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Alltagsrealitäten

Das Kinostarts dieser Woche im Überblick

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Diese Filmwoche wartet mit zwei Filmen auf, die verschiedene Alltagsrealitäten thematisieren: So zum Beispiel der Film »Ivie wie Ivie«, der in Leipzig gedreht wurde. Als Ivies bisher unbekannte Schwester auftaucht, beginnt eine aufwühlende Identitätssuche. Anders geht es in »Bis an die Grenze« zu, der die Geschichte einer Gruppe Polizisten erzählt, die eine Abschiebung durchführen sollen – und dabei ein moralisches Dilemma durchleben.

Wenn Ende Oktober endlich wieder die Welt zu Gast in Leipzig ist, können junge Leute dabei sein. Vorausgesetzt sie sind zwischen 14 und 20 Jahren alt und haben eine Woche Zeit, um Dokumentar- und Animationsfilme zu schauen, mit Regisseurinnen und Regisseuren zu sprechen und neue Virtual Reality-Projekte auszuprobieren. Als Lohn winken Erfahrungen und Einblicke hinter die Kulissen des Internationalen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm und der ein oder andere Platz im kreuzer-Dokblog. Bewerben kann man sich bis zum 1. Oktober 2021 unter spotters@dok-leipzig.de.


> Dok Spotters

 

»Wo kommen Sie denn her?« – »Aus Leipzig.« – »Ich finde es ganz toll, dass sie sich so in die deutsche Gesellschaft integrieren.« Solches bekommt Frau anscheinend in einem Bewerbungsgespräch an einer sächsischen Schule zu hören, wenn sie optisch nicht so ganz der »biodeutschen« Norm entspricht. So ergeht es jedenfalls Ivie Schubert, und nicht nur einmal. Dass die junge Lehrerin von ihren alten Freunden seit jeher Schoko genannt wird, ist ihr dagegen bisher noch nie sauer aufgestoßen, ist ja nett gemeint. Dann steht eines Tages Ivies bislang unbekannte Halbschwester Naomi aus Berlin vor der Tür, die sie nicht nur mit der Nachricht aufrüttelt, dass ihr gemeinsamer Vater gestorben ist. Obwohl beide nie Kontakt zu ihm hatten, will Naomi mit Ivie zur Beerdigung in den Senegal reisen. Zu erwarten wäre, dass die beiden ins nächste Flugzeug steigen und eine aufwühlende Identitätssuche auf dem afrikanischen Kontinent beginnt. Stattdessen mäandern die Halbschwestern sehr lange durch Leipzig und sind vor allem eines: unschlüssig. Auch das hätte überzeugend erzählt werden können, aber die Dramaturgie wabert und hinkt. In manchen Momenten gelingt es der Leipziger Regisseurin Sarah Blaßkiewitz die inneren Konflikte ihrer Heldinnen anschaulich zu machen. Allerdings wirkt nicht jede Szene glaubwürdig, allzu oft schimmert in den Dialogen die am Reißbrett gezeichnete Mindmap zum Thema Alltagsrassismus durch.

KARIN JIRSAK

»Ivie wie Ivie«: 1./2., 8./9., 23.10., Cinémathèque in der Nato, am 1.10. mit anschließender Diskussion

Die Arbeit der Polizei, gerade in den migrantisch geprägten Vororten von Paris, beschäftigt französische Filmemacher immer wieder. Eine gut beobachtete Innenansicht lieferte Maiwenn mit »Poliezei«. Ladj Li sorgte mit seinem explosiven Langfilmdebüt »Les Miserables« für Gesprächsstoff. Unzählige Flic-Thriller erfreuen sich großer Beliebtheit beim Publikum. Mit einem Blick in den Alltag der Einsatzkräfte beginnt auch Regisseurin Anne Fontaine. Sie nutzt den Blick einer Frau, um auf Sexismus und Machtmissbrauch in einer Männerwelt hinzuweisen. Ihre Protagonistin Virginie ist tough und abweisend. Das hat allerdings auch seine Gründe, wie sich in ihrem Tagesablauf zeigen wird. Doch der Blick der Kamera wendet sich ihrem Kollegen Erik zu und zeigt die Ereignisse aus seiner Perspektive. Dann heftet sie sich an Aristide für eine dritte. Alle drei Episoden führen zu Asomidin Tohirov, einem illegalen Einwanderer, der in seine Heimat abgeschoben werden soll. Virginie, Aristide und Erik übernehmen den Job und »Bis an die Grenze« bekommt noch ein zentrales moralisches Dilemma verpasst. Was Anne Fontaine hier liefert, gibt Stoff für drei Filme oder eine ganze Serienstaffel. Zudem löst sie den Handlungsfluss dieser schicksalhaften Nacht immer wieder durch Rückblenden auf. So entsteht trotz der brisanten Handlung kaum Spannung. Da kann auch die hervorragende Besetzung wenig ändern. Virginie Efira (»Bernadette«) spielt sich unter die Haut des Zuschauers. Omar Sy nervt erst mit seinem losen Mundwerk, wenn es ernst wird, wirkt sein Aristide verloren. Grégory Gadebois schließlich ist der regeltreue Erik, dem privat die Dinge entgleiten. Payman Maadi, der unter der Regie von Asghar Farhadi glänzte, hat hier zu wenig Futter, um etwas aus seiner Figur zu machen – ebensowenig wie Fontaines Film etwas aus seinen Themen macht.

