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Ungleichheit auf dem Wahlzettel

Kandidatinnen für die IHK-Vollversammlung machen auf sich aufmerksam

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Bis zum 22. März können Mitglieder der Industrie- und Handelskammer zu Leipzig ihre Vollversammlung wählen. Dabei fällt auf: Fast 80 Prozent der Kandidierenden sind Männer. Die Kandidatinnen möchten festgefahrene Strukturen ändern.

»Wir wollen mehr Frauen-Power«, sagt Dagmar Janik-Stenzel euphorisch am Telefon. Sie ist eine von 20 Frauen, die zur Wahl der IHK-Vollversammlung antreten. In einer gemeinsamen Pressemitteilung fordern die Kandidatinnen Leipziger Unternehmen auf, für sie zu stimmen. Janik-Stenzel ist bereits seit einer Legislaturperiode Mitglied der Vollversammlung. 2011 übernahm sie den Bürofachhandel ihres Vaters. »Es ist das erste Mal, dass wir richtigen Wahlkampf gemacht haben«, sagt sie. Das ist auch nötig: Die Frauen sind nämlich deutlich in der Unterzahl. Von den insgesamt 96 Kandidierenden machen sie nicht mal ein Viertel aus. »Das ist natürlich eine supergeringe Zahl«, findet auch Janik-Stenzel. Gewählt wird in Wahlgruppen, welche die verschiedenen Wirtschaftssektoren repräsentieren, zum Beispiel Landwirtschaft oder Dienstleistungen. In den zehn Wahlgruppen gibt es fünf ohne eine einzige Kandidatin. Janik-Stenzel sieht das Hauptproblem im Empfehlungsmarketing: »Männer netzwerken viel mehr. Das ist bei Frauen anders. Wir trauen uns weniger zu, greifen uns nicht so stark unter die Arme«, sagt sie.

Insgesamt stehen 57 Plätze in der Vollversammlung zur Verfügung. Sie wird auch das »Parlament der Unternehmen« der IHK genannt. Die Mitglieder legen die Richtlinien der IHK-Arbeit fest und erarbeiten etwa Wirtschaftspläne und Beitragshöhen. Außerdem wählt die Vollversammlung den Präsidenten und das Präsidium der IHK. Aktuell gehören der Vollversammlung 13 Frauen an. »Wir gehen schon unter«, berichtet Janik-Stenzel. Sie merke die Diskrepanz vor allem in der Arbeit in den Ausschüssen: »Einige Abteilungen waren schon immer männerdominiert. Das sind dann so Herrenklubs, die alles unter sich ausklüngeln. Wir hoffen, dass wir diese festgefahrenen Strukturen in den nächsten Jahren etwas aufweichen können.«

Welche Möglichkeiten es gibt, um Frauen in der Wirtschaft zu fördern, weiß Peter Wald. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig ist spezialisiert auf Personalmanagement. »Es muss eine Sensibilisierung in den Unternehmen geben«, sagt er. Dafür sei vor allem offene Kommunikation wichtig. »Frauen müssen ein Podium bekommen, um Probleme anzusprechen und ihre Erwartungen zu äußern«, so Wald. Ob Veranstaltungen, Netzwerke oder Quoten – laut Wald gibt es viele Möglichkeiten, ein Zeichen zu setzen. »Natürlich muss aber immer geschaut werden, was zur jeweiligen Einrichtung passt, auch aus rechtlicher Sicht«, gibt Wald zu bedenken.

Eine Quote befürwortet Janik-Stenzel grundsätzlich. »Für die Vollversammlung ist es aber wahrscheinlich keine Option.« Das liege daran, dass zuerst die verschiedenen Branchen repräsentiert sein müssen – würde man stattdessen in erster Linie auf das Geschlecht der Mitglieder achten, würde das die Wirtschaftskraft Leipzigs laut Janik-Stenzel nicht abdecken.

Was auch auffällt: Weder in der aktuellen Vollversammlung noch unter den Kandidierenden befinden sich People of Color. Auch dahingehend wünscht sich Janik-Stenzel mehr Diversität: »Die IHK bildet die Vielfalt der Stadt überhaupt nicht ab.« Sie schlägt vor, dass die IHK noch mehr auf Unternehmen zugehen könnte, die nicht Zwangsmitglieder sind, zum Beispiel in der Kulturbranche.

Auf Anfrage des kreuzer erklärt die IHK: »Das IHK-Wahlrecht unterscheidet sich dabei von politischen Wahlen in Bund, Ländern und Gemeinden. Es geht bei der IHK-Vollversammlung laut IHK-Gesetz darum, die wirtschaftlichen Verhältnisse des IHK-Bezirks und die regionalen Traditionen zu berücksichtigen. Die Verteilung der Vollversammlungssitze soll ein Spiegelbild der Wirtschaft sein.« Zudem habe die IHK keinen Einfluss auf die Wahlbewerbungen, sondern trage allein dafür Sorge, dass die formellen, rechtlichen und organisatorischen Voraussetzungen für die Wahldurchführung gewährleistet werden.

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Ein Kommentar

  1. Stefan | 29. März 2021 | um 18:51 Uhr

    Angemerkt sei, dass die Vollversammlung der IHK nicht durchgängig basisdemokratisch ist. Mitglieder können auch durch Kooptation eintreten. Deshalb hat die IHK keine durchgreifend demokratische Legitimation durch den Souverän (vulgo: Volk). Ich weiß, das hören die nicht gerne.

    Deshalb mutet der Kammerzwang (uralter Streitpunkt) etwas merkwürdig an, ebenso die Tatsache, dass Gewerbescheine von der IHK ausgestellt werden und nicht z.B. vom Ordnungsamt. Nicht zuletzt ist speziell in Leipzig nicht zu übersehen, dass von der Hauptfeuerwache aus ganz schön in die Politik der Stadt Leipzig reingegriffen wird. Ich denke immer an diesen wöchentlichen Stammtisch, an welchem der OBM sich Handlungsempfehlungen geben lässt…