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Totentanz im Theaterreigen

»Der Reigen« bringt mit betonter Analogheit zum Staunen.

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Der Westflügel feiert nachträglich sein 15-jähriges Bestehen. Mit der Produktion »Der Reigen. Ein überaus schönes Lied vom Tod« gelingt der Auftakt zum Wochenende.

Das Figurentheater spielt an der Schwelle zwischen Leben und Tod. Auf der Bühne droht das Eigenleben der Dinge in sich zusammenzufallen, sobald sich die Fäden der Marionetten lockern. Den Umschlag vom Sterben zum Wiederauferstehen im Figurentheater macht die Produktion »Der Reigen. Ein überaus schönes Lied vom Tod« selbst zum Gegenstand der Verhandlung. Nachdem sich ein abgesagter Premierentermin an den nächsten gereiht hatte, konnte der Puppenspieler Christoph Bochdansky, die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie Off Verticality und das Leipziger Figurentheater Wilde & Vogel im Rahmen des Showcase Westflügel das lang Geprobte zeigen.

Selbst schon für den Oktober geplant, kann die Präsentation des Produktionshauses im Leipziger Westen nun vom 3. bis 6. Juni mit kleinen Abstrichen stattfinden. An diesem Wochenende öffnen sich die Türen des Jugendstilhauses, um das 15-jährige Jubiläum des Westflügels mit Publikum zu feiern. In neun Aufführungen, Konzerten und Filmen zeigt das internationale Produktionshaus für Figurentheater ein Spektrum der beherbergten Theaterkunst.

Eröffnet wurde der Showcase am Donnerstag mit der Koproduktion »Der Reigen«. In einem Danse Macabre verbinden sich Tanz, die Musik von Protect Laika wie Masken- und Puppenspiel in Variationen vom Sterben. Nicht immer gelingt es, aber am stärksten wirken die Episoden, wenn sich die verschiedenen Elemente verbinden. So zersetzen und verwandeln sich die Tänzerinnen und Tänzer zu Beginn mit organischen Prothesen, die sie an ihre Gliedmaßen anfügen. Aus den ungelenken Gesten der Untoten, denen sich der Körper nicht mehr fügt, wird dann eine symbiotische Bewegung, die sich mit Figurenteilen aus Stoff – optisch sich zwischen Gedärm und Gerippe aber auch lebendigen Wurzeln und Insekten haltend – zu etwas unheimlich Unmenschlichen verbindet. Da werden die Körper der Tänzerinnen und Tänzer selbst dinghaft, beenden jedoch ihre Metamorphose abrupt und fallen auseinander.

Denn dieser Reigen ist keiner, der sich rastlos und geschlossen vollzieht. Immer wieder hält er sich an, um in den Unterbrechungen die belebenden Vorgänge des Theaters selbst sichtbar zu machen. Dabei ist der Ton kein bedrückter. Dem Tod wird mit Schelmereien beständig ein Schnippchen geschlagen. Die Figuren entweichen seinem Griff oder setzen sich als tanzende Skelette wieder zusammen.

Pantomime, Tanz und Geste begleitet von Liedern und elektronischen Klängen bestimmen den Abend. Nur selten übernimmt die Sprache die Bühne; erzählt wird durch das Zusammenspiel aus Körpern und Dingen.  Es ist der gelungene Auftakt eines gefüllten Wochenendes, der die Vielseitigkeit seiner Form ausstellt. Nach Monaten der digitalen Experimente, wirkt die Produktion betont analog – sieht man von den elektronischen Instrumenten ab. Das bringt kleine Momente des Staunens mit sich, in das sich das Publikum dank der gesetzten Brüche immer nur kurz versenken kann.

Am Samstag folgt neben den zahlreichen Wiederaufnahmen die Premiere von »Micro«. Ebenfalls vom Figurentheater Wilde & Vogel erarbeitet, bekommen jeweils ein bis zwei Zuschauerinnen einen Einblick in die Welt der Insekten. So intim gestalten sich auch die eins-zu-eins Konzerte der Sängerin Gwen Kyrg, die in »this is our home« ein Haus aus Klang imaginieren will. Beide Formate muten wie der Gegenpol zur Anonymisierung im Stream an. In diesen Theaterkonstellationen zeigt sich das Nachleben der pandemischen Einschränkungen. Spannend bleibt es welche Spuren im wiederangestoßenen Theaterreigen verbleiben werden.

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