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Frauen einplanen

Gendersensible Stadtplanung ist auch in Leipzig ein Thema

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In Leipzig leben mehr Frauen als Männer. Werden sie in der Stadtplanung ausreichend berücksichtigt? Urbanistin Lina Hurlin verneint, Stadtplanungschef Heinrich Neu bejaht. Eine Bestandsaufnahme über genderspezifische Stadtplanung in Leipzig.

»Männer sind die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, über Frauen wird gar nicht geredet. Wenn wir ‘Mensch’ sagen, meinen wir meistens den Mann«, schreibt Caroline Criado-Perez in ihrem Buch »Unsichtbare Frauen«. Auf über 400 Seiten zählt sie auf, in welchen Bereichen Frauen überall strukturell benachteiligt sind – schlicht deshalb, weil sie in vielen Datensätzen einfach durchrutschen. So sind Airbags an Dummies mit männlicher Durchschnittsgröße getestet oder Büro-Räume für männliche Stoffwechsel konzipiert – und damit fünf Grad zu kalt für weibliche Komforttemperatur. Ihre These: Städte sind »von Männern für Männer« geplant.

Lina Hurlin sieht das ähnlich. Sie hat Urbanistik in Weimar studiert und beschäftigt sich mit genderspezifischer Stadtplanung. Die beschäftigt sich in erster Linie mit einer Sache, die jede Frau betrifft: Sie will das nächtliche Sicherheitsempfinden verbessern – und die hängt maßgeblich mit städtischer Beleuchtung zusammen. Fast jede Frau kennt das mulmige Gefühl, nachts durch dunkle Gassen zu laufen, den Schlüssel sicherheitshalber in der Hand zu behalten, öfter mal die Straßenseite zu wechseln. Auch in Leipzig findet Hurlin die Beleuchtungssituation »ausbaufähig«.

Heinrich Neu, amtierender Amtsleiter der Leipziger Stadtplanung, sieht das anders: »Leipziger Straßen haben ausreichendes Grundlicht.« Im Gespräch mit dem kreuzer erklärt er, dass die Streuweiten der Leuchtkörper extra so berechnet seien, dass sie sich überdecken. So entstünden keine schwarzen Stellen oder Löcher. Die einzigen unbeleuchteten Bereiche seien Parkanlagen, ganz im Sinne des Insektenschutzes: Neu bezeichnet sie als »bewusste lichtempfindliche Gebiete im Lichtmasterplan der Stadt«. Hurlins Punkt trifft das allerdings nicht so ganz: »Ich will jetzt auch nicht den ganzen Auwald ausleuchten«, entgegnet die Aktivistin mit spöttischem Unterton. Vielmehr gehe es ihr um Heimwege von Bushaltestellen und dunkle Straßenecken.

Dass diese für die Stadtverwaltung durchaus eine Rolle spielen, wird im Gespräch mit Neu deutlich. Der Amtsleiter räumt zwar ein, dass es »zuweilen alte Zustände aus den 60ern« geben mag, er erzählt jedoch auch von den aktuellen Plänen der Stadt: Laut Leipziger Lichtmasterplan sollen zukünftig alle Straßenlaternen auf LED-Licht umgestellt werden. »Das ist deutlich heller als diese schummrigen Natrium-Dampfleuchten«, erklärt Neu. Der Beschluss habe erstmal ordentlich Gegenwind provoziert: »Die schöne alte Stimmung geht dadurch eben flöten«, fährt Neu achselzuckend fort. Letztendlich siegte das Sicherheitsempfinden. Zuerst seien die großen Straßen an der Reihe, dann die Nebengassen. Grundsätzlich soll auch jede Leipziger Bushaltestelle, die ein Wartehäuschen besitzt, beleuchtet sein. Aber wenn Haltestellen in Leipziger Randbereichen nicht saniert sind, ist die Beleuchtung lediglich Zukunftsmusik. Den Frauen hilft das auf dem Nachhauseweg wenig.

Neben der Sicherheit hat genderspezifische Stadtplanung noch ein zweites Ziel: Sie will Frauen den Alltag erleichtern. Zwar stößt es vielen sauer auf, wenn Weiblichkeit direkt mit dem Kinder-Küchen-Klischee assoziiert wird. Aber Frauen übernehmen global gesehen nun mal dreimal so viel der unbezahlten Care-Arbeit, bringen im Durchschnitt öfter die Kinder zur Schule oder den pflegebedürftigen Großvater ins Altenheim. Hurlin findet die Leipziger Fußwegsituation teils »katastrophal: Da kommt man mit Kinderwägen oder Rollstühlen oft nicht durch!«

In der Praxis scheitern die ausgebauten Fußwege weder am Geld noch an der Prioritätensetzung: Laut Neu ist es teilweise schlicht nicht möglich, die Anforderungen in bestehenden Straßen umzusetzen. Immerhin sei Leipzig eine Stadt aus der Gründerzeit mit hoher Einwohnerdichte: »Manchmal gibt’s im Bestand eben schmale Gehwege, Autos parken halb darauf und das Klein- und Großpflaster ist obendrein ein Graus für Rollstuhlfahrer«. An solchen Stellen müsse man nachrüsten. Was zukünftige Bauvorhaben angeht, sieht die Lage dagegen anders aus: Neue Gehwege müssen aktuell mindestens 2,50 Meter breit und mit Bordabsenkung versehen sein. In neueren Gebieten, beispielsweise am Bayerischen Bahnhof oder dem Kristallpalast, ist die Infrastruktur hundertprozentig inklusiv geplant.

Bei all diesen Bemühungen steht für Neu jedoch nicht die Gendergerechtigkeit im Vordergrund: »Ich möchte Stadtplanung nicht je nach Geschlecht unterscheiden«, erklärt der Amtsleiter bestimmt. »Auch der 75-jährige Rentner wünscht sich eine ausgeleuchtete Straße.« Er empfindet die Leipziger Stadtverwaltung nicht als Männerdomäne: Aktuell arbeiten darin 61 Frauen und 44 Männer.

Hurlin gibt zu bedenken: »Es macht schon auch Sinn, woanders anzusetzen: Mädchen und junge Frauen zu empowern und Jungs zu erziehen, keinen Scheiß zu bauen«, erklärt Hurlin. Ein Argument gegen genderspezifische Stadtplanung sei das jedoch nicht: »Man darf da eben nicht aufhören«, fordert Hurlin bestimmt. »Nur weil man Wege nachts besser beleuchtet und den ÖPNV ausbaut, heißt das nicht, dass das Problem Gendergerechtigkeit aufhört«. Mit Neus Grundaussage geht die Feministin allerdings durchaus mit: »Gendersensible Stadtplanung bedeutet im Endeffekt menschenfreundliche Stadtplanung.«

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Ein Kommentar

  1. Ralf Noack | 6. Juli 2021 | um 16:53 Uhr

    Seit über 2 Jahren gibt es von Fachleuten aus der Beleuchtungsbranche Bestrebungen, zum Beispiel bisher unbeleuchtete und stromtechnisch nicht erschlossene Bushaltestellen mit modernen solaren Leuchten, u.a. mit Bewegungsmelder, für alle Verkehrsteilnehmer etwas sicherer zu machen. Das Interesse der Stadt und der zuständigen Abteilung geht gegen, nein ist, NULL – trotz mehrfacher Nachfragen. Keine Ahnung, wo die innovative Stadtgesellschaft und das Gehör der Verwaltung auf die Bürgerbeteiligung auf der Strecke geblieben sind…