LARS TUNÇAY

»Bis an die Grenze«: ab 30.9., Regina Palast

Weitere Filmtermine der Woche

Der Balkon
(GR 2018, Dok) – Globale

Wehrmachtsverbrechen in Griechenland: Lyngiades, ein Dorf in Nord-Griechenland, wird wegen seiner wunderbaren Aussicht der »Balkon« genannt. Doch die Idylle war Schauplatz eines Massakers, das in der Bundesrepublik kaum bekannt ist. – Globale
R: Chrysanthos Konstantinidis, GR 2018, Dok, 101 min

Peterskirche
Donnerstag 30.09., um 20:00 Uhr

FlussFilmFest
Acht Kurzfilme – anschließend Filmgespräch

UT Connewitz
Donnerstag 30.09., um 19:00 Uhr

Ella
(D 2021) – Globale

Wagenplatz Toter Arm
Freitag 01.10., um 20:00 Uhr

One Word
(D 2020, Dok) – anschließend Filmgespräch

Ein partizipativer Dokumentarfilm über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Republik der Marshallinseln und ihre Bevölkerung. Am 2.10. mit anschließendem Filmgespräch.
R: Viviana Uriona, D/MH 2020, Dok, 83 min

Cineding
Samstag 02.10., um 19:30 Uhr

Buschka entdeckt Deutschland – Zeig mir Deinen Osten!
(D 2020) – in Anwesenheit des Regisseurs

Kinoversion des Internet-TV-Pionierprojekts ohne Skript und doppelten Boden. – in Anwesenheit des Regisseurs
R: Jörg Buschka, D 2020, Dok, 122 min

Passage-Kinos
Sonntag 03.10., um 11:30 Uhr

Fortschritt im Tal der Ahnungslosen
(D 2019, Dok; OmU) – mit Regiegespräch

Florian Kunert bringt syrische Geflüchtete und ehemalige Werksarbeiter des volkseigenen Kombinats »Fortschritt« zusammen. – Am 3. und 7.10. mit Regiegespräch
R: Florian Kunert, D 2019, Dok, OmU, 69 min

Cinémathèque in der Nato
Sonntag 03.10., um 19:00 Uhr
Schaubühne Lindenfels
Donnerstag 07.10., um 20:00 Uhr

Burg Sneak

Endlich wieder Sneak im Original in der Schauburg.

Schauburg
Montag 04.10., um 19:30 Uhr

Polizeiruf 110: Der Teufel hat den Schnaps gemacht
(D 1982) – in der Reihe »50 Jahre Polizeiruf 110«

R: Manfred Mosblech, Ulrich Thein, Annekatrin Bürger, Hildegard Alex, Peter Borgelt, DDR 1981, 80 min

Zeitgeschichtliches Forum
Montag 04.10., um 19:00 Uhr

Lievalleen
(D 2021, Dok) – in Anwesenheit der Regisseure

R: Steffen Sebastian, Peter Wawerzinek, D 2019, Dok

Luru-Kino in der Spinnerei
Dienstag 05.10., um 19:00 Uhr

Sorry we missed you
(GB/FR/B 2019) – Globale

Auch mit 83 Jahren wird Ken Loach nicht müde, die Missstände der Welt anzuprangern. Sein Blick in das korrupte Gewerbe der Paketdienste ist ernüchternd und zutiefst erschütternd. – Globale
R: Ken Loach, D: Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone , GB/B/F 2018, 101 min

Ost-Passage-Theater
Dienstag 05.10., um 20:00 Uhr

Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit
(D 2020, Dok) – Globale

In der westdeutschen Provinz kämpfen osteuropäische Leiharbeiter des größten Schweineschlachtbetriebs des Landes ums Überleben – und Aktivisten, die sich für deren Rechte einsetzen, mit den Behörden. Zur gleichen Zeit proben Münchener Gymnasiasten das Stück »Die Heilige Johanna der Schlachthöfe« und reflektieren über die deutschen Wirtschaftsstrukturen und ihr Verhältnis dazu. – 20. Filmkunstmesse
R: Yulia Lokshina, D 2020, Dok, 92 min

Peterskirche
Mittwoch 06.10., um 20:00 Uhr

Uta
(D 2020, Dok) – in Anwesenheit des Regisseurs

In vielen Gesprächen mit Uta Pilling und ihr Nahestehenden zeichnet Regisseur Mario Schneider ein liebevolles Porträt einer Unangepassten. – Am 6.10. Premiere in Anwesenheit des Regisseurs
R: Mario Schneider, D 2020, Dok, 93 min

Passage-Kinos
Mittwoch 06.10., um 18:00 Uhr

Das andere Leben – Kalter Krieg und Konterrevolution
(D 2020, Dok) – Globale

Die vierte Episode der Sendereihe wirft einen Blick auf das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR. – Globale

Passage-Kinos
Donnerstag 07.10., um 20:00 Uhr

In-Zeit-Sprung
– im Rahmen der 9. Leipziger Tanztheaterwochen

In Rosenhof in Schwand inmitten des Schwarzwalds nehmen ältere Tänzer und Tänzerinnen an einem Projekt des katalanischen Tänzers und Choreografen Pilar Buira Ferre teil.- im Rahmen der 9. Leipziger Tanztheaterwochen
R: Gabriel Flain, D/E 2019, 80 min

Luru-Kino in der Spinnerei
Donnerstag 07.10., um 20:00 Uhr

Wenn man eine Liebe hat …
(DDR 1986, Dok)

Der Dokumentarfilm zeigt die Arbeitsabläufe im Werkzeugmaschinenkombinat Fritz Heckert in Karl-Marx-Stadt.
R: Gitta Nickel, DDR 1986, Dok, 76 min

Lixer
Donnerstag 07.10., um 20:30 Uhr

New Wave – Beste Kurzfilme der Ukraine 2021

UT Connewitz
Freitag 08.10., um 20:00 Uhr

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