DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Das menschliche Antlitz der Maschinen

Wie wird sich unsere Beziehung zu Maschinen weiterentwickeln, wenn Technologie immer tiefer unseren Alltag durchdringt? Werden menschenähnliche Roboter, sogenannte Androide, künftig unsere Schnittstelle zum Internet sein? Was sich noch wie eine Zukunftsvision anhört wird bereits konkret geplant, zeigt Maria Arlamovskys »Robolove«


Die österreichische Filmemacherin Maria Arlamovsky war bereits 2016 mit »Future Babys« beim Dok Leipzig zu Gast, einem Film über technologischen Fortschritt in der künstlichen Befruchtung. Auch für Robolove hat sie einige weltweit führende Robotiklabore bereist und Einblicke in die Gedanken und Ziele der Forscherinnen erhalten.

Zu Beginn lernen wir Hiroshi Ishiguro kennen. Der japanischer Professor hat sich selbst als Roboter nachgebaut und lässt seinen Zwilling teilweise Vorlesungen halten. In seinen Laboren begegnen wir mehreren menschgleichen Schöpfungen. Unter den Gummihäuten ihrer Gesichter erzeugen kleinste Motoren viele winzige Bewegungen und lassen die Mimik lebendig und authentisch wirken. Was soll die Funktion dieser Androide werden? Sollen sie Arbeitsdiener sein, die Smartphones und Laptops ablösen? Oder werden sie primär ein Sexspielzeug für Männer, ein Ersatz für echte Frauen, die aber keine eigenen Bedürfnisse kennen?

Schon in der Eröffnungssequenz begegnen wie einem anonymen asiatischen Mann, der eine weibliche Puppe mit jugendlichen Gesichtszügen spazieren fährt. Auch in den Labors begegnen wie auffällig vielen Konstruktionen, die wie junge Mädchen aussehen. Natürlich wurden einige auch für sexuelle Zwecke gebaut, auch wenn deren kalifornischer Entwickler Matt McMullen in seinen Puppen viel mehr eine Maschine zur Befriedigung komplexer emotionaler Bedürfnisse sehen will.

Das wirft neue Fragen auf: Sind unsere eigenen Gefühle nicht vielleicht viel weniger komplex, als wir das glauben wollen? Das behauptet zumindest der Roboterforscher Hiroshi Ishiguro. Oder vielleicht können Androide ja umgekehrt aus unseren Gefühlen lernen und und so auch etwas über uns selbst zeigen. Das ist die Vision von Bruce Duncan, von der Terasem Movement Foundation (TM) in den USA. Hier lernen wir Bina48 kennen, ein Replikat von Bina Aspen Rothblatt, der Frau der TM Gründerin Martine Rothblatt.

Bina48, die lediglich über Kopf und Schultern verfügt, wurde mit dem Gedächtnis ihres Vorbilds ausgestattet und kann nun ihre liebsten Erinnerungen an ihren Sohn Gabriel erzählen. Das ist berührend und gruselig zugleich, da die Androidin tatsächlich authentisch wirkt, wenn sie über Gefühle spricht.

Werden Roboter also einmal die Gefäße für unsere Seelen sein, wenn unsere biologischen Körper sterben, wie es der Bina48 Forscher Duncan vorhersieht? Wird Tod dann nunmehr nur noch eine Option und keine Zwangsläufigkeit mehr sein, wie die Designerin Nathasha Vita-More glaubt? Oder werden sie Trainingspartner für echte Beziehungen und Begleiter für einsame Singles in den Großstädten, wie der koreanische Künstler June Korea denkt?

Arlamovskys Film bietet durchaus vielschichtige Sichtweisen auf die Zukunft mit menschähnlichen Maschinen an. Dabei verzichtet sie konsequent auf Off-Text und Einblendungen. Dadurch aber wird keiner der Gesprächspartner namentlich vorgestellt. Wer die Interviewten sind, wird erst aus dem Abspann ersichtlich. Das ist manchmal schade, da die Zuordnung der Positionen so mitunter schwer fällt.

CLEMENS HAUG

»Robolove«

JSA Regis-Breitingen / 30.10.2019 / 15:00

CineStar 8 / 01.11.2019 / 19:30

CineStar 2 / 02.11.2019 / 13:00

CineStar 5 / 03.11.2019 / 19:00

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