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Der Kampf des Clubs

Die Distillery muss endgültig gehen, nun wird über einen Ausweichort diskutiert

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Das Bauunternehmen Buwog will im April 2022 am jetzigen Standort der Distillery bauen. Dessen Betreiber Steffen Kache kämpft gemeinsam mit den Grünen für eine andere Lösung und hofft auf Verhandlungsgeschick der Stadt – auch eine frühzeitige Nutzung des Gleisdreiecks wird dabei genannt.

Die Distillery muss von ihrem derzeitigen Standort an der Kurt-Eisner Straße südlich des Bayerischen Bahnhofs weichen. Schon im April 2022 will das Wohnungsunternehmen Buwog dort mit ihrem Bauvorhaben für das neue Stadtviertel beginnen, wie es dem kreuzer mitteilte. Für Distillery-Chef Steffen Kache wäre das eine Katastrophe. »Das hieße, dass wir nach einem halben Jahr schon wieder dicht machen müssten.« Kache erfuhr erst im April telefonisch von dem Baubeginn. »Seitdem schlafe ich nicht mehr so gut.« Einen neuen Standort hat der Club bisher nicht in Aussicht.

Die Distillery ist der älteste Club der neuen Bundesländer, besteht am jetzigen Standort seit 1995 und wurde immer wieder von Verdrängung bedroht. Neben Grünen und Linken sprachen sich auch die Stadt und viele konservative Politikerinnen schon oft für einen Erhalt aus. Dass die Buwog ihr 600 Millionen Euro schweres Bauvorhaben dort bald beginnen will, bringt den Club in neue Bedrängnis. Vom Schmerzensgeld der Buwog und der Stadtbau AG konnten die Clubbetreiber Kache und Jan Georgi, Betreiber des ebenfalls durch Bauvorhaben bedrohten TV-Clubs, 2019 eine Stiftung gründen und mit ihr das ehemalige Umspannwerk der Bahn im Gleisdreieck in Marienbrunn kaufen. Doch war man damals noch davon ausgegangen, dass ein Umzug der Distillery dorthin bis Ende 2021 möglich sei. Dieser verzögert sich jedoch aufgrund der Pandemie, baulicher Mängel und Konflikte mit den Anwohnerinnen bis frühestens 2024.

Dennoch rückt die Buwog, die seit 2018 Teil des Immobilienkonzerns Vonovia ist, nicht von ihrer Planung ab. »Ein Verbleib der Distillery an dieser Stelle über den März 2022 hinaus ist nicht möglich. Denn die genutzten Gebäude stehen auf der zukünftigen Straße, die als Verlängerung der Altenburger Straße in nördlicher Richtung entstehen wird«, so die Buwog. Dafür müssten dort bereits vor dem Baubeginn Leitungen verlegt werden. Das sehen die Grünen anders. Sie schätzen, dass die geplanten Wohnblöcke frühestens 2024 stehen werden und dass erst ab diesem Zeitpunkt eine Erschließung inklusive Abwasseranschluss nötig sei. Auch alternative Zuwegungen seien möglich. In einem Antrag fordern sie deshalb, die Stadt solle mit der Buwog darüber verhandeln, »dass der derzeitige Standort der Distillery genutzt werden kann, bis der neue Standort im Bereich des Gleisdreiecks zur Verfügung steht.« Sofern dies nicht möglich sei, solle die Stadt prüfen, »ob eine Interimsnutzung am Gleisdreieck oder einem anderen Standort in Betracht kommt.«

Federführend habe Jürgen Kasek von den Grünen den Antrag formuliert. Doch die Idee zur Interimsnutzung habe auch schon in einem ersten Entwurf eines gemeinsamen Antrags von der Linken-Fraktion und der SPD gestanden, ohne dabei jedoch das Gleisdreieck zu nennen, sagt Thomas Kumbernuß, Sprecher für Stadtentwicklung der Linken-Fraktion und Mitglied von die Partei. Er kritisiert den Antrag der Grünen scharf, weil mit dem Vorschlag der Zwischennutzung am Gleisdreieck der Konflikt mit den Anwohnerinnen verschärft werde. Die sorgen sich um Besucherströme und Lärmbelästigung, sollte die Distillery auf das Gelände ziehen bevor eine Lösung bezüglich der Zuwegung gefunden ist. »Deshalb ist der Antrag in dieser Form mangelhaft«, sagt er.

Monika und Jan Rohwedder wohnen am Gleisdreieck. Ihnen gehört das Mehrfamilienhaus direkt neben dem ehemaligen Umspannwerk der Bahn in dem neben der Distillery und dem TV-Club auch Platz für Proberäume, Ateliers und Werkstätten entstehen sollen. Sie fühlen sich in der Planung von der Verwaltung und der Club- und Kulturstiftung nicht gehört. Deshalb haben sie gemeinsam mit den anderen Anwohnerinnen bereits im Februar einen Anwalt eingeschaltet und rechtliche Schritte gegen den Bebauungsplan in Aussicht gestellt. Der Vorstoß der Grünen verärgert Jan Rohwedder zusätzlich. »Der aktuelle Antrag verschärft den bestehenden Konflikt unnötig, trägt nicht zur Verbesserung der Lage bei und befördert den Dialog nicht«, sagt er. Sie wünschen sich seit langem ein gemeinsames Gespräch mit der Verwaltung, der Stiftung und der Bahn, die im Bauleitplahnverfahren ebenfalls eine große Rolle spielt.

Man solle auch deshalb nach einer längerfristigen Lösung für die Distillery suchen – auch über 2024 hinaus, findet Kumbernuß. »Es gibt keinen Plan B, das ist das eigentliche Problem«, sagt er. Kache hingegen beteuert, dass viele Möglichkeiten ausgelotet werden. »Dass im Antrag das Gleisdreieck genannt wird ist tatsächlich unglücklich, ja«, sagt er. »Wir sperren uns nicht gegen einen anderen Ausweichort, solange dieser geeignet ist und dem Wesen der Distillery entspricht, sonst würde er mehr schaden als nützen.« Kache hofft jedoch weiter auf eine kompromissbereite Buwog und den Verhandlungswillen der Stadt, damit die Distillery am derzeitigen Standort überlebt.

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