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Horizonterweiterung

Das Kinostarts dieser Woche im Überblick

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In dieser Woche bietet das »Karlovy Vary Filmfestival« in Tcheschien die Chance, etliche Filme zu sehen, die auf den internationalen Filmfestspielen ausgezeichnet wurden. Außerdem im Kino in dieser Woche »The Father«, der die filmische Perspektive eines Demenzkranken einnimmt. Für Fans der Jack London Romane kommt »Martin Eden« auf die Leinwand.

Das 55. Karlovy Vary Filmfestival präsentiert in seiner Sektion »Horizons« cineastische Impressionen aus aller Welt. Die Reihe versammelt Filme, die bei internationalen Filmfestivals ausgezeichnet wurden. So ist sie nicht nur eine gute Gelegenheit, die Highlights aus Cannes, Venedig, Berlin und Sundance nachzuholen, sondern eröffnet vor allem Horizonte. In »Feathers« erleben wir eine absurd-komische Geschichte über das Patriarchat in Ägypten, in »Hive« nimmt eine Frau und Mutter sieben Jahre nach dem Krieg in Kosovo das Leben selbst in die Hand und gibt den Frauen ihres Heimatdorfs eine Perspektive, der animierte Dokumentarfilm »Flee« erzählt von dem Grauen einer Flucht aus Afghanistan und »Ballad of a White Cow« vom Unrecht im Iran. Der Blick nach Außen öffnet die Augen und sei jedem empfohlen, um den eigenen Horizont zu erweitern.

»Karlovy Vary Filmfestival«: bis 28.8., Karlovy Vary, Tschechien

www.kviff.com

Film der Woche: Der Schmerz des schleichenden Verlusts, wenn ein Familienmitglied an Alzheimer oder Demenz erkrankt, wurde in den vergangenen Jahren bereits einige Male auf die Leinwand gebracht. Sarah Polley lehnte ihr berührendes Drama »Away from her« an eine Kurzgeschichte von Alice Munro an. David Sieveking erzählte vom Verlust seiner Mutter in dem schmerzhaft persönlichen Dokumentarfilm »Vergiss mein nicht«. Der Franzose Florian Zeller schildert den geistigen Zerfall nun aus der Subjektiven und adaptierte sein Theaterstück »Der Vater« für die Leinwand. Dabei wird die Krankheit auch für Außenstehende regelrecht spürbar. Sein Protagonist Anthony (Anthony Hopkins) ist ein distinguierter älterer Herr, der allein in seiner weitläufigen Wohnung lebt. Von seiner Tochter Anne (Olivia Colman) wird er liebevoll umsorgt. Doch sie kann sich nicht immer um ihn kümmern und sucht daher eine Pflegekraft. Bislang scheiterte jede Kandidatin an der herrischen Art des Hausherrn, der sich nicht in seinem Frieden stören lassen will. Für Anthony wird die Welt um ihn herum immer verwirrender. Er leidet zunehmend unter Aussetzern und wird zum Fremden in seiner eigenen Umgebung. Wie Zeller den Zustand der Degeneration in Bilder und Atmosphäre umsetzt, ist zutiefst verstörend. Durch die subjektive Betrachtung der Welt durch Anthonys Augen werden wir hineingezogen in einen Strudel aus Verwirrung und Misstrauen. Die gewohnten Muster einer filmischen Erzählung werden aufgelöst und dem Zuschauer so die Orientierung genommen. Einziger Anker bleibt Anthony, der selbst immer mehr den Halt verliert. Sir Anthony Hopkins, der für seine Leistung mit 83 Jahren seinen zweiten Oscar erhielt, verkörpert ihn in jedem Moment überzeugend und hat in Olivia Colman eine ebenbürtige Anspielpartnerin.

