DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Das Grauen danach

»It takes a Family« zeigt wie das Überleben des Holocaust Menschen über Generationen hinweg prägt.

Die Enkelin möchte Antworten. Sie möchte wissen, was die Großeltern im KZ durchgemacht haben. Sie möchte die Biografie ihres Vaters, als Sohn zweier Holocaustüberlebender, besser verstehen. Und welche Rolle ihre eigene Mutter in all dem spielte – eine Deutsche, die der Vater in den 1960er Jahren heiratete.

Regisseurin Susanne Kovács steigt für ihre Dokumentation tief in die eigene Familiengeschichte. Und stößt dabei schnell auf Schwierigkeiten. In einer der ersten Szenen versucht sie mit der Großmutter über ihre Zeit in verschiedenen Konzentrationslagern zu reden. Und wird gleich abgewehrt. »Man kann die Konzentrationslager nicht beschreiben«, sagt die Großmutter. Ihr gesamtes Leben über hat sie versucht ihre Erfahrungen hinter sich zu lassen. Ist mit Mann und Kind nach Dänemark übergesiedelt. Und hat dafür gesorgt, dass nicht das geringste Anzeichen jüdischer Kultur in ihrem Haus sichtbar war.

Vorsichtig tastet sich Kovács mit ihrer Kamera durch verschiedene Dokumente. Zeigt Bilder und sichtet Akten. Manches zoomt sie heran. Doch nie verweilt sie lange. So gelingt es ihr etwas zu verdeutlichen was sich in der Familiengeschichte wiederholt. Hier möchte niemand sich mit dem aufhalten was war. Gleichzeitig sind alle stark von der Vergangenheit geprägt.

Kovács Vater sitzt am Küchentisch. Er erzählt, wie seine Eltern ihn geschlagen und gedemütigt haben. Ihre traumatischen Erlebnisse haben seine Kindheit dominiert. Und danach die Kindheit der Regisseurin, die ihm vorwirft, sie in bestimmten Momenten nicht besser beschützt zu haben. »Manchmal war es als ob es bei uns einen Wettstreit darüber gab wer am meisten gelitten hat. Und niemand konnte gegen meine Großeltern gewinnen«, sagt sie an einer Stelle.

Spätestens da wird klar, dass sie die Antworten auf ihre Fragen nie erhalten wird. Und so liegt die Wucht dieser Dokumentation gerade in der Erkenntnis, dass die Wunden vielleicht mit der Zeit heilen mögen – aber, dass es auch dann noch Dinge gibt, die nicht sagbar sind. Die bestialischen Taten des Nationalsozialismus haben sich über Generationen in den Familien der Opfer eingeschrieben. Sie hinterlassen ihre Spuren bis heute, wo neue Nazis aufstehen und das was geschehen ist leugnen. »It takes a Family« leistet auch einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag, der über die eigene Geschichte hinausgeht.

JOSEF BRAUN

It takes a Family

Dänemark, 2019, 59 min, Susanne Kovács

Passage Kinos Astoria / 02.11.2019 / 11:00

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