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Hanau ist überall, auch in Leipzig

Die Folgen rassistischer Gewalt werden schnell akzeptiert - Ein Kommentar

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Mehr als ein Jahr sind die rassistischen Morde an neun Menschen in Hanau nun her. Seitdem haben sich viele Menschen in Leipzig organisiert und trugen in die sozialen Netzwerke, was sie aufregt: In Kreisen nicht-betroffener Personen wird immer noch schnell vergessen, worüber geredet wird, wenn es um Rassismus geht, kommentiert Yasemin Said.

Ein Jahr nach Hanau

Der kleine rote Transporter, auf den die Gesichter der Ermordeten gestrahlt werden, versperrt die Sicht zur Graffitiwand. Daneben stehe ich, blicke in die Menge und erkenne niemanden. Es ist kurz vor 18 Uhr, seit einer halben Stunde dunkel. Ich erahne blinkende Telefone. Man flüstert mir zu, dass ein Polizist am Rande der Veranstaltung zu seinem Kollegen sagt: »Die haben 1500 Leute gezählt und es gibt immer noch Zulauf. Aber wir fahren heute ‘ne deeskalierende Strategie, schön ruhig alles.« Wir schmunzeln und denken uns trotzdem: Sind wir also dankbar für keine Eskalation auf einer Gedenkfeier. Drei Kundgebungen sind für den Abend geplant. Im Osten organisiert von uns, Migrantifa Leipzig und diversif, im Westen vom sozialistisch-demokratischen Studierendenverband Leipzig (SDS), dem Kollektiv Tipi und Prisma LE, im Süden von der Initiative »Rassismus tötet«.

Ein Jahr zuvor

Die Kundgebung am Donnerstagabend vor einem Jahr hatte am Otto-Runki-Platz stattgefunden. Über den Tag liefen Feeds auf Twitter voll, quollen über von Informationen. In Hanau seien Schüsse gefallen, in der Midnight Bar, im Vorraum eines Kiosks, in der Arena-Bar dann die letzten. Neun Menschen wurden an dem Abend erschossen: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov. Der Täter ein Rechtsextremer, bekennend rassistisch, frauenfeindlich, bewaffnet. Eine Schlagzeile an dem Tag: Warum tötete er? Und nicht: Wer starb? Kurze Zeit später standen wir zusammengedrängt bei der Versammlung. Ich forderte eine Gruppe weißer Leute mehrmals dazu auf, ruhig zu sein. Sie redeten weiter. In einer Eckkneipe des Viertels lief Karaoke. Ein Bekannter schrieb: »Sorry zu spät dran gedacht.«, so, als wären die Körper schon kalt.

Hanau als Abschied

Wir weinten erst richtig, als wir in der Bar vor unseren Bieren saßen. Dann organisierten wir uns. Trugen in soziale Netzwerke, was uns aufregt und redeten darüber, weil es für den Moment so schien, dass es die Leute wirklich interessierte. Und trotzdem kam manchmal der kleine Moment, da fragte jemand nach, welche rassistischen Vorfälle genau passiert seien. Mit ein wenig zu viel Neugierde, zu wenig Empathie, ohne Verständnis: Vielleicht können wir darüber nicht immer, nicht so offen, nicht ohne Vorwarnung reden. Dann die Reaktion: »Ja, wie soll ich mich denn verhalten.« So kam die andere Seite von Hanau: Der Abschied von Freundinnen. Es wirkte so, als hätte Hanau soziale Beziehungen vor die Zerreißprobe gestellt. Weil das Leben für viele Nicht-Betroffene einfach weiterlief und für uns zwar auch, aber radikaler, mit mehr Positionierung, mehr Wut. Weil man uns zeigte: Ihr könnt in diesem Land immer noch erschossen werden, weil ihr anders ausseht.

Hanau als Status quo

Es wird in Kreisen nicht-betroffener Personen schnell vergessen, worüber wir reden, wenn es um Rassismus geht. Und was ihn mit anderen Formen der Diskriminierung eint: Die Gewalt. Die, auch wenn sie nicht physisch passiert, für uns spürbar ist. Eine Gewalt, die uns konfrontiert, wenn wir den Job nicht bekommen, zum WG-Casting nicht eingeladen, von der Polizei angehalten, an der Bartheke ignoriert werden. Und weil sie für weiße Personen unsichtbar alle Ebenen der Gesellschaft unterwandert hat, ist die Gewalt gelebte Normalität. Der Status quo ist:

»Was ist denn wieder auf der Eisi los?«
»Ja, Shishabar Razzia«
Zitat: Sharing is Caring Ost Gruppe

Es gibt keine Entrüstung, wenn rassifizierte Orte wöchentlich von der Polizei durchsucht werden. Die Folgen rassistischer, struktureller Gewalt werden schneller akzeptiert als der Rassismus selbst. Weil er mittlerweile dazu gehört.

Heute

Zum Jahrestag der Ermordung stehen wir im Rabet plötzlich geeint in dem Kampf und können für den Moment hoffen, dass dieses Gefühl länger anhält als letztes Jahr. Ich denke mir, ihr könnt uns helfen, Fragen zu beantworten. Uns fällt es schwer Antworten zu finden, oder eher: Die Antworten helfen nicht. Wir fragen uns:
Warum dauert die Ermittlung so lang?
Warum erhält ein vorbestrafter Rechtsextremist eine Verlängerung für seinen Waffenschein?
Warum wurden den Angehörigen die Körper der Ermordeten so spät gezeigt?
Warum war die Polizei erst vier Stunden später beim Täter?
Was fühlt ihr gerade?
Wieso macht das nichts mit euch?
Warum findet ihr nicht schlimm, dass euch das kalt lässt?
Was muss noch passieren?
Worauf wartet ihr?

Weitere Informationen unter:
https://http://www.facebook.com/migrantifa.le/
https://http://www.facebook.com/diversif.leipzig/

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