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»Das ist eine Sisyphusarbeit«

Historikerin Andrea Lorz über ihre Arbeit zu jüdischer Geschichte in Leipzig

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Bis zum 25. Juli ist im Stadtgeschichtlichen Museum die Ausstellung »Uns eint die Liebe zum Buch. Jüdische Verleger in Leipzig 1815-1938« zu sehen. Im Hentrich & Hentrich Verlag ist dazu eine Publikation entstanden, die einige der Verleger vorstellt. Ein erheblicher Anteil des Wissens stammt von Andrea Lorz, die seit Jahrzehnten zur jüdischen Geschichte in Leipzig arbeitet. Ein Interview mit der Historikerin über jüdische Geschichte in Leipzig, die vielen bis heute noch fehlenden Wissensfelder und Selbstschutz bei der Forschung zu Einzelschicksalen.

kreuzer: Wie sind Sie zur Beschäftigung mit jüdischer Geschichte gekommen?
Andrea Lorz: Nach der Wende habe ich bei Pro Leipzig gearbeitet und bin angeregt worden zu den Leipziger jüdischen Warenhausgründern (Lindenau: Held, Plagwitz: Joske; Zentrum: Urys und das Kaufhaus am Brühl) zu arbeiten. Die Teilnahme an den Begegnungen zur »Jüdischen Woche« hat mir für das Vorhaben sehr geholfen, weil sich dort Zeitzeugen und Nachkommen von Leipziger Juden getroffen haben. Zum Beispiel Peter Held – der Sohn des Kaufhausbesitzers Albert Held aus Lindenau. Er ist ein wirklicher Weltenbürger gewesen. Er hat »seine Fühler« ausgestreckt und mir Kontakte ermöglicht, die ich nie allein hätte herstellen können. Dadurch hatte ich das große Glück Nachkommen und Familienangehörige zum Beispiel der Helds, Urys, Joskes und Heines kennenzulernen. Das bereichert und weitet den Blick, weil die Familien über die ganze Welt verstreut sind, die Nachkommen sind nicht mehr in Leipzig geboren und haben so natürlich eine ganz andere Sicht auf die Stadt. Diesen Blick muss man berücksichtigen.

kreuzer: Wie ging es dann weiter?
Lorz: Nach den Warenhausgründern beschäftigte ich mich mit einigen Leipziger jüdischen Verlegern – wie zum Beispiel Moses Wolf Kaufmann, Inhaber der Verlagsbuchhandlung M. W. Kaufmann in Leipzig – der ältesten jüdischen Buchhandlungen Deutschlands. 1999 erschien das Buch »Strebe vorwärts. Lebensbilder jüdischer Unternehmer in Leipzig«. Ich bedaure aber sehr, dass ich zumeist immer noch Einzelkämpferin bin. Wir haben doch in Leipzig auch ein Literaturinstitut, die Universität … Ich bin keine Germanistin oder Literaturwissenschaftlerin – ich bin Historikerin. Mein Blick ist der einer Historikerin.

kreuzer: Woran liegt das, dass Sie immer noch Einzelkämpferin sind?
Lorz: Ich denke, dass sich manche ein bisschen vor der Kleinstarbeit fürchten. Die eine Seite ist die, Kontakte zu haben. Die andere Seite ist die, Dokumente zu sichten. Viele wissen nicht: Die Gestapo hat im Februar 1945 einen Erlass herausgegeben, dass Dokumente zu vernichten sind, die auf die Verfolgung der Juden hinweisen. Das ist ihr nicht vollständig gelungen, aber es fehlt dadurch viel. Das ist eine Sisyphusarbeit und kostet Zeit. Diese Zeit – ich verkenne das Problem nicht – die haben viele auch nicht.

kreuzer: Wer folgte nach den Warenhausbesitzern und den Verlegern?
Lorz: Jüdische Mediziner. Ich hatte zum Abschluss des Aufbaus einer Sammlung und Dokumentation jüdischer Geschichte am Stadtgeschichtlichen Museum lediglich zwei Postkarten von Ärzten in der Ausstellung gezeigt. Ich fragte Peter Held, ob er Verbindungen zu ehemaligen Leipziger Arztfamilien besitzt. Natürlich hatte er die und so kam ich dann auch zu den Informationen zu den Ärzten, war in Jerusalem im Yad Vashem-Archiv, habe Familien besucht, zum Beispiel die von Felix Cohn. Er wurde in der Pogromnacht in Leipzig ermordet. Die Familien besitzen Informationen, die wir hier nur in Dokumenten nüchtern und sachlich nachlesen können. Das ist dann scheinbar trocken, wenn man nicht die Menschen dahinter sieht. Es fragt leider niemand nach den Menschen, weil es niemand weiß. Das ist das, was mich so berührt. Der Verlust an Menschen und an deren Wissen – er fällt nicht auf.

kreuzer: Warum ist das so?
Lorz: Weil es niemand weiß. Das hat solche Auswirkungen, dass ein ganzer Teil der Leipziger Geschichte gar nicht berührt wird oder zu spät berührt wird. Jetzt kann ich bald auch »nur« noch ins Archiv gehen und immer weniger Zeitzeugen oder die vorzustellenden Familien befragen.

