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Kurs auf Konfrontation

Wie der Clubbingblog Frohfroh jetzt schon die Rückkehr der Szene in den Keller vorbereitet

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Der Leipziger Clubbingblog Frohfroh leidet ebenfalls unter den Schließungen, will die Zeit aber nutzen, sich mehr mit kritischen Themen der Clubszene auseinanderzusetzen. Denn in Sachen Selbstausbeutung, Rassismus und Sexismus wolle man nicht zum Status Quo zurückkehren. Der Text aus der April-Ausgabe des kreuzer.

Noch Anfang 2020 lauteten die Sorgen in der Technoszene: Clubs sterben, die überlebenden platzen aus allen Nähten, generell ist auf Partys alles viel zu voll und zu fancy, das Leben in der Stadt kann man sich bald auch nicht mehr leisten (siehe kreuzer 01/2020). Diese Themen griff auch der Clubbingblog Frohfroh in seiner damals erschienenen Print-Jubiläumsausgabe zum zehnjährigen Bestehen auf. Dass es die überhaupt gab, konnte man zu der Zeit als Ausdruck des Selbstbewusstseins und der zusammen mit der lokalen Szene gewachsenen Bedeutung des Blogs für diese wahrnehmen.

Was die Sorgen angeht, hat das Jahr 2020 kräftig an der Existenzialismusschraube gedreht, als es im März hieß: Alles zu, die Einkünfte der Kulturschaffenden weg, Kultur im Arsch. Und was machte Frohfroh? Als Blog über Clubkultur in Zeiten ohne, na ja, Clubkultur? »In der Anfangszeit war es ganz lange ein Abwarten, ob sich noch mal was tut«, sagt Nastassja von der Weiden, Chefredakteurin von Frohfroh, im Gespräch mit dem kreuzer. »Zum Beispiel bei den Ausgehtipps, die von uns kuratiert werden, auf die viele Leute zugreifen und die eine der großen Säulen des Blogs sind, haben wir ganz spät angefangen, alternative Geschichten wie den Distillerygarten anzukündigen. Wir haben irgendwie abgewartet: Wann kommen wieder die Clubnächte?«

Die lassen immer noch auf sich warten, wobei die Clubbetreibenden unterschiedlich mit der Situation umgehen. »Ich habe erlebt, dass die teilweise sehr bedrückt sind, dass die sich alleingelassen fühlen, dass der Outcome ist: Kulturschaffende unterstützen Kulturschaffende«, beschreibt von der Weiden die Stimmung in einer Szene, deren mentale Reserven sich dem Ende zuneigen. »Dann gibt es andere, die relativ optimistisch in die Zukunft schauen und Bock haben, diese Open-Air-Geschichte weiterzuverfolgen und ein Biergartenkonzept zu machen. Und wieder andere, die sagen: Ey, Biergarten ist schön, aber wir haben keinen Club eröffnet, um einen Biergarten zu führen.«

Und wie steht es da um den Blog, dessen Autorinnen, Fotografinnen und Grafikerinnen das alles aus Liebe zur Clubmusik (sprich: ohne Bezahlung) machen? Kommt da nicht irgendwann intern die große Sinnfrage auf? »Eigentlich weniger«, sagt von der Weiden. »Von Anfang an war klar, dass Frohfroh eine wichtige Rolle im Solidarprinzip haben wird, Dinge weiterhin sichtbar zu machen und zu besprechen.«

Im letzten halben Jahr haben viele Clubs angefangen, Strukturarbeit zu leisten, umzubauen, die interne Struktur zu reflektieren. Das haben sich auch die Bloggerinnen vorgenommen. Es steht nicht nur ein Redesign der Homepage an, sondern auch eine Verschiebung des Modus Operandi: »Zum Beispiel wird es bald wichtiger sein, viel mehr Rezensionen zu bringen, weil eben das von Wochenende zu Wochenende gedachte Geschäft als Plattform der Sicht- und Hörbarkeit von Musik total eingeschränkt ist.« Weg vom »Wochenendgeschäft« geht man auch mit den längeren, recherchelastigen Stücken wie »Täter an den Decks«, einer Anfang Februar erschienenen Artikelreihe von Lea Schröder und Paula Kittelmann zu sexualisierter Gewalt in der Leipziger Szene durch DJs und Veranstalter. Sie hätten die Frage zu hören bekommen, warum sie den Artikel »in dieser Zeit gebracht hätten, wo es der Clubkultur doch schon so schlecht geht«, erzählt von der Weiden und gibt gleich die Antwort: »Wann, wenn nicht jetzt? Jetzt ist genau die Zeit, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, weil eben nicht von Wochenende zu Wochenende gedacht wird. Dadurch wurden viele Themen unbewusst auch unten gehalten.«

Denn natürlich ist die Clubkultur im Zuge der Clubschließungen nicht einfach verschwunden. Sie befindet sich sozusagen lediglich im Exil, liegt dort schwer verkatert auf einer Matratze und könnte jetzt einmal gründlich reflektieren, was in den Nächten alles schiefgelaufen ist. Ein Beispiel sei das Barpersonal, das durch das Kurzarbeiterraster falle, weil es immer selbstständig auf Rechnung gearbeitet habe. »Das ist ja kein gutes System. Das hat die Krise gezeigt«, sagt von der Weiden. So was habe man aber wie auch die Selbstausbeutung von so vielen Künstlerinnen und Künstlern immer mitgetragen. »Ja, es gibt Bereiche, da wünscht man sich, wieder zum Status quo zurückzukehren, aber in Sachen Selbstausbeutung, Sexismus, Rassismus in der Clubkultur – diesen großen, großen Themen – wird man das nicht wollen. Da muss jetzt die Arbeit getan werden, darüber zu sprechen, Konzepte zu entwickeln, sich überhaupt damit zu konfrontieren.« Sich von den grotesken Zuständen der Gegenwart nicht unterkriegen lassen und an der Zukunft arbeiten: Anders geht es eben auch bei Frohfroh nicht.

Offenlegung: Kay Schier hat vor fünf Jahren eine Rezension für Frohfroh geschrieben

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