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Aufbau Zukunft

Das Kinostarts dieser Woche im Überblick

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In dieser Woche wurden die Programmkinopreise vergeben. Der Film der Woche dreht sich um eine alternative Pflegeeinrichtung für Menschen auf ihrem letzten Weg. Außerdem in dieser Woche dabei, die irrwitzige Schicksalskonstellation »Riders for Justice« und die Verfilmung der »Schachnovelle«.

Die Filmkunstmesse Leipzig ist in vollem Gange und wie jedes Jahr wurden gleich zu Beginn die Programmkinopreise Mitteldeutschland für ein herausragendes Jahresfilmprogramm verliehen. Auch für 2020 wurden sie deutlich aufgestockt. So können sich die Kinobar Prager Frühling und die Schaubühne Lindenfels über 10.000 Euro freuen, das Luru Kino in der Spinnerei, die Passage Kinos, das Cineding und die Schauburg über jeweils 6.000 Euro. Der Regina-Palast erhielt 4.000 Euro. Unter den alternativen Spielstätten wurden die Cinémathèque in der Nato und das Ostpassage Theater mit jeweils 6.000 Euro und das UT Connewitz mit 3.000 Euro bedacht. Wir gratulieren!

Film der Woche: Die Pflege von älteren Menschen rückt immer mehr in das Bewusstsein der Gesellschaft und das nicht erst seit Corona. Das Thema geht uns alle an, irgendwann. Wenn es soweit ist, will niemand allein gelassen werden. Jeder wünscht sich, auch im Alter wie ein Mensch behandelt zu werden. Warum aber wird der Pflegesektor dann in die Hände privater Unternehmen gegeben und in diesen seit Jahren auf Kosteneffizienz ausgerichtet, statt auf die Bedürfnisse der Menschen? Die Dänin May Bjerre Eiby machte selbst schmerzhafte Erfahrungen mit der Pflege in ihrem Land. Daher gründete sie »Dagmarsminde«, ein Pflegeheim, das die würdige Begleitung von Menschen auf ihrer letzten Reise in den Mittelpunkt stellt. Das Konzept klingt so einfach wie revolutionär: Mitgefühl bedeutet Verständnis, Berührungen, Geborgenheit, eben Zeit und Aufmerksamkeit – etwas, das oft fehlt im Pflegealltag. Eiby und ihre Kolleginnen begegnen den Bewohnern ihrer Einrichtung mit Liebe und bewundernswerter Geduld. Für viele ist sie der letzte Hafen nach einer langen Odyssee durch die Institutionen, übermäßiger Medikation und Vernachlässigung. Regisseurin Louise Detlefsen und ihr kleines Team bezogen für anderthalb Jahre das Haus, begleiteten die Bewohner, die meist an Demenz oder Alzheimer erkrankt waren, mit der Kamera, rücksichtsvoll und einfühlsam. Mit ihrem Film verdeutlicht Eiby, wie wichtig der humane Umgang für ein würdiges Lebensende ist und stößt damit eine überfällige Diskussion an.

»Mitgefühl«: ab 24.9., Passage Kinos

Es sind immer wiederkehrende Motive, die das Kino des Anders Thomas Jensen ausmachen. In seinen mehr als fünfzig Drehbüchern hat der Däne das Kino seiner Heimat bestimmt wie kein anderer. In der Zusammenarbeit mit Regisseurin Susanne Bier (»In einer besseren Welt«) lenkte das Schicksal die Figuren. In seinen eigenen Regiearbeiten (»Adams Äpfel«) gesellte sich eine anarchische, tiefschwarze Komik hinzu. »Helden der Wahrscheinlichkeit« führt nun alles zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört, sich unter seinen Händen jedoch meisterhaft mischt. Der schweigsame Soldat Markus ist es gewohnt, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Um einen Bezug zu seiner Teenager-Tochter Mathilde zu finden, muss er jedoch einen neuen Weg finden, damit umzugehen und sich auf andere Menschen einlassen. Die Gelegenheit kommt unerwartet als er auf Otto, einen Wissenschaftler der Wahrscheinlichkeitsrechnung, seinen Assistenten Lennart und den technisch begabten, aber sozial gestörten Hacker Emmenthaler trifft und mit ihnen plant, einen brutalen Gangsterboss und dessen Armee von Handlangern zur Strecke zu bringen. Wie das Schicksal die Figuren verbindet und jede für sich zur Erlösung führt, ist absolut irrwitzig. Der Plot schlägt ebensoviele Haken wie Töne auf der Klaviatur der Emotionen an. Dass Jensens Konstrukt nicht in sich zusammenfällt, ist neben den pointierten Dialogen und seiner Liebe für Underdogs vor allem dem exzellenten Ensemble zu verdanken.