LARS TUNÇAY

»The Father«: ab 26.8., Passage Kinos

Tim Fehlbaum sorgte 2011 mit seinem Spielfilmdebüt für eine handfeste Überraschung: »Hell« ist nach wie vor ein clever inszenierter Science-Fiction-Film und zeigte eindrucksvoll, dass Genrekino auch hierzulande möglich ist. Zwischenzeitlich sind wir ein ganzes Stück weiter. Deutsche Produktionen wie »Dark« finden viele Fans bei Netflix. Das Kino beherrschen allerdings weiterhin leichte Komödien. Da kommt es mehr als gelegen, dass Fehlbaum nach zehn Jahren endlich sein Zweitwerk vorlegt. Schützenhilfe gab erneut Produzent Roland Emmerich, der schon früh das Potenzial des Protegés entdeckte und ihm mit auf den Weg gab, wie man eindrucksvolles Kino für die große Leinwand mit vergleichsweise schmalem Budget realisiert. So wirkt das Setting für »Tides« noch eine Spur beeindruckender, spielt es doch auf einer vom Wasser beherrschten Erde der fernen Zukunft. Die Menschheit hat sich auf den Planeten Kepplar geflüchtet und versucht Jahrzehnte später die Rückkehr. Doch für Astronautin Blake sind die Wassermassen, die zweimal täglich über die Erde hereinbrechen, nicht die einzige Überraschung, die sie auf ihrer Mission erwartet. Mit viel Nebel und der unendlichen Weite des Wattenmeers schafft Fehlbaum eine beeindruckend realistisch wirkende Zukunftsvision zwischen »Mad Max« und »Waterworld«. Die Geschichte kann da leider nicht ganz mithalten, wird von der guten Besetzung aber glaubwürdig rüber gebracht. Vor allem die Französin Nora Arnezeder als Blake überzeugt als weibliche Heldin.

»Tides«: ab 26.8., Regina Palast, Cineplex

Nikos hat in Athen die Maßschneiderei seines Vaters Thanasis übernommen, die schon seit 60 Jahren für Qualität und Eleganz bürgt. Doch die Zeiten haben sich geändert, kaum jemand ist mehr bereit, für einen Anzug mehrere Tausend Euro zu bezahlen und Wochen auf die Maßanfertigung zu warten. Bevor dem Laden die Liquidierung droht, entschließt sich Nikos, seine Waren mit einem mobilen Stand auf dem Wochenmarkt anzubieten und sich auch der Schneiderei von Hochzeitskleidern zu öffnen, für die es in Athen einen wesentlich größeren Absatzmarkt zu geben scheint. Sonia Liza Kenterman hat für ihre Kurzfilme schon etliche Preise gewonnen und mit »Der Hochzeitsschneider von Athen« nun ihr überaus gelungenes Langfilmdebüt vorgelegt. Der Film hat ein ausgeklügeltes visuelles Konzept, fokussiert gerne auf Details und bleibt über weite Strecken – genau wie der von Dimitris Imellos grandios verkörperte Nikos – äußerst wortkarg. So lädt er zum genauen Beobachten und Entdecken ein und entfaltet dabei eine märchenhaft-poetische Stimmung, welche die Ereignisse jedoch nie romantisiert. In seiner Interaktion mit einem kleinen Nachbarsmädchen erinnert Nikos an Stummfilmhelden wie Charlie Chaplin und Buster Keaton, die Kenterman nach eigener Aussage auch als Inspirationsquelle dienten. Ein ästhetischer Genuss und ein Plädoyer für eine Form der Handwerkskunst, die zu verschwinden droht.

FRANK BRENNER

»Der Hochzeitsschneider von Athen«: ab 26.8., Passage Kinos, Regina Palast

Der Schriftsteller Jack London verfasste zahlreiche Abenteuerromane, weniger bekannt sind seine politischen Werke. Darunter »Martin Eden«, ein Roman in den der Autor viel von seiner eigenen Lebensgeschichte und seinen Überzeugungen einfließen ließ. Dessen Schauplatz hat Regisseur Pietro Marcello für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm von San Francisco nach Neapel verlegt. In der italienischen Stadt lernt der Matrose Martin Eden bei einem Landgang die kluge Aristokratin Elena Orsini kennen und verliebt sich in sie. Um ihr Herz und das Einverständnis ihrer Eltern zu gewinnen, fasst der junge Mann den Plan Schriftsteller zu werden und aus der Arbeiterklasse aufzusteigen. Mit relativ geringem Budget gelingen Marcello und seinen Kameraleuten Francesco Di Giacomo und Allessandro Abate beeindruckende Aufnahmen von Neapel, die sie mit teilweise gefaktem Archivmaterial aus dem 20. Jahrhundert italienischer Geschichte anreichern. Vor diesem Hintergrund wird Martin Eden zum Archetyp des Aufsteigers, der auf dem Weg nach oben seine Ideale und die eigene Klasse verrät. Für seine Darstellung gewann Hauptdarsteller Luca Marinelli in Venedig den silbernen Löwen. Eine verdiente Auszeichung, doch die Mischung unterschiedlicher Bildwelten führt mit zunehmender Dauer dazu, dass Protagonist und Welt auseinander driften, bis Eden am Ende wirkt, als hätte er sich in den falschen Film verirrt.

