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Arbeitslos

Vor 40 Jahren erschien ein beeindruckender Bildband von Walter Ballhause

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Tragisches Schicksal der Arbeitslosen ist es, frei von Lohnarbeit und frei von Kapital zu sein. Vor vierzig Jahren erschien der Bildband »Überflüssige Menschen« von Walter Ballhause. Die Sammlung zeigt Fotografien der Unglückseligen aus den Jahren 1930 bis 1933.

Es war am 1. Mai 1886. Damals vor 135 Jahren organisierten sich Teile der Chicagoer Arbeiterklasse, um für den Achtstundentag zu demonstrieren. Der Protest fand ein blutiges Ende. Drei Jahre später erklärte die II. Internationale den 1. Mai zum Kampftag der Arbeiterbewegung. 1933 kürten ihn die Nationalsozialisten zum »Tag der nationalen Arbeit« und gesetzlichen Feiertag. Aber es war zu der Zeit nicht die Arbeit, sondern vor allem auch die Nicht-Arbeit, die Arbeitslosigkeit, die das Leben vieler Menschen prägte und im öffentlichen Raum überall zu sehen war.

Davon erzählt der Bildband »Überflüssige Menschen. Fotografien und Gedichte aus der Zeit der großen Krise«, der vor 40 Jahren im Reclam-Verlag Leipzig erschien. Darin sind neben Gedichten von Johannes R. Becher Fotografien von Walter Ballhause zu sehen, der in einer sehr eindringlichen Art Alltagsszenen aus der Zeit von 1930 bis 1933 einfing. »Ich habe mich nicht in der Nähe der Unterdrückten herumgetrieben, um auf schamlose Art etwas zu erbeuten. Ich brauche den Unterdrückten nicht über die Schulter zu schauen, da ich selbst einer von ihnen war, aus ihrem Milieu kam«, so beschrieb Walter Ballhause seinen Zugang zu den Bildwelten, die sich in den Straßen von Hannover wie in allen anderen Städten zur Weltwirtschaftskrise erblicken ließen. Selbst arbeitslos, sah er dort Arbeitslose, alte Frauen, die in der Stadt ihre Heimarbeiten verkauften, Opfer des 1. Weltkrieges, wie Beinamputierte, die um Spenden betteln. Aus der Vogelperspektive zeigt Ballhause eine unendlich lange Schlange von Arbeitslosen, an einer Wand steht die verwaschene Losung »Wählt Hitler« samt Hakenkreuz. Weitere Fotografien zeigen Männer, die in der Gruppe zusammenstehen und anderen Männern bei der Arbeit zuschauen, oder Frauen, die in ihrer Not Lebensmittel von der Straße auflesen. Drei Tage begleitet er einen arbeitslosen Freund und dokumentiert dessen Lebensrhythmus zwischen Erhalt der Unterstützung vom Städtischen Wohlfahrtsamt über das Zusammenleben mit der Familie, beim Sportnachrichtenlesen am Zeitungskiosk bis zum Modellbau und beim gemeinsamen Rumstehen mit anderen Männern in der Stadt.

Ballhause, geboren 1911 in Hameln, fotografierte mit einer Leica. Erst SPD-Mitglied, trat er 1931 in die Sozialistische Arbeiterpartei ein. Nach 1933 war Ballhause im Widerstand tätig und übersiedelte 1941 von Hannover nach Plauen. 1944 wurde er verhaftet und sollte wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt werden. Dem entkam er durch den Bombenangriff auf Dresden. Nach 1945 arbeitete Ballhause als Gießereileiter in Plauen.

Der Kurator der Fotostrecke von 1981 war Helfried Strauß. 1943 in Plauen geboren, entdeckte er Fotografien von Ballhause während seines Fotografie-Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. 1973 stellte die Fachzeitschrift Fotografie Ballhause und seine Fotografien aus den 1930er Jahren unter der Überschrift »Zeugnisse der Krise« vor. Zwei Jahre zuvor hatte die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Hannover Ballhause angefragt, ob er noch fotografisches Material aus dem Widerstandskampf besitzt. So traten seine Fotografien langsam wieder in die Öffentlichkeit.

Strauß, so erzählt er im Telefongespräch mit dem kreuzer, wollte diesen Fotografen unbedingt kennenlernen. Es dauerte eine Weile bis zum ersten Zusammentreffen in Plauen. Ballhause war ein »sehr aufmerksamer, freundlicher Mensch«, erinnert sich Strauß. Seine Fotografien überstanden den Nationalsozialismus in der hintersten Ecke des Kartoffelkellers. Für Strauß stellte er 1981 in seinem Wohnzimmer nach, wie er heimlich mit seiner Leica in der Windjacke die SA 1933 in der Straße aufnahm.

»Ich habe in meinem Leben viel zu wenig fotografiert«, wird Ballhause in der Zeitschrift Fotografie zitiert. Seine Aufnahmen zeigen allerdings, dass es nicht um die Anzahl von Motiven geht. Das macht der Bildband, der heute antiquarisch zu erwerben ist, auf eindrückliche Weise klar und erinnert zudem an eine Zeit der großen Krise, aus der sich das sogenannte »Dritte Reich« entwickelte.

Dieser Text erschien zuerst in der Mai-Ausgabe des kreuzer 05/21.

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