»Helden der Wahrscheinlichkeit«: ab 23.9., Cineplex, Regina-Palast, Kinobar Prager Frühling, ab 24.9., Passage Kinos

Wien, 1938: Der Notar Josef Bartok feiert zwar noch mit seiner Frau Anna in großer Gesellschaft, will aber in letzter Sekunde doch den Rat eines Freundes annehmen, das Land zu verlassen, bevor Österreich sich Nazi-Deutschland anschließt. Eilig vernichtet er Papiere, auf denen die Besitztümer seiner adligen Mandanten verzeichnet sind, für ihn selbst ist es aber zu spät: Er landet in einem Hotel in Isolationshaft, wo er von Gestapo-Mann Böhm befragt wird. Um nicht dem Wahnsinn zu verfallen, stiehlt Bartok irgendwann ein Buch. Zu seiner Ernüchterung befasst sich der Zufallsraub jedoch mit historischen Schachpartien. Um diese Haupthandlung herum findet sich eine erzählerische Klammer, die die Bartoks bei einer Schiffsüberfahrt nach New York begleitet, deren Bedeutung sich erst am Ende zeigen wird. Philipp Stölzl nimmt sich in seiner Adaption der autobiografisch gefärbten, letzten Novelle von Stefan Zweig viele Freiheiten – die Figur der von Birgit Minichmayr gespielten Anna Bartok etwa ist frei erfunden und die ambivalenten Aspekte der Vorlage müssen einer ziemlich eindeutigen Dramaturgie weichen. Allerdings gelingt es dem Regisseur auf diese Weise, den achtzig Jahre alten Stoff ebenso zugänglich wie spannend für ein heutiges Publikum aufzubereiten, ohne seine Kernaussagen zu schmälern. Und die Verhörszenen sind dank Oliver Masucci und Albrecht Schuch eine Klasse für sich.

PETER HOCH

»Schachnovelle«:

Als Babtou (Farba Dieng) aus dem Gefängnis entlassen wird, muss das gefeiert werden. Doch das Wiedersehen mit den Freunden eskaliert und der Sohn senegalesischer Einwanderer findet sich in Handschellen auf der Wache wieder. Nun droht ihm die Abschiebung, sollte er nicht innerhalb der nächsten Wochen heiraten und so eine Aufenthaltserlaubnis erhalten. Die drängende Situation bringen ihn und seinen besten Freund Dennis (Julius Nitschkoff) auf die absurde Idee, eine Beziehung vorzutäuschen. Doch sie müssen nicht nur die Beamten überzeugen, sondern den Plan auch Dennis‘ Freundin beibringen. Die Idee von Florian Dietrichs Langfilmdebüt ist vielleicht nicht neu, aber die Chemie zwischen seinen jungen Hauptdarstellern stimmt. Farba Dieng stand zum ersten Mal vor der Kamera und ist eine echte Entdeckung. Mit Julius Nitschkoff (»Als wir träumten«) verbindet ihn seit dem Dreh auch im Leben abseits der Leinwand eine Freundschaft. Auf ihr spielen sie sich gekonnt die Bälle zu – »Toubab« unterhält mit viel Situationskomik vor einem ernsten Hintergrund. Für die schauspielerischen Leistungen gab es beim Bayrischen Filmpreis Auszeichnungen als beste Nachwuchsdarsteller für Dieng und Nitschkoff.

»Toubab«: ab 23.9., Regina-Palast

Weitere Filmtermine der Woche

Erinnerung an eine Landschaft – für Manuela

(DDR 1983, Dok)

Der Film von Kurt Tetzlaff ist ein Gleichnis auf den Verlust von Heimat, auf die Zerstörung der Natur im Namen des industriellen Fortschritts. Dörfer die der Braunkohleförderung im Weg stehen, werden abgerissen. Die Menschen werden gegen ihren Willen umgesiedelt. Tetzlaff verfolgt in seinem Film von 1983 über mehrere Jahre die Schicksale einiger Dorfbewohner südlich von Leipzig.
R: Kurt Tetzlaff, DDR 1983, Dok, 84 min

Lixer
• Donnerstag 23.09., um 20:30 Uhr

Passion – Zwischen Revolte und Resignation

(CH 2019, Dok) – Globale

Bilder einer Reise durch den kapitalistischen Dschungel aller fünf Kontinente öffnen den Blick für Klimaerwärmung, Krieg, Konsum, Flucht und Ungleichheit. – Globale
R: Christian Labhart, CH 2019, Dok, 80 min

Peterskirche
• Donnerstag 23.09., um 20:00 Uhr

Wir sind jetzt hier

(D 2020, Dok) – anschließend Gespräch mit dem Filmteam – Interkulturelle Wochen Leipzig

In dem Dokumentarfilm kommen sieben junge Männer zu Wort, die 2015 als Geflüchtete nach Deutschland kamen. – anschließend Gespräch mit dem Filmteam – Interkulturelle Wochen Leipzig
R: Niklas Schenck, Ronja von Wurmb-Seibel, D 2020, Dok

Schaubühne Lindenfels
• Donnerstag 23.09., um 20:00 Uhr

Kurzfilmprogramm des Soundwatch Musikfilmfestival

– mit Einführungsgespräch – Seanaps-Festival

Luru-Kino in der Spinnerei
• Freitag 24.09., um 18:30 Uhr

Shorts Atack: Cannes Shorts

Sechs Kurzfilme aus dem Wettbewerb des Filmfestivals Cannes.

