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Orangenbaum mit Wolf und Eber

Auf Erkundungstour durch Oranienburg

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In Oranienbaum gibts Holland, China und England, außerhalb Mischwald und Wildponys. Ein abwechslungsreiches Ausflugsziel in Reichweite.

Bei der Einfahrt nach Oranienbaum aus südlicher Richtung gibt es linkerhand eine Eisdiele. Sie liegt in einer Straße, die eigentlich nach peripherer Zufahrtsstraße aussähe, hätte nicht schon mal das Glockentürmchen einer gar nicht mal so kleinen Kirche über die niedrigen Hausdächer geschaut. Und siehe da: Das Eis ist noch nicht alle, da ist man schon mittendrin und steht auf dem quadratischen Marktplatz. Der ist Teil eines Ensembles aus Stadt, Schloss und Park, ein so frühes wie seltenes Beispiel niederländisch geprägten Barocks hierzulande. Der Reiz der Stadtanlage entsteht durch seine geometrische Konstruiertheit, die Baumeister Cornelis Ryckwaert zu verdanken ist. Die Straßen sind rechtwinklig, und es gibt Sichtachsen, etwa die vom schmiedeeisernen Orangenbaum auf dem Marktplatz zum Schloss. Die schon erwähnte Stadtkirche ist außen wie innen calvinistisch-schlicht gehalten und von 
ungewöhnlich elliptischem Grundriss.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln geht die Fahrt bis Oranienbaum relativ flott, die S-Bahn von Leipzig aus verlangt allerdings Umstiege in Bitterfeld und Wittenberg, ab Gräfenhainichen verkehrt nur noch ein Bus. Diese letzten zehn Kilometer können mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Oder man erwischt die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn, die sich für eine gemütliche Panorama-Tour durch das Gartenreich und das Biosphärenreservat Mittelelbe eignet. Zählt man die Dessauer Meisterhäuser mit hinein, macht das gleich dreimal Weltkulturerbe.

Das Oranienbaumer Schloss hat sich in dunkelgelber Fassade in die Erinnerung gebrannt, eine Farbe, die für barocke Bauten als quasi-natürlich gelten mag. In den letzten Jahren hat es seine Anmutung Schritt für Schritt komplett verändert und steht da in einigermaßen überraschendem strahlendem Weiß, das von Schiefergrau gebrochen ist. Diese Farbigkeit hat man als die ursprüngliche ausgemacht. Das Schloss entstand Ende des 17. Jahrhunderts, als der Ort noch Nischwitz hieß. Es war Sommerresidenz für Fürstin Henriette Catharina von Oranien, Gattin des Fürsten von Anhalt-Dessau, deren Herkunft für die Umbenennung sorgte. Der ursprünglich barocke Park gehört selbstverständlich zum Gartenreich-Weltkulturerbe. Er erhielt in nach-barocker Zeit mit Brückchen, Pseudofindlingen, Pagode und Teehaus teilweise eine englisch-chinesische Gestalt, im Chinesischen Haus standen Statuen von Chinesen, deren Köpfe beweglich waren. Aus dem Sommerschloss wurde ein Witwensitz, den Sommerspeisesaal im Schlosskeller dekorieren gestaltete Fliesen aus Delfter Porzellan. Um das Areal entstand erst die Stadt und – viel später – die Orangenbaumsammlung. Die Zitrusfrüchte sind im weitläufigen Park zu sehen, für die kalten Monate gibt es die längste Orangerie Europas. Auf dem Stadtwappen gesellt sich zum Wahrzeichen Orangenbaum ein im Sprung begriffenes Wildschwein, das sich vorfreudig mit roter Zunge die Lippen leckt.

Nicht weit von der Orangerie liegt der Stadtwald, den ein Ortskundiger als Birkenwäldchen beschrieb. Allerdings muss man vor lauter Kiefern die Birken eine Weile suchen. Immerhin bricht auch kein hungriges Schwarzwild durchs Geäst. Der von Dürre und Stürmen geschädigte Forst wird mit Traubeneichen, Hainbuchen und Winterlinden entmonokultiviert, in diesem Jahr wurde auf einem Stück außerdem der erste Bienenwald Sachsen-Anhalts angelegt, ein reichhaltiges Buffet an Pollen und Nektar für mehr Artenvielfalt. Wer keine Zeit hat, dem Wald beim Wachsen zuzusehen, wende sich südwestlich in die Oranienbaumer Heide. Auch hier sorgte die preußische Forstwirtschaft zunächst für eine Dominanz der Kiefer, die Nutzung als sowjetischer Schießplatz hinterließ 
Offenland. Auf dem geschützten, weil an seltenen und gefährdeten Pflanzen wie Tieren reichen Gelände wirken weidende Koniks und Heckrinder als robuste Landschaftspfleger der Verbuschung entgegen, ein per Rad wie Auto erreichbarer Waldweg führt zur Weidefläche. Im Gebiet wechseln sich Heidelandschaft und Mischwald ab und es ist einsam genug, dass schon Wölfe ihre Spuren hinterlassen haben. Die sandigen Wege sollten wegen des Naturschutzes, aber auch wegen eventueller Kampfmittelreste nicht verlassen werden.

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