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Diversität auf allen Ebenen

Diese Themen bewegen den neu gewählten Migrantenbeirat

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Im Juni hat sich der neue Migrantenbeirat in Leipzig konstituiert. Neu ist, dass zehn der 22 Mitglieder von migrantischen Einwohnerinnen und Einwohnern Leipzigs per Online-Wahl gewählt wurden. Ein Überblick, welche Themen einige der neuen Mitglieder behandeln wollen.

Einstieg in den Arbeitsmarkt
Linh Vu hat als Tochter vietnamesischer Gastarbeitender selbst gemerkt, welche Rolle das Netzwerk und der Beruf der Eltern bei der eigenen Berufswahl spielen: »Als meine Brüder und ich nach Praktika gesucht haben, sind wir teilweise in ulkigen Jobs gelandet – oder auch einfach im Imbiss der Eltern.« Sie findet, sowohl Schulen als auch Institutionen wie die IHK oder die Handwerkskammer sollten dafür mehr Bewusstsein entwickeln und Jugendliche aus migrantischen Familien gezielt fördern und beraten. Teilweise kennen die Eltern selbst nur die Selbstständigkeit, weil sie aufgrund von sprachlichen Hürden oder fehlenden formalen Abschlüssen keine Chancen hatten, andere Jobs zu bekommen. »Ihnen fehlen die Erfahrungen und Connections auf dem deutschen Arbeitsmarkt, um ihren Kindern gute Ratschläge zu geben«, sagt Vu. Sichtbarkeit von Schwarzen und People of Color in Plakatkampagnen für Ausbildung und Studium ist ihrer Meinung nach ein guter erster Schritt. Auch Patenschaftsprogramme, in denen Jugendliche mit Vorbildern in Kontakt kommen, könnten Hürden abbauen.

Diversität und Sensibilität in die Behörden
Behördengänge und Bürokratie empfinden schon Menschen mit Deutsch als Muttersprache als kompliziert und lästig. Bei Migrantinnen kommt die Sprache als Hürde dazu, aber oft auch fehlender Sachverstand der Mitarbeiterinnen der Behörden, wenn es etwa um Pass-Angelegenheiten geht. Der Migrantenbeirat ist sich einig, dass hier an vielen Stellen geschraubt werden kann, um das Ankommen in Leipzig leichter zu machen. Die Behörden könnten auch durch Fortbildungen – zum Beispiel zu Critical Whiteness – sensibilisiert werden, schlägt Mohammad Okasha vor. Eine Auseinandersetzung mit Rassismus sei vor allem für Mitarbeiterinnen in der Ausländerbehörde erforderlich. Doch das alleine reicht nicht. »Die Stadtverwaltung ist extrem weiß. Perspektiven, die wir einbringen, kann die Mehrheit in der Verwaltung nicht nachvollziehen«, sagt Okasha. »Für kulturelle Sensibilität sollten sie an diesen Stellen auch Kollegen haben, die divers sind«, sagt Linh Vu, die selbst in der Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig arbeitet.

Vernetzung und Sichtbarkeit von Migrantinnen-Organisationen
Es gibt in Leipzig bereits eine Vielzahl von Organisationen, Vereinen und Netzwerken, die Unterstützung für Migrantinnen bieten. Dem Dachverband sächsischer Migrantenorganisationen (DSM) gehören aktuell 47 Initiativen an – sieben davon haben ihren Sitz in Leipzig. Ihre Angebote erreichen aber nicht immer die Menschen, die sie brauchen. Yameli Gomez schlägt vor, dass Infomaterial zu den Organisationen in der Ausländerbehörde sichtbar und mehrsprachig bereitgestellt wird. Nelma Batista dos Santos Hahne sagt, der Migrantenbeirat könnte diese Organisationen künftig untereinander vernetzen und dadurch stärken.

Stärkung von migrantischen Frauen
Frauen mit internationaler Familiengeschichte werden durch Rassismus und Sexismus gleich doppelt diskriminiert. Deswegen steht für Yameli Gomez auch das Thema Frauen-Empowerment im Fokus. Die größten Probleme für migrantische Frauen sind ihrer Meinung nach die Stereotype, denen sie jeden Tag begegnen. »Das fängt schon damit an, dass man uns als exotisch bezeichnet«, sagt sie. Vor allem sexuelle Gewalt werde nicht genug thematisiert. Dass der Migrantenbeirat diese strukturellen Probleme lösen wird, ist unwahrscheinlich. Gomez möchte sich aber für mehr Vernetzung zwischen den Frauen einsetzen und sogenannte safe spaces schaffen. Außerdem soll der Migrantenbeirat die Frauenhäuser stärken.
Häusliche Gewalt ist auch für Nelma Batista dos Santos Hahne ein Kernthema. Sie ist Projektleiterin beim Verein Internationale Frauen Leipzig. »Generell sollten auch wir im Migrantenbeirat viel über die Selbstbehauptung von Frauen sprechen«, sagt sie. Man müsse erst ein Bewusstsein für das Problem schaffen, um Lösungen herbeizuführen.

Zugang zum Gesundheitssektor verbessern
Auch im Gesundheitsbereich erschweren Sprachbarrieren den Zugang, sowie fehlende Versicherungen und Angst vor Diskriminierung bei weißen Ärztinnen. Die Ausmaße dessen zeigen sich gerade in der Coronakrise. Zwar gibt es in Deutschland dazu keine verlässlichen Zahlen, aber Statistiken aus den USA oder Großbritannien legen nahe, dass Personen mit internationaler Geschichte häufiger an Corona erkranken und häufiger schwere Krankheitsverläufe haben. Francesca Russo ist selbst Ärztin. Sie beklagt das fehlende Gesundheitsangebot in fremden Sprachen in Leipzig. Menschen, die kein oder wenig Deutsch sprechen, könnten so ihre Probleme nicht schildern. Während ihrer Kandidatur für den Migrantenbeirat seien viele Menschen auf sie zugekommen, die nach ärztlicher Betreuung gesucht haben, bei der sie auch verstanden werden. Russo möchte die Vereine stärken, die diese Menschen unterstützen, und darauf hinwirken, dass im Leipziger Gesundheitssystem das Angebot für Migrantinnen erweitert wird.

Dieser Text erschien zuerst in der Mai-Ausgabe des kreuzer 05/21.

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