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Beuys einziger Besuch

Wie Joseph Beuys auf die DDR und Leipzig wirkte

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Überall wird der 100. Geburtstag von Joseph Beuys gefeiert. Leipzig hat er nie besucht und trotzdem Eindruck hinterlassen. Ein paar Schlaglichter wie Beuys auf Leipzig wirkte.

Nordrhein-Westfalen wirbt aktuell mit »Beuys 2021«. Der Slogan »Demokratie ist lustig und am Ende ist dieses utopische Ziel erreicht« ziert Porträts von Joseph Beuys. Ein anderer Spruch des am 12. Mai 1921 in Krefeld geborenen Künstlers hatte in der DDR Karriere gemacht: »Es gibt Leute, die sind nur in der DDR gut«. Er stammt von einer Aktion aus dem Jahr 1985, aufgeschrieben auf eine Schiefertafel. Ein Abdruck geisterte als Postkarte durch Ostdeutschland.

Dabei ist Beuys selber nur ein Mal in der DDR gewesen. Am 23. Oktober 1981 besuchte er die Eröffnung seiner Multiple-Ausstellung aus der Sammlung Ulbricht in der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR. Kulturreferent der Vertretung und damit an der Ausstellung beteiligt war der von 1991 bis 2009 amtierende Leipziger Kulturbürgermeister Georg Giradet.

Theorie und Praxis mit Beuys
In der DDR-Kunstzeitschrift Bildende Kunst war kurz zuvor erstmals ein Artikel zu Joseph Beuys zu lesen. Der Beitrag aus dem Jahr 1980 löste eine Debatte aus, an der sich auch Leipziger Kunstwissenschaftler beteiligten. Ängste bestanden vor allem in der Erweiterung des Kunstbegriffes jenseits der traditionellen Bildträger.

Während die Theoretiker noch debattierten, gründete sich 1982 in Leipzig die Gruppe 37,2 mit Gunda und Hans-Joachim Schulze, Hartwig Ebersbach, Peter Oehlmann, Annelie Harnisch und Brunhilde Matthias. Die Gruppe war von Beuys beeinflusst und verstand »Kunst als Produktivkraft«. Sie organisierte bis 1984 Workshops sowie intermediale Aufführungen in Jugendclubs, Klubhäusern und Betrieben.

In seinem Buch »Medium bildende Kunst. Bildnerischer Prozess und Sprache der Formen und Farben« aus dem Jahr 1986 beschreibt Günther Regel, damals Professor für Kunsterziehung an der Karl-Marx-Universität Leipzig, Beuys mit den Worten: »Er spricht ungeniert aus, was in der Tat Sache der Kunst ist.« Am 23. Januar des Jahres war der Künstler in Düsseldorf verstorben.

Die erste Beuys-Ausstellung in der DDR
Noch im selben Jahr unterschrieben die DDR und die BRD einen Vertrag zur kulturellen Zusammenarbeit, schließlich wurden Beuys-Ausstellungen in Bonn, Ost-Berlin, Leipzig, Brüssel, Hamburg und Frankfurt am Main organisiert.

Vom 15. März bis 15. Mai 1988 gastierte die Schau mit dem Titel »Joseph Beuys. Frühe Arbeiten aus der Sammlung van der Grinten. Zeichnungen, Aquarelle, Ölstudien, Collagen« in der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig. Die 200 ausgestellten Zeichnungen sind in den Jahren 1946 bis 1966 entstanden.

2005 blickte Christine Rink, langjährige Leiterin der HGB-Galerie, auf die Beuys-Rezeption zurück: »Beuys war natürlich auch in der DDR der große An- und Aufreger, aber bis auf die künstlerischen Kreise beschäftigte sich niemand umfassend mit Beuys. Natürlich gab es im künstlerischen Dresdner Umfeld um Penck und Strawalde Leute, die sich verstärkt mit Beuys auseinandersetzten, und auch Klaus Werner in Leipzig oder die Künstler der Eigen+Art reflektierten ihn, aber das ganz normale Publikum hatte wenig oder keine Ahnung.«

Zu sehen waren allerdings vor allem die frühen Werke von Beuys. Rink erinnert sich: »Innerhalb der Hochschule war die Reaktion nicht kontrovers, da konnte man auf breite Zustimmung zur Ausstellung stoßen. Sie zeigte ja auch den frühen Beuys, der ja schon fast ein Klassiker war. Was nicht zu sehen war, ist der gesamte Bereich seiner Skulpturen, der spektakulären Objekte und über soziale Plastik wurde nicht groß gesprochen.«

Aktion statt »egozentrischer Realismus«
Mit der verstärkten Rezeption der Werke von Beuys setzte auch eine Kritik an deren Vermarktung ein. Während die Beuys-Ausstellung im Jahr 1988 tourte und auch in Leipzig halt machte, meldete sich der Maler und langjährige Rektor der Leipziger Kunsthochschule Bernhard Heisig zu Wort. Auf dem Kongress des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR kritisierte er die Verengung im Umgang mit den Werken: »Wenn weiter so verfahren wird, dass nämlich der eine, wenn er mit Objekten oder anderem umgehen zu müssen meint, gleich als bedrohliche Alternative zur sogenannten ›realistischen Mitte‹ missverstanden wird, der andere mit vermeintlich traditionellen Mitteln Arbeitende, der sich wiederum kaum noch Realist zu nennen getraut, wenn Medien von Gruppierungen – gleich welcher Art – beeinflusst oder beherrscht werden, so wird es schwer erträglich, weil man mit Verschweigen tötet und mit falscher Betonung Akzente verschieben kann, ja, die ganze Szenerie verdrehen kann.« Nur ein Jahr später erschien im Leipziger Reclam-Verlag die Beuys-Biografie von Heiner Stachelhausen. Eröffnet wird das Taschenbuch mit einer Fotografie des Künstlers in der Ständigen Vertretung.

Das Vorwort der Ausgabe stammt vom Leipziger Kunstwissenschaftler Klaus Werner, der Jahre zuvor bereits in Diavorträgen das Werk von Beuys in der DDR vorgestellt hatte. Werner bemerkt darin: »Beuys’ Werke und Handlungsspuren gehören zu den schwierigen Aggregaten der Moderne.« Im Gegensatz zur BRD-Ausgabe verfügte die aus Leipzig über einen erweiterten Abbildungsteil sowie ein Extra-Kapitel unter der Überschrift »Wer nicht denken will, fliegt raus«, die Werner aus Reden und Interviews zusammengestellt hatte.

Ab dem 10. November 1989 war im Museum der bildenden Künste und in der HGB-Galerie noch die Ausstellung »Zeitzeichen. Stationen Bildender Kunst in Nordrhein-Westfalen« zu sehen. Sie zeigte bis Januar 1990 die westdeutsche Kunstentwicklung samt Arbeiten von Beuys. Erst 2002 war in der Ausstellung »Wahnzimmer« wieder »Es gibt Leute, die sind nur in der DDR gut« auf der Schiefertafel zu lesen. Seitdem ist es um Beuys in Leipzig merklich ruhig geworden.

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