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»Die Menschen sind nach dem Mauerfall nicht gestorben«

Der Sprecher von Fridays for Future Deutschland Quang Paasch über ostdeutsche Identifikation der Nachwendegeneration

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»Ja klar sind wir Ossis«, sagt Quang Paasch während er von einem Balkon in der Frankfurter Innenstadt schaut. Paasch wurde als Sohn vietnamesischer Eltern geboren, sein Vater kam als Vertragsarbeiter in die DDR, Paasch wuchs im ehemaligen Ost-Berlin auf. Heute studiert er und ist Sprecher von Fridays for Future Deutschland. Das Treffen findet Anfang September im Rahmen der Titelgeschichte »Ostdeutsch mich nicht voll« des kreuzers statt. Im Gespräch redet Paasch über die Unterschiede zwischen Ost und West und über die Identitätsbildung junger Menschen, die nach der Wende geboren worden sind.

kreuzer: Herr Paasch, spielen Ost und West heute noch eine Rolle für Sie?
Quang Paasch: Wenn wir über Ost und West reden und die Unterschiede, vielleicht auch den Konflikt, finde ich es ignorant zu sagen, dass alles in der Vergangenheit läge, weil es dreißig Jahre her ist. Die Menschen sind nicht nach dem Mauerfall gestorben, die sind alle noch existent, haben ihre Geschichten zu erzählen, ihre Biografien, ihre Sozialisation, die sie auch weitergeben an die zukünftigen Generationen. Denn eine Person in Mecklenburg-Vorpommern, die den Mauerfall erlebt hat, hat einen ganz anderen biografischen Hintergrund als eine Person in Bayern, die ihn ebenfalls erlebt hat, ohne dass es radikale Veränderung in ihrem ökonomischen, sozialen und kulturellen Leben gab.

kreuzer: Können Sie abgesehen von allgemein bekannteren Unterschieden die feineren Risse benennen, die sich immer noch durch Ost und West ziehen?
Paasch: Bis zum Studium dachte ich: Alle haben eine Jugendweihe in Deutschland, das ist das deutscheste, was es gibt. Letztendlich war es eine DDR-Tradition, die beibehalten wurde. Nicht nur in den Köpfen der Menschen, sondern auch in den Schulen. In Ost-Berlin werden diese Traditionen weiter gehegt und in West-Berlin, wissen manche Schüler:innen nicht, was eine Jugendweihe ist, obwohl das alles in einer Stadt stattfindet. Auch das Schulessen ist anders, ich bin mit ehemaligem DDR-Essen in der Schulkantine aufgewachsen: Bei uns gab es Pelmeni, Soljanka, Tote Oma oder Senfeier. In Berlin zeigt sich die Spaltung auch in der Infrastruktur. Zum Beispiel die Straßen- oder Schulnamen sind anders. Sei es die Friedensstraße, der Rosa-Luxemburg-Platz oder das Friedrich-Engels-Gymnasium. Wenn man mit so einem Stadtbild aufgewachsen ist, die Geschichten hinter den Namen von Widerstandskämpfer:innen und diese Menschen kennt, blickt man anders auf diese Orte. In West-Berlin ist es ähnlich. Da gibt es zum Beispiel den Konrad-Adenauer-Platz. Es gibt all diese Namen, die man aus dem Geschichts-Unterricht kennt, aber zu diesen Personen hat man keine eigenen Assoziationen, weil man nicht mit diesen Geschichten aufgewachsen ist, das Umfeld nicht unter der Kanzlerschaft gelebt hat.

kreuzer: Warum identifizieren sich auch Menschen der jungen Generation noch mit dem Osten, obwohl sie nicht in der DDR aufgewachsen sind?

Paasch: Im Ost-West-»Konflikt« nutzt der Westen eine Fremdbezeichnung: Ihr seid jetzt die Ossis, ihr seid die neuen Bundesländer, ihr müsst euch jetzt uns anpassen, wir müssen euch neu sozialisieren. Was problematisch ist, da eigene Lebensläufe, Geschichten und Facetten entwertet wurden, wodurch sich viel Frust aufgebaut hat. Für viele ist es ein »Reclaimen« der Fremdbezeichnung, wir machen es zur Selbstbezeichnung. Klar sind wir Ossis. Wir betonen ganz klare strukturelle Veränderungen, Brüche in der Biografie unserer Eltern, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, indem wir sagen, wir sind Ossis, weil wir kulturell anders aufgewachsen sind; weil wir eine andere Infrastruktur haben; weil die Politik und die Wirtschaft ganz anders auf uns blicken; weil die Dominanzgesellschaft eine ganz klare Haltung zu dem »Osten« hat. Deswegen ist es selbstverständlich zu sagen, ja klar sind wir Ossis.

