zusammenhang mit den fehlenden Erinnerungsschildern Anzeige gegen Unbekannt gestellt.

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