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Deutsch-deutsche Realitäten

Kreuzer-Autorinnen schreiben über das Ostdeutschsein

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»Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.« Mit diesen Worten kommentierte Altkanzler Willy Brandt den Mauerfall. 32 Jahre später, 31 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die ostdeutsch-deutschen Beziehungen noch immer nicht normalisiert, scheint der sogenannte Transformationsprozess nicht abgeschlossen zu sein. Allein, dass das Label ostdeutsch entweder als irgendwie belastet bewertet oder stolzer Identitätsmarker ist, deutet darauf hin. Auch, dass teils noch immer von den »neuen Bundesländern« die Rede ist. Eigentlich müsste der Zusatz »Ost« in einem vereinigten Deutschland überflüssig geworden sein. Ist er aber nicht. Im Grunde gibt es »die« Ostdeutschen gar nicht – oder doch? kreuzer-Autorinnen versuchen sich in persönlichen Antworten. Die Titelgeschichte aus der Oktober-Ausgabe des kreuzer.


»Nur ein Nachwendekind«

Ich bin acht Jahre nach der Wiedervereinigung in Brandenburg an der Havel geboren und auf dem Land aufgewachsen. Meine Familie hat nie viel über die DDR geredet. Diese gewaltige Geschichte des untergegangenen Landes tauchte in den Erzählungen von früher allenfalls als Randnotiz, als Fußnote auf – »es war ja noch DDR« –, wenn meine Oma beispielsweise erklärt, dass sie bestimmte Produkte im Laden nicht bekommen hat.

Lange Zeit bin ich einfach davon ausgegangen, dass meine Familie abseits der Städte keine großen Auswirkungen von DDR-Unrecht und später der Wende gespürt haben. Deswegen bin ich auch nie auf die Idee gekommen, meine Verwandten zu fragen, ob sie bei der Stasi waren oder denken, sie wurden bespitzelt. Meine Eltern sind 1989 auch nicht montags auf die Straße gegangen. Es ist also nicht so, als hätte man mir ein politisches Erbe aufgetragen, was vielleicht schon der erste Grund ist, warum ich mich selten als ostdeutsch identifiziere. Obwohl ich »nur« ein Nachwendekind bin.

Oft wird Identität ja erst sichtbar oder geschaffen, wenn man Unterschiede feststellt, sich abgrenzt oder ausgegrenzt wird. Zwar habe ich noch nie mehr als eine Woche in Westdeutschland verbracht, aber als ich fürs Studium nach Leipzig zog, freundete ich mich zum ersten Mal mit Westdeutschen an. Ich erkannte schnell ein Muster, das sich durch die meisten westdeutschen Freundeskreise zog: reich, Verwandte in hohen Positionen, studiert. Und ich fand heraus, dass das strukturelle Gründe hat.

Es machte sich noch etwas anderes bemerkbar. Das erste Mal spürte ich es, als ich mit einer Freundin aus Baden-Württemberg den Gerichtsweg entlanglief. Sie zeigte auf die Plattenbauten an der Seite und sagte: »Das sieht richtig nach DDR aus, so hässlich.« Ich fühlte mich gekränkt, obwohl das doch gar nichts mit mir zu tun hatte. Aber ich war es eben gewohnt, solche Häuser zu sehen. Die gab es auch in unserer kleinen Gemeinde und viele Freundinnen von mir sind in genau solchen Platten aufgewachsen. Das zieht sich bis heute so fort: Wenn jemand schlecht über etwas redet, das mit dem Osten zu tun hat, habe ich oft das Gefühl, ihn verteidigen zu müssen.

Ich wurde halt auf eine bestimmte Art und Weise sozialisiert, bin in diesem Raum aufgewachsen, in dem sich nicht schlagartig alles ändert, nur weil irgendwo eine Mauer fällt. Je länger ich mich mit der DDR und Ostdeutschland auseinandersetzte, desto mehr fiel mir das auch auf. Das alles hatte also doch mehr mit mir zu tun, als ich dachte, und zwar in sämtlichen Lebensbereichen. Meine Familie ist nicht gläubig, ich habe Jugendweihe gefeiert statt Konfirmation, zu Weihnachten gehen wir nie in die Kirche. Meine Oma hat meinen Vater weitgehend allein großgezogen, weil sie und mein Opa sich in den Achtzigern haben scheiden lassen.

Und trotzdem. Wenn ich mich heute als Ostdeutsche fühle, löst das in mir einen Zwiespalt aus. Es gibt meiner Meinung nach so viele andere Kämpfe für Gerechtigkeit, die wir zuerst kämpfen müssen, bevor ich mich darüber beschweren kann, dass ich nicht so viel erben werde wie viele meiner westdeutschen Freundinnen. Wenn in einer Talkshow eine junge Frau spricht, bin ich im Vergleich zu vielen…

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