UT Connewitz
• Freitag 24.09., um 20:00 Uhr

Kurzfilme kuratiert von Parasound

– mit Einführungsgespräch – Seanaps-Festival

Luru-Kino in der Spinnerei
• Samstag 25.09., um 19:00 Uhr

Tesciowie

(PL 2021; OmU)

Das junge Brautpaar erscheint nicht zur eigenen Hochzeit – daraufhin machen die Eltern von Braut und Bräutigam das Beste aus der Situation und feiern ohne sie.
R: Jakub Michalczuk, D: Marcin Dorocinski, Maja Ostaszewska, Izabela Kuna, PL 2021, OmU, 81 min

Cineplex
• Samstag 25.09., um 17:00 Uhr

Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR

(D 2019, Dok)

Die Leipzigerin Barbara Wallbraun erzählt berührend vom lesbischen L(i)eben in der DDR.
R: Barbara Wallbraun, D 2019, Dok, 115 min

Cineding
• Samstag 25.09., um 22:00 Uhr

Wohin mit all der Liebe

(D 2019, Dok) – in Anwesenheit der Regisseurin

Dokumentarfilm über die renommierte Paliashvili-Musikschule für begabte Kinder in Tbilissi. – in Anwesenheit der Regisseurin
R: Marita Stocker, D 2019, Dok, 80 min

Budde-Haus
• Sonntag 26.09., um 16:00 Uhr

Moritzkino: Der blutige Pfad Gottes

Moritzbastei
• Montag 27.09., um 21:00 Uhr

Atomkraft Forever

(D 2020, Dok) – in Anwesenheit des Regisseurs

Der Filmemacher Carsten Rau geht der Frage nach, wohin mit den vielen Tonnen radioaktivem Müll, der entsteht, wenn die Atomkraftanlagen zurückgebaut werden. – in Anwesenheit des Regisseurs
R: Carsten Rau, D 2020, Dok, 98 min

Schauburg
• Dienstag 28.09., um 20:00 Uhr

Rückenwind – Zukunft voraus

(D 2021, Dok; OmeU) – mit anschließender Diskussion – Interkulturelle Wochen Leipzig

Porträt des Vereins Terne Rroma Südniedersachsen e.V., der die Roma-Jugend Initiative Northeim und die interkulturelle, politische Rap-Crew Y.W.B. unter einem Dach vereint. – mit anschließender Diskussion – Interkulturelle Wochen Leipzig
R: Franziska Wenzel, D 2021, Dok, OmeU

Cinémathèque in der Nato
• Dienstag 28.09., um 19:00 Uhr

Ted Bundy: No Man Of God

(USA 2021)

Basierend auf Gesprächen zwischen Bill Hagmaier und dem inhaftierten Ted Bundy, erzählt dieser Film von der komplizierten Beziehung zwischen einem Serienmörder und dem FBI-Analysten.
R: Amber Sealey, D: Elijah Wood, Luke Kirby, Robert Patrick, USA 2021, 100 min

Regina-Palast
• Dienstag 28.09., um 20:30 Uhr

Twittering Birds Never Fly: The Clouds Gather

(J 2020)

Yashiro ist der junge Anführer der Shinseikai und der Präsident der Shinseikai Enterprise, aber er führt ein Doppelleben als sexsüchtiger Masochist.
R: Kaori Makita, D: Tarusuke Shingaki, Wataru Hatano, Kenta Miyake, J 2020, OmU, 86 min

Cineplex
• Dienstag 28.09., um 20:00 Uhr
Cinestar
• Dienstag 28.09., um 19:30 Uhr

Beyto

(CH 2020)

Liebes-Drama um einen Einwander-Sohn, der zwischen der Schweizer Gegenwart und den Traditionen seiner Herkunft hin- und hergerissen ist. – Queerblick
R: Gitta Gsell, D: Burak Ates, Dimitri Stapfer, Ecem Aydin, CH 2020, 98 min

Passage-Kinos
• Mittwoch 29.09., um 20:00 Uhr

Waffengeschäfte deutscher Reeder

(CH/D 2017, Dok) – Globale

Nach sieben Jahren Recherche zu Waffengeschäften deutscher Reedereien wird dem Team um Autor Rainer Kahrs ein geheimes Konvolut zugespielt. Die Dokumente beweisen: Der deutsche Geheimdienst BND ist in Waffentransporte in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt stark involviert. – Globale
R: Rainer Kahrs, CH/D 2017, Dok, 45 min

Passage-Kinos
• Mittwoch 29.09., um 20:00 Uhr

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