Startseite / Stadtleben / Würdevoll menstruieren

Würdevoll menstruieren

Mit kostenlosen Menstruationsprodukten auf Toiletten hätte die Stadt für mehr Gleichberechtigung und weniger Armut sorgen können - ein Kommentar

Größeres Bild

Bereits im März dieses Jahres forderten die Grünen kostenlose Menstruationsprodukte in öffentlichen Gebäuden. Ihr dazugehöriger Antrag im Stadtrat scheiterte um eine Stimme. Nun versuchen sie es nochmal. Sollte der Antrag dieses Mal glücken, würde das die Menstruation und den Umgang damit drastisch normalisieren, findet Social-Media-Redakteurin Sibel Schick.

Kostenlose Menstruationsprodukte in öffentlichen Gebäuden – das forderte Bündnis 90/Die Grünen Ende März bei den Haushaltsverhandlungen im Stadtrat. Die SPD-Fraktion stimmte der Forderung zwar grundsätzlich zu, stellte aber einen Änderungsantrag, da die Grünen pauschal 15.000 Euro fordern würden ohne genaues Konzept. Beide Anträge wurden nach einer skurrilen Debatte abgelehnt.

Seit einigen Jahren wird international darüber diskutiert, dass Menschen wegen ihrer Menstruation diskriminiert werden, indem sie zum Beispiel von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen werden, weil sie sich keine Binden leisten und so nicht aus dem Haus gehen können. Als erstes Land der Welt führte Schottland ein, dass es in öffentlichen Gebäuden kostenlose Menstruationsprodukte geben muss. Auch in Schulen in Neuseeland werden Tampons und Binden umsonst zur Verfügung gestellt. Selbst im Kreis Euskirchen in NRW oder in der Stadt Akashi in Japan ist das inzwischen gängige Praxis.

In der Debatte im Leipziger Stadtrat ging es erst mal um die Frage, ob Menstruation überhaupt ein Tabu sei. Ja, natürlich ist das Thema schambesetzt und wird zur Projektionsfläche für die Abwertung bestimmter Körper gemacht. Von zahlreichen dämonisierenden Mythen dazu, die de facto zur Benachteiligung menstruierender Menschen oder Gewalt gegen sie führen, ganz zu schweigen. Aber selbst wenn diese diskriminierende Mythen zur Menstruation in Deutschland im Vergleich relativ wenig verbreitet sind, gibt es auch hier Probleme, zum Beispiel das der Menstruationsarmut. Das heißt, sich keine Menstruationsprodukte leisten zu können – ungefähr 500 Euro kosten diese pro Jahr, sagen die Grünen. Der Anteil der Menschen in Leipzig, die 2019 armutsgefährdet waren, lag bei 22,7 Prozent. Frauen sowie trans und nicht-binäre Menschen sind überdurchschnittlich von Armut gefährdet oder betroffen, viele davon menstruieren. Daher können wir davon ausgehen, dass die Mehrheit der armen Menschen aus Leipzig auch unter Menstruationsarmut leidet.

Sibel Schick ist Social-Media-Redakteurin des kreuzer

Alle Menschen verdienen ein würdevolles Leben, unabhängig von ihrem Kontostand. Das zu gewährleisten ist die Aufgabe des Sozialstaates, der daher auch armen Menschen Hygieneartikel zugänglich machen sollte.

Unter diesem Aspekt erscheint die Begründung von Jessica Heller (CDU) gegen den Antrag absurd. Die Politikerin behauptete, der Antrag würde nicht alle betreffen, weil der Marktanteil wiederverwendbarer Hygieneartikel steigen würde. Es sei »schizophren«, fand Heller, gleichzeitig Nachhaltigkeit und kostenlose Herausgabe von Einweg-Produkten zu fordern. Armut schafft sich aber nicht automatisch ab, wenn das Bewusstsein über Umwelt und Klimaschutz steigt.

Konkret sprach Heller von Periodenunterwäschen, die »viele Frauen bevorzugen« würden. Das ist Unsinn. Periodenunterwäsche sind weder für die Nutzung außerhalb der eigenen vier Wände gut geeignet noch ganz nachhaltig. Man muss sie je nach Intensität der Blutung alle paar Stunden umziehen und sofort unter laufendem Wasser und dann in der Waschmaschine reinigen. Sich mehrfach am Tag die Unterhose in einer öffentlichen Toilette umziehen zu müssen, die alte in dem geteilten Waschbeckenbereich per Hand waschen, um die nasse Unterhose in die Tasche zu stecken – geht’s noch umständlicher? Neben Unterwäschen gibt es die Menstruationstasse, die als nachhaltig gilt, allerdings sind viele öffentliche Toiletten nicht dafür geeignet, dass die Tasse zwischendurch herausgeholt, entleert, abgespült und wieder eingeführt werden kann, denn meistens befinden sich das Klo und das Waschbecken in getrennten Bereichen.

Außerdem: Bestrebungen für Gleichberechtigung mit Bezeichnungen wie »schizophren« zu pathologisieren oder das Thema gegen den Umweltschutz auszuspielen dient dazu, das Problem undiskutierbar zu machen.

Es wäre schön gewesen, wenn Leipzig die erste deutsche Stadt geworden wäre, die kostenlose Menstruationsprodukte in allen öffentlichen Gebäuden auslegt – alleine, weil es die Menstruation und den Umgang damit drastisch normalisieren und enttabuisieren würde.

Dieser Text erschien zuerst in der Mai-Ausgabe des kreuzer 05/21.

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare