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Eine kleine Sammlung

Henry Russel präsentiert 67 kurze Geschichten des Romans

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal taucht Literaturredakteurin Linn Penelope Micklitz ein in eine sorgfältige Auswahl von Romanen von Weltrang.

Kurze Geschichten gibt es über fast alle Themen: Die Menschheit, die Zeit, die Zukunft. Im Laurence King Verlag selbst gibt es eine ganze Reihe solcher Titel, die sich unter anderem mit Fotografie oder Film beschäftigen. In diesem Jahr wurde die Reihe durch »Eine kurze Geschichte des Romans« ergänzt, auf dessen Cover Kafka durch die Zeilen des Titels blickt. Das Buch umfasst gar keine Geschichte, sondern eine Sammlung von 67 der »berühmtesten und einflussreichsten« literarischen Werken. Solche Sammlungen sind immer mit Vorsicht zu genießen. Sie bilden einen vermeintlichen Kanon, sind jedoch sehr subjektiv geprägt von denen, die die Auswahl treffen. So finden sich in vielen älteren und jüngeren Übersichten über die vermeintlich wichtigsten Werke der Literaturgeschichte kaum Bücher von Schriftstellerinnen oder People of Color. Und wir alle wissen, das hat nichts damit zu tun, dass es sie nicht geben würde. Eurozentrismus und diverse andere Scheuklappen sorgen oft für diese lückenhafte Darstellung und enthalten uns grandiose Literatur vor.

Eine kurze Geschichte des Romans; Cover: Laurence King Verlag

Mit Blick auf das Inhaltsverzeichnis in die Sammlung des Autors Henry Russel fällt gleich auf: Die Genres werden mit Leichtigkeit gewechselt. Denn Einfluss haben auch Stephen King und Tolkien mit ihren Werken gehabt. Die Liste der sogenannten Klassiker liefert altbekannte Namen von Cervantes bis Coetzee, und erfreulicherweise einen den Globus umspannenden Blick. Die Geschichte des Romans beginnt international und weiblich mit der Japanischen Autorin Murasaki Shikibu und ihrem Abenteuer »Die Geschichte vom Prinzen Genji« von 1010.
Was diese neuerscheinenden Sammlungen übrigens besonders interessant macht, ist die Auswahl brandaktueller Titel. Russel entschied sich für Karl Ove Knausgård und Elena Ferrante.

Die Werke bilden dabei aber nur einen, wenn auch den zentralen von vier Teilen. Russel beschäftigt sich außerdem mit Genres, Themen und Techniken des Romans. Erhellend verweist das Buch zwischen seinen Teilen — ein Roman führt zu seiner Technik und umgekehrt.

Als »eine umfassende Einführung« will der Autor seine Sammlung verstanden wissen. Dieser Fokus zeigt einmal mehr, dass es nicht die eine Übersicht zur Weltliteratur geben kann. Es gibt eben so viele Romane, dass man sein ganzes Leben darauf verwenden kann: um daran zu scheitern, sie alle zu lesen oder auch nur zu kennen.

Mit »Eine kurze Geschichte des Romans« gibt es nun eine weitere Möglichkeit, altes Wissen um alte Werke aufzufrischen oder neue bedeutende Bücher kennenzulernen.

Henry Russel: Eine kurze Geschichte des Romans. Berlin: Laurence King Verlag 2021. 220 S., 18 €

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