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Das Glück in der richtigen Schule zu sein

Es braucht neue Prioritäten im Bildungssystem - ein Kommentar

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Die Pandemie zeigt Probleme in der Schule auf, die grundsätzlicher Natur sind. Durch die derzeitige Situation könnte der Druck für eine tatsächliche Veränderung steigen. Denkt Bildung endlich neu, fordert unser Familienredakteur Josef Braun.

Als erstes Bundesland hat Sachsen die Schulen nach dem Winter wieder geöffnet. Inmitten einer unübersichtlichen pandemischen Lage bereitet diese Öffnung nicht nur Eltern große Sorgen. Es gibt auch Schülerinnen, die sich unwohl fühlen, wenn sie wieder in die Schule sollen, während ringsherum alles im Lockdown bleibt. Einige von ihnen forderten bereits im Januar unter dem Hashtag Schülerstreik das sächsische Kultusministerium dazu auf, die Schulen geschlossen zu halten. Zu dem Zeitpunkt kehrten die ersten Abschlussklassen in den Unterricht zurück. Einen Monat später wiederholten die Schülerinnen ihr Anliegen in einem offenen Brief an Ministerpräsidenten Kretschmer. Darin verwiesen sie auf die weiterhin zu hohen Inzidenz-Zahlen, die nach Empfehlungen von Virologen eine Schulöffnung eigentlich unmöglich machen sollten. Ein Gesprächsangebot des Ministerpräsidenten erhielten sie nicht.

Nun gibt es Gründe, die Schulen zu öffnen. Kinder, die wenig Unterstützung von ihren Eltern erhalten oder denen das Lernen zu Hause schwerfällt, werden im Lockdown abgehängt. Das soziale Miteinander ist ein wichtiger Bestandteil schulischer Bildung. Genauso wie die pädagogische Begleitung durch Lehrkräfte. Gestattet sein muss jedoch die Frage, zu welchem Preis eine Öffnung jeweils stattfindet. Kritik kommt unter anderem von der Bildungsgewerkschaft GEW Sachsen. Deren Vorsitzende Uschi Kruse sagte Anfang Februar in einem Statement: »Sachsen versucht sich erneut ein Siegertreppchen beim Öffnungswettbewerb zu sichern und verharmlost dabei die Folgen für die Betroffenen.«

Bereits vergangenen Sommer scheint man im sächsischen Kultusministerium vor allem davon ausgegangen zu sein, dass man einfach wieder zum Regelunterricht zurückkehren könnte. Anders ist nicht zu erklären, dass es trotz Warnungen vor steigenden Zahlen für den Herbst kaum Bemühungen gab, die Schulen für den Corona-Winter zu rüsten. Die große Maßnahme, auf die man sich schließlich einigte: regelmäßiges Lüften, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Kein besonders umfangreiches Konzept. Lieber hätte man damals neben der Ausstattung von Schulen mit Luftfiltern und Hygieneschutzartikeln den digitalen Unterricht verbessern sollen. Stattdessen stürzte die Lernplattform LernSax wiederholt ab, weil zu viele Schülerinnen darauf zugriffen. Dass das Ministerium nicht in Wochen nachholen kann, was über Jahre in der deutschen Bildungspolitik versäumt wurde, ist nachvollziehbar. Die vielen Vorschläge aus der Bevölkerung zeigen jedoch, dass aktuell noch einiges angegangen werden müsste.

Auch in der Redaktion des kreuzer sammeln sich die Nachrichten von enttäuschten, mitunter verzweifelten Eltern und Schülern. Wie es vor Ort an den Schulen aussehen muss, mag man sich nicht ausmalen. Der Eindruck vom Bildungsministerium ist der eines Kolosses, aus dem in unregelmäßigen Abständen Direktiven oder Empfehlungen an die Schulen gehen. Diese sind zumeist so formuliert, dass am Ende niemand sicher weiß, wo er steht. Stattdessen sollen die einzelnen Schulen in Eigenverantwortung arbeiten. Eine beliebte Taktik nicht nur in Coronazeiten. Mit dem Argument, dass man großes Vertrauen in die Fachkräfte vor Ort habe, drückt man sich um klare Ideen. Dieses Muster wiederholt sich auch im Großen. So haben sich seit Beginn der Coronakrise die Kultusministerinnen der einzelnen Bundesländer mehrfach getroffen, nur um dann am Ende jeder seinen Stiefel durchzuziehen. Das Ergebnis ist eine Bildungslandschaft, in der Kinder das Glück haben müssen, in der »richtigen« Schule zu landen.

Viele Probleme wie schlechte Organisation, ein verstaubtes Prüfungssystem oder das mangelnde Tempo, in dem Schulen fürs Internetzeitalter fit gemacht werden sollen, sind grundsätzlicher Natur. Sie müssen in den nächsten Jahren angegangen werden. Der Druck könnte dabei noch steigen, wenn sich bundesweit weiterhin so viele Schülerinnen, Eltern und Lehrerinnen für Veränderungen einsetzen. Sie legen schon jetzt den Finger in die Wunde. So etwa Leipziger Schülerinnen, die eine Petition für ein »Durchschnittsabitur« gestartet haben. Doch von dieser und ähnlichen Lösungsansätzen, die vorschlagen, Prüfungen wegfallen zu lassen, halten Kultusminister Christian Piwarz und seine Kolleginnen wenig. Sie befürchten, dass die Abschlüsse der Schülerinnen dadurch entwertet würden. Bei all dem stellen sich die Fragen: Wozu ist Schule überhaupt da? Welchen Zielen dient sie? Am Ende bekommt man den Eindruck, dass Prüfungen eine im wahrsten Sinne des Wortes ungesunde Priorität im Bildungssystem eingeräumt wird.

In einer Verlautbarung haben die Kultusminister festgehalten, dass Schülern »keine Nachteile aus der Pandemie bedingten Ausnahmesituation entwachsen« dürften. Ein hehres Ziel, dass in der deutschen Bildungswirklichkeit schon jetzt nicht mehr eingehalten werden kann. Es ist Zeit, dass Bildung neu gedacht und Prioritäten anders gesetzt werden. Bessere Kommunikation, Pläne für Coronafälle, dauerhaftes Arbeiten an digitalen Alternativen, mehr Schutz für Lehrerinnen und Kinder. All das sind Dinge, die jetzt schon umgesetzt werden sollten. Für den Rest bleibt zu hoffen, dass Politikerinnen und Verwaltungen irgendwann damit beginnen, denen zuzuhören, die seit Jahren ein Umdenken in der Bildungspolitik fordern.

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