JOSEF BRAUN

»Martin Eden«: ab 26.8., Schaubühne Lindenfels

Weitere Filmtermine der Woche

Es war alles vorbereitet, die Filme bestellt, die Gäste eingeladen. Doch dann kam die Pandemie und das »Gegenkino« Filmfestival war der letzte Termin im vergangenen Frühjahr, der schweren Herzens abgesagt werden musste. Jetzt kann es endlich losgehen und zum Programm haben sich auch einige neue Filme gesellt und einige Filmemacher ihr Kommen zugesagt, so dass das Programm nun endlich dem Leipziger Publikum präsentiert werden kann. www.gegenkino.de

»Gegenkino«: 26.8.–5.9., UT Connewitz, Schaubühne Lindenfels, Luru Kino in der Spinnerei, 2cl Sommerkino, Marthalle Plagwitz

Im Stillen Laut

(D 2019) – Dok Leipzig Sommerkino

Erika und Tine sind beide 81 und seit über 40 Jahren ein Paar. Zusammen leben und arbeiten sie auf dem Kunsthof Lietzen in Brandenburg – und blicken auf ein bewegtes Stück gemeinsame Geschichte zurück. Am 11.8. mit anschließendem Publikumsgespräch mit der Regisseurin – Sommerkino des Ost-Passage-Theater & Dok Leipzig Sommerkino
R: Therese Koppe, D 2019, Dok, 74 min

Westgarten
• Donnerstag 26.08., um 20:00 Uhr

One Word

(D 2021) – Globale

Ein partizipativer Dokumentarfilm über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Republik der Marshallinseln und ihre Bevölkerung. – Globale
R: Viviana Uriona, D/MH 2020, Dok, OmU, 83 min

Robert-Koch-Park
• Donnerstag 26.08., um 20:00 Uhr

Polyloid Filmfest

Das Wunschfilmfestival im Leipziger Osten geht wieder los. Aufgrund des schlechten Wetters finden die Filme am ersten Festivalwochenende alle im Pöge-Haus statt – Infos unter www.pöge-haus.de/de/projekte/polyloid-filmfest-2021/

Verschiedene Orte
• 26.08.–05.09.

Spoon – A Santa Barbara Story

(F/IT/USA 2017; OmeU) – Surf-Film-Nacht

Die Geschichte von Renny Yater und George Greenoug, die den Surfsport maßgeblich mitprägten. – Surffilmnacht
R: Wyatt Daily, USA 2019, 60 min

Sommerkino auf der Feinkost
• Donnerstag 26.08., um 21:00 Uhr

Wem gehört mein Dorf?

(D 2021, Dok) – Globale

Ein Dorf an der Ostsee wehrt sich gegen den Ausverkauf. – Globale, am 9.8. in den Passage-Kinos in Anwesenheit des Regisseurs und der Protagonisten.
R: Christoph Eder, D 2021, Dok, 100 min

Hinterhof Löbauer Str. 54-56
• Freitag 27.08., um 20:00 Uhr

My Name Is Clitoris

(B 2019) – Dok Leipzig Sommerkino

Aus einem persönlichen Gespräch heraus entwickelten die beiden Filmemacherinnen Daphné Leblond und Lisa Billuart-Monet ihren Dokumentarfilm, in dem ihre Studentinnen offen über die weibliche Sexualität reden. – Dok Leipzig Sommerkino
R: Daphné Leblond, Lisa Billuart-Monet, B 2019, Dok, 80 min

Luru-Kino in der Spinnerei
• Samstag 28.08., um 20:30 Uhr

Aware – Reise in das Bewusstsein

(D 2019) – in Anwesenheit der Regisseurin

Der Dokumentarfilm folgt sechs brillanten Forschern, die sich dem Bewusstsein, das noch immer als größtes Rätsel des Universums gilt, aus radikal unterschiedlichen Perspektiven nähern.
R: Frauke Sandig, Eric Black, D 2019, Dok, 102 min

Passage-Kinos
• Sonntag 29.08., um 16:00 Uhr

Moritzkino: Dark City

Düstere Zukunftsvision im Stile eines klassischen Film Noir.

Moritzbastei
• Montag 30.08., um 22:00 Uhr

Moritzkino: Underwater

Eine Tiefsee Crew muss gefangen unter Wasser nach einem Erdbeben ums Überleben kämpfen, als eine unbekannte Bedrohung sie ins Visier nimmt.

Moritzbastei
• Dienstag 31.08., um 22:00 Uhr

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