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Alter Leopard in neuem Fell

»Der Schneeleopard« von Peter Matthiessen erzählt von Landschaft und Verlust

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. In dieser Woche reist Literaturredakteurin Linn Penelope Micklitz mit der Neuauflage des Klassikers »Der Schneeleopard« von Peter Matthiessen in den Himalaja.

Spannender als jeder Krimi ist die Suche, auf die sich Peter Matthiessen, Autor und Naturschützer, und Forscher George Schaller im Jahre 1973 begeben. Sie wollen zum Kristallberg wandern um die seltenste Großkatze mit eigenen Augen zu sehen: den titelgebenden Schneeleoparden. Schon vor der Reise geistert der Schneeleopard als Symbol und mystischer Marker, losgelöst von sich selbst, im Gebirge und in Matthiessens Gedanken herum. Die Suche nach ihm ist für ihn »eine Reise des Herzens«, »eine echte Pilgerfahrt«, deren Auslöser der Krebstod von Matthiessens Frau Deborah Love ist. Zoologe Schaller sieht das pragmatischer. Während der Zen-Buddhist versucht, den Verlust seiner Frau zu überwinden und eins zu werden mit der Natur, zählt der Wissenschaftler die seltenen Blau-Schafe und dokumentiert jede ihrer Bewegungen.
Dieser Klassiker des Nature Writing und eines der schönsten Bücher der spirituellen Reiseliteratur, zweimal ausgezeichnet mit dem National Book Award, ist nun in der Neuauflage als Teil der Naturkunden-Reihe bei Matthes und Seitz in ein würdiges Gewand gekleidet worden. Betörend sind noch immer sind die Naturbeschreibungen:

»Am nächsten Tag schien eine wässrige Sonne, am Südhimmel wechselte die Bewölkung, während vom Himalaja im Norden nichts zu sehen war als der wilde Aufruhr von dicht verwirbeltem Grau. In der Abenddämmerung zogen weiße Reiher mit schweren Schwingenschlägen vor den tief hängenden, regenschwarzen Wolken vorbei. Über die Erde brach Dunkelheit herein. Dann plötzlich, vier Meilen über den schmutzigen Straßen des Flachlandes leuchtete ein strahlendes Weiß auf, so hoch, als läge es direkt über unseren Köpfen: Das Schneelicht. Gletscher tauchten auf und verschwanden wieder im Grau. Der Himmel teilte sich und die Schneehaube des Machapuchare funkelte wie die Turmspitze eines überirdischen Königreichs.«

Der Schneeleopard; Cover: Matthes und Seitz

Und die unsagbare Trauer Matthiessens, die mit keinem Wort zu viel umrissen und durchdrungen wird:

»Zusammen mit den Sherpas (…) verstauten wir Zelte und Geschirr und kauften, was uns an Vorräten noch fehlte, im orientalischen Lärm des Asan-Basars, auf dem ich bereits 1961 einen kleinen, von grüner Patina überzogenen Bronze-Buddha erstanden hatte. Kurz darauf begannen meine Frau und ich uns mit dem Zen-Buddhismus zu beschäftigen, und der grüne Buddha aus Kathmandu war es auch, den ich in dem New Yorker Krankenhaus auf den kleinen Altar in Deborahs Zimmer stellte, wo sie letztes Jahr an Krebs starb. Es war Winter.«

Und schon im Jahr 1973 erzählt Matthiessen von einer bestürzenden Tatsache, die umso erschreckender ist, weil sich die Situation bis heute nur verschlechtert hat: »Wie auch andere Orte der Erde ist der Himalaja Schauplatz eines großen Sterbens, das unendlich trauriger ist als das Artensterben im Pleistozän, da der Mensch inzwischen die Mittel hat und um die Notwendigkeit weiß, die Zeugen seiner eigenen Vergangenheit zu retten.« Lesen wir dieses Buch wieder und wieder, dieses Archiv einer sterbenden Landschaft, Bewahrer kaum vorstellbarer Schönheit und ergreifender Klagegesang.

Peter Matthiessen: Der Schneeleopard. Aus dem Amerikanischen von Maria Csollány und Stephan Schuhmacher. Herausgegeben von Judith Schalansky. Mit einem Nachwort versehen von Bernhard Malkmus. Berlin: Matthes & Seitz 2021. 330 S., 48 €

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