kreuzer: Es gibt von Ellen Bertram das Gedenkbuch »Leipziger Opfer der Shoa«, in dem die Namen, Adressen und Lebensdaten nachzulesen sind…
Lorz: Das ist ein nächstes Prinzip: Auch wenn man Einzelkämpferin ist, man kann das Thema nicht alleine bewältigen. Mit Ellen Bertram arbeite ich sehr eng und sehr gut zusammen. Sie hat mir von Anfang an sehr geholfen. Überhaupt: Ohne die allseitige Unterstützung auch durch die Familien selbst und, nicht zu vergessen, die der Archive und Bibliotheken, einschließlich der Israelitischen Religionsgemeinde, für die ich sehr dankbar bin, wäre meine Arbeit nicht möglich.

kreuzer: Wie ist die Resonanz auf Ihre Forschungen?
Lorz: Die Resonanz ist nicht immer so wie man sich das erhofft hat. Zum Beispiel gab es in den Fachkreisen zu den Ärzten eine gute und große Resonanz. Die Arbeit zu den jüdischen Verlegern lag dagegen 20 Jahre »brach«, bevor die Ausstellung kam. Die Leute sind heute sehr interessiert. Ich frage mich nur, warum das 20 Jahre dauern musste.

kreuzer: Vielleicht liegt es auch an Corona, dass die Menschen anders nachdenken?
Lorz: Das kommt wirklich dazu. Bei einer der Radtouren zu den Verlagshäusern waren 19 Interessierte unterschiedlichen Alters und es wurden viele Fragen gestellt, denn es ist fast nichts mehr aus der Vergangenheit zu sehen. Die Fragen zeigen auch, dass Interesse da ist. Die Zeit mit Corona zeigt die Nachdenklichkeit – wie verletzlich und vergänglich doch alles ist. Sie kann dazu beitragen, dass das Interesse an diesem Thema mindestens erhalten bleibt und sich ausweitet. Wobei man da auch anders herangehen muss, weil die nachfolgenden Generationen anders an die Geschichte herangehen. Aber die Einmaligkeit des Holocausts und der industriellen Ermordung von sechs Millionen Menschen – das können wir uns nicht vorstellen. Sie zeigen, wozu der Mensch fähig ist, wenn ethische Werte verloren gehen.

kreuzer: Es gibt noch so viele blinde Stellen in der Stadt und in den Institutionen zur jüdischen Geschichte. Wie gehen Sie damit um?
Lorz: Das belastet und verwundert mich. Das Karl-Sudhoff-Institut ist »schweigsam« geworden. Da habe ich kein Verständnis für. Manche sagen: »Wir müssen unsere Schuld abarbeiten.« Nein, Schuld müssen wir nicht abarbeiten. Ich bin nicht schuldig, aber ich habe eine Verantwortung. Und die Verantwortung bleibt auch für die kommenden Generationen. Sie sollen nicht sagen können: »Das haben wir alles nicht gewusst.« Es liegt alles vor. Ich muss es entweder abhören oder lesen.

kreuzer: Wie gehen Sie selbst mit den Schicksalen um, die Sie in Ihrer Forschung erfahren?
Lorz: Es ist schwer, gerade wenn man die Familienmitglieder kennt, wenn man weiß wie die Familien das erfahren haben und wie sie selber damit umgehen, wie dankbar sie sind. Das ist mir manchmal regelrecht peinlich. Sie müssen nicht dankbar sein. Ich bin dankbar, dass ich die Akten, vor allem die personenbezogenen, auch mit dem Wissen der Familien einsehen kann. Das ist auch eine Frage des Vertrauens. Das muss man aufbauen. Die Familien könnten auch an die Archive schreiben: »Sperren Sie die Akten – wir leben noch.« Das, was man liest, zum Beispiel zum Schicksal von Dr. med. Walltuch, der mit seiner Familie ins Gas geschickt wurde, obwohl er kurz zuvor noch Patienten in Dösen behandelt hat; zwei Tage später mussten sich er, seine Frau und seine zwei kleinen Söhne zur Deportation einfinden. Da hatte ich danach Tage, an denen ich das nicht mehr lesen konnte. Das verkraftet man nicht. Eine gewisse Distanz ist notwendig, weil man sonst emotional überreagiert. Aber Sachlichkeit muss sein, wenn ich das Thema vorstellen will. Doch das ist eben manchmal so schwer. Diesen Abstand muss ich mir jedoch bewahren. Das ist auch ein gewisser »Selbstschutz«.

kreuzer: Was sind Ihre zukünftigen Projekte und Ihre Wünsche, wenn es um jüdische Geschichte in Leipzig geht?
Lorz: Ich forsche weiter zu den jüdischen Medizinern. Die Ärztin Uta Hebenstreit hatte in ihrer bemerkenswerten Dissertation über 60 Biogramme angelegt – das wird weiterhin meine Arbeitsbasis bleiben. Dadurch werden auch viele andere Gebiete berührt wie zum Beispiel die Kultur, oder das Mäzenatentum. Viele Ärzte wie etwa Arthur Littauer waren Mäzene, Mitglieder im Bibliophilen Abend, die Interessengebiete waren breit aufgestellt, die engen Freundschaften waren bemerkenswert. Das ist noch so viel Arbeit, da habe auch ich noch einiges zu tun.

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