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Jenseits der Überhöhung

Ausstellung zum Jubiläum von Karl Liebknecht

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Zum 150. Geburtstag von Karl Liebknecht präsentiert das Stadtgeschichtliche Museum eine Ausstellung zur Person und zur eigenen Geschichte. Auch heute erinnern noch einige Orte an ihn.

Viele werden eine Ausstellung anlässlich des Geburtstages von Karl Liebknecht machen. Davon ging zumindest das Stadtgeschichtliche Museum (SGM) bei der Vorbereitung zur Ausstellung »Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht« aus. Dass dem nicht so ist, musste Museumsdirektor Anselm Hartinger zum Pressegespräch konstatieren.

Umso wichtiger ist die Ausstellung, die sich mit dem am 13. August 1871 in Leipzig geborenen Karl Liebknecht auseinandersetzt. Sie ist weit mehr als die Darstellung einer Biografie, sondern zeigt, wie wichtig die Aufarbeitung von Geschichte ist – einschließlich die der eigenen Institution und den daraus folgenden Sammlungen.

Ein blinder Fleck der letzten Jahrzehnte wird in diesem Jahr auch durch das städtische Themenjahr »Leipzig – Stadt der sozialen Bewegungen« neu in den Blick gerückt: die Geschichte der Arbeiterbewegung. Anja Jackes, die Leiterin des Kulturamts, betonte in ihren einführenden Worten der Pressekonferenz, dass die kritische Aufarbeitung enorm wichtig sei.

Mit der Geschichte der Leipziger Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert beginnt die Ausstellung. Geboren in der Braustraße 15 lebte Vater Wilhelm Liebknecht seinem Sohn ein politisches Leben vor. Über Mutter Natalie gibt es bisher kaum Zeugnisse, wie sie den Alltag an der Seite des sogenannten Arbeiterführers Liebknecht mit den Kinder bestritt. Der Einblick in die familiäre Situation beispielsweise würde auch Urteile darüber zulassen, wie die Rolle der sozialdemokratischen Frau und Mutter in der Praxis funktionierte. Für Kuratorin Johanna Sänger ist es ein heute noch unbekannter Geschichtsaspekt.

Von 1867 bis zum Umzug 1881 nach Berlin lebten auch die Bebels in der Braustraße. Dort befand sich vor 1990 das »Karl-Liebknecht-Haus« eine Zweigstelle des SGM. Es verfügte über eine sehr umfangreiche Sammlung, die sich heute im Bestand des Museums befindet. Die Objekte selbst erzählen von einer Geschichtsschreibung, die beispielsweise gänzlich auf Karikaturen von Karl Liebknecht verzichtete. Seine Rolle als Held der Arbeiterbewegung sah dies offensichtlich nicht vor. Als solcher tauchte er bereits in 1920er Jahren in den Arbeiten vom Leipziger Künstler Alfred Frank auf. In seinen Werken wiederholte er immer wieder die bekannte Redehaltung von Liebknecht, bis er sein Selbstporträt fast ganz an Liebknechts Physiognomie anpasste. Frank war Mitglied der KPD und organisierte die lokale Asso-Gruppe. Solche Arbeiten finden sich nicht in der Schau. Stattdessen ist eine Wand mit Flugblättern der Spartakusgruppe versehen, um einen Einblick in die Forderungen und der damit verbundenen Rhetorik zu erlangen.

Was erinnert heute noch an Liebknecht? Viele Straßen und Plätze – vor allem in Ostdeutschland gelegen. Der Regionalligist SV Babelsberg 03 spielt im Karl-Liebknecht-Stadion. Die Ultras vom Filmstadt Inferno liehen der Ausstellung einem überdimensionalen Wimpel mit einem Liebknecht-Porträt. In Potsdam kandidierte Liebknecht für den Reichstag im sogenannten Kaiserwahlkreis und gewann 1912 die Stichwahl.

In Potsdam findet sich heute noch die große Bronzeskulptur »Herz und Flamme der Revolution« von Theo Balden im städtischen Raum. Seine Heimatstadt selbst verfügt über keine Erinnerungsstätte außerhalb der Braustraße. Daher kann sich das Publikum einbringen und die Frage nach Erinnerungsformen an Liebknecht beantworten und an einer Wandzeitung manifestieren.

»Held oder Hassfigur? Der Leipziger Liebknecht« bis 30. Januar 2022

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