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Foucault on the beach

Interaktives Theaterstück lässt Ausmaße der Online-Überwachung am eigenen Leib spüren

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Das Leipziger Theaterkollektiv »gruppe tag« feierte am 25. März die Premiere des Stücks »LIF3 G3TS 3ASI3R«. Der interaktive Theaterparcours sollte eigentlich in Halle 14 des Zentrums für zeitgenössische Kunst im Rahmen der Ausstellung »BIG D@t@! BIG MON€Y!« aufgeführt werden. Wegen der Kontaktbeschränkungen wurde sie ins Virtuelle verlegt. Der Parcours ist noch bis Sonntag, den 28. März, durchgängig geöffnet.

Was ist eigentlich die Cloud? Was Assoziationen von einer ätherischen Datensphäre weckt, ist ein physischer Ort, der als solcher angreifbar ist. Wie gefährdet Daten dort sind, zeigte zuletzt ein Brand im Rechenzentrum des Cloudanbieters OVH. 3,6 Millionen Websites waren infolgedessen zumindest zeitweilig nicht erreichbar, schrieb die Newsseite Netcraft. Auch das Online-Projekt der »gruppe tag«, in dem sie sich mit dem Schutz von Daten auseinandersetzen, war betroffen, konnte aber zu ihrer Erleichterung bis zur Premiere am 25. März wieder hergestellt werden.

Auf der vom Leipziger Theaterkollektiv designten online Plattform »S3NSI LAB« entstand ein Point-and-Click-Parcour, der das analog geplante Projekt ersetzen musste. Nach Recherche in den einschlägigen, nicht ganz so sozialen Netzwerken entstand unter dem Titel »LIF3 G3TS 3ASI3R« eine pastellfarbene Insel im virtuellen Datenmeer. Hinter der Bubblegum-Ästhetik verbergen sich die geballten Mechanismen der Online-Überwachung, in der jede persönliche Angabe als verwertbares Gut erscheint. So heißt es schon an der ersten Station des Parcours, dass jede Datenspur gesammelt und sensibel weiterverarbeitet werde. Zum Hinterlassen dieser Spuren wird dann auch fleißig motiviert.

Ob mensch eher Typ kompromissbereite »Waage« oder pragmatische »Außenjalousie« ist und welche Selbstverbesserung auf dem Weg zur perfekten Gesellschaft eingeschlagen werden sollte, lässt sich bei einem Persönlichkeitstest herausfinden. In einer anderen Parcour-Etappe wird von einer computergenerierten Stimme zur Beichte gebeten. Der verinnerlichte Zwang, alles von sich preiszugeben, den der Philosoph Michel Foucault in einer noch internetfreien Welt beschrieb, hat sich, wie hier deutlich gemacht wird, ins Digitale verlagert und potenziert. Die Produktion stellt sich unter den Titel seines einflussreichen Werks »Überwachen und Strafen«, verharrt jedoch bei der Überaffirmation der einzelnen Mechanismen. Was mit unseren Daten genau geschieht und welcher Wert durch die unbezahlte Klick-Arbeit entsteht, bleibt eine unkonkrete, düstere Bedrohung hinter der Wohlfühlfassade.

Die im Spätkapitalismus vorherrschende und in der Pandemie verschärfte Vereinzelung im anonymisierten digitalen Raum wird in der Produktion genau dann spürbar, wenn es Möglichkeiten der Interaktion gibt. Für alle sichtbar können in ein Tagebuch Erfahrungen mit der Einsamkeit eingetragen werden. Eine anonyme Schreiberin berichtet davon, dass sie ersatzweise am inszenierten Leben in der Reality-Show »Love Island« teilnimmt. Statt sozialer Interaktion, Konsum künstlicher Authentizität. Dass die Nutzerinnen sozialer Plattformen ihre intimsten Regungen freiwillig zu Ware machen, wird in den einzelnen Etappen ausgestellt. Lässt sich die Kultur der Isolation auch unter- oder durchbrechen? In »LIF3 G3TS 3ASI3R« bleiben die Teilnehmerinnen jedenfalls auf anonyme Zeichen beschränkt. Das längst aufgegebene Versprechen des Internets, Menschen zu verbinden, löst sich auch hier nicht ein.

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