Quang Paasch; Foto: Rodin Sanagouy Moharrer

kreuzer: Wie ist es für Sie, wenn Sie auf Westdeutsche stoßen, die sich all dem nicht bewusst sind?
Paasch: Ich werfe ihnen nichts vor, ich spreche darüber. Letztendlich ist es ein strukturelles Problem, dass sich Menschen ihrer Privilegien nicht bewusst sind. Seien es Cis-Männer im patriarchal-sexistischen Kontext oder weiße Menschen im Rassismus-Kontext oder Wessis im Ost-West-Kontext. Nicht, dass sich das alles gleich verhält, aber es gibt Parallelen, weil sich diese drei Fragen auf Macht und Diskriminierungsstrukturen beziehen. Klar könnte man in dieser Hinsicht auf Individuen schauen und sagen: Wie kannst du das nur nicht wissen? Aber wieso sollte ich den Wessis das vorwerfen, es gibt kaum die Bemühungen dazu von irgendeiner Institution, sei es in der Schule oder von der Politik.

kreuzer: Wie steht es um die jungen Menschen im Osten?
Paasch: Ich bin aus Ost-Berlin und damit irgendwie auch privilegiert, ich identifiziere mich nicht nur als Ost-Berliner, sondern natürlich auch als Berliner. Aber junge Menschen in den sogenannten »neuen Bundesländern« werden strikt von der Politik vergessen. Wenn wir uns anschauen, wer die AfD wählt, sind es vor allem junge Menschen, nicht wie vermeintlich die ältere Generation. Es sind junge, frustrierte Menschen, vor allem Männer, die einfach damit zu kämpfen haben, von der Politik dermaßen außen vor gelassen zu werden. Es fehlt an sozialer Arbeit, an politischer Arbeit, auch an Auffangnetzen, die jungen Menschen Perspektiven geben. Diejenigen, die sich vielleicht nicht dem rechten Gedankengut hingeben, ziehen in den Westen oder in die Großstädte. Die kleinen Orte bluten aus, sie werden immer älter. Natürlich ist dieser demografische Wandel überall in Deutschland zu sehen, aber es geht dabei Kompetenz und Progressivität verloren. Am Ende bleiben die übrig, die keine Perspektiven haben, frustriert sind und sich potenziell in rechten Lagern radikalisieren oder demokratiefeindlich werden.

kreuzer: Was bräuchte es Ihrer Meinung nach?
Paasch: Es gibt super viele junge Studierende, die realisieren, ich muss nicht in den Westen, ich kann mir auch hier etwas aufbauen, aber auf viele strukturelle Hürden und Barrieren treffen. Sei es die finanzielle Ebene, sei es die Ebene der Hass und Hetze, wenn sich junge Menschen organisieren. Wenn sie zum Beispiel einen Klimastreik organisieren oder einen Gedenktag, dann stoßen sie auf rechte Strukturen und werden von Politik und Machtpositionen nicht ernst genommen. Es reicht nicht, wenn eine Zeitung schreibt »Ah, wie schön« und wenn ein Bürgermeister einen Preis verleiht, sondern es braucht strukturelle und systemische Veränderungen.

kreuzer: Wie könnten diese Veränderungen aussehen?

Paasch: Es braucht klare politische Handlungen. Ich sage nicht, dass Wahlen die Welt revolutionieren werden, aber Parlamente und Regierungen sind nun mal am finanziellen Hebel. Bis heute, dreißig Jahre nach der Wende und der Wiedervereinigung, sind die Renten nicht angepasst. Menschen, die jahrzehntelang gearbeitet haben, die sozusagen die Wiedervereinigung mitfinanziert und die Infrastruktur in Ostdeutschland aufrechterhalten haben, bekommen immer noch eine massiv geringere Rente als westdeutsche Rentner:innen. Das kann doch nicht sein, dass es eine solche krasse Spaltung gibt. Ich fände es auch witzig, wenn man über eine Ostquote nachdenkt. Denn es kann doch nicht sein, dass in den ganzen ostdeutschen Firmen und Universitäten kaum Ostdeutsche in einer führenden Position sind. In Westdeutschland fällt der Anteil gegen null Prozent. Es kann nicht sein, dass auf jeder Ebene von Jugend bis Rente, von Lehre bis Arbeitspolitik der Osten nie mitgedacht und weiterhin ignoriert wird.

Quang Paasch, Jahrgang 2001, ist einer der Sprecher von Fridays for Future Deutschland und damit eines der Gesichter der jungen Generation. In Ost-Berlin ist er als Sohn eines vietnamesischen Vertragsarbeiters aufgewachsen, nun studiert er Sonderpädagogik und Politikwissenschaften an der FU Berlin und Gender Studies an der TU Berlin.

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