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»Die Welt in einer Nussschale erzählen«

Dokumentarfilmer Christoph Eder über Interessenkonflikte im Ostseebad

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Was ist los in Göhren? Wohin sind der Wald und der Caspar-David-Friedrich-Blick verschwunden? In »Wem gehört mein Dorf?« geht Christoph Eder der Nachwendetransformation im Ostseebad nach und zeigt, was in einer Ostgemeinde passieren kann, wenn wirklich der langersehnte Investor West kommt.

kreuzer: Was veranlasste Sie zu diesem Film?
Christoph Eder: Ich habe Göhren schon lange beobachtet und manche Entscheidungen nicht verstanden. Orte meiner Kindheit sind auf teils dubiose Art verschwunden. Ich wollte wissen, was hier passiert und warum.
kreuzer: Ein Wald, in dem Sie früher spielten, musste dem Meerblick eines Hotels weichen.
Eder: Mein Gerechtigkeitssinn hat auch eine Rolle gespielt. Man kann hier die Welt in einer Nussschale erzählen. Der Konflikt zwischen Tourismus, Natur und den Interessen der Einheimischen war natürlich immer präsent. Diese Dorfstrukturen, die Konflikte im Hintergrund fand ich interessant. Auch die Nachwendetransformation hat hier ja auf eine besondere Art und Weise stattgefunden. Unter anderem kamen westdeutsche Investoren, um den Ort in ihrem Sinne zu gestalten, und man kann heute sehen, wie sich das auswirkt. Der Film erzählt auch eine Geschichte über die Demokratie im Osten.

kreuzer: Sind die »Vier von der Stange« – im Gemeinderat und als Unternehmer die Macher im Dorf – mit Ihnen über die Jahre anders umgegangen?
Eder: Nein. Dass ich aus Göhren komme, der Sohn von Tischlermeister Eder bin, hat uns Türen geöffnet. Aber wenn es um die heiklen politischen Dinge ging, waren die Protagonisten auf beiden Seiten vorsichtig, auch bei der Bürgerinitiative. Das hat sich mit der Zeit abgebaut, weil wir allen die Chance gaben, ihre Geschichte zu erzählen.

kreuzer: In Göhren kam jener Investor, den so viele ostdeutsche Regionen heute noch herbeisehnen. Aber dann ist eben auch nicht alles gut.
Eder: Tourismus ist extrem wichtig für Rügen, aber wer profitiert, wenn jemand so groß investiert? Das Gemeinwohl oder Einzelpersonen? Diese Frage sollte man sich immer wieder stellen.

kreuzer: … zum Beispiel wenn aus einem Gemeindeparkplatz ein privates Parkhaus wird und dem Ort Einnahmen entgehen?
Eder: Ja, oder bei einem Bauprojekt, das lange Zeit als Klinik kommuniziert wird und sich dann als Wellness-Hotel entpuppt.

kreuzer: Warum haben Sie da nicht noch mehr gebohrt?
Eder: Ich verstehe das Bedürfnis, mehr zu erfahren. Der Film dokumentiert, ist aber keine Investigativreportage. Er stellt Fragen, soll Diskussionen auslösen. Auf Rügen passiert das schon, ich hoffe, dass das auch woanders passiert. Ich bekomme deutschlandweit Feedback, wo es heißt: »Bei uns ist das auch so.« Auch aus Leipzig.

kreuzer: Die Bürgerinitiative hatte Erfolg bei der Gemeinderatswahl, was hat sich verändert?
Eder: Es wurden erste gute Entscheidungen gefällt. Der Südstrand soll nun doch Naturstrand bleiben, zum Beispiel. Bemerkenswert ist, dass unser Film mit dazu beigetragen hat, dass es jetzt eine rügenweite Bürgerinitiative gibt. Diese Message hat ja auch unser Film: Wenn dir etwas wichtig ist, engagiere dich dafür. Ich hoffe, er motiviert zum Handeln.

Das Interview erschien zuerst in der August-Ausgabe des kreuzer 08/21.

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