DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

»Die Familie hat sich ihren eigenen Diktator geschaffen«

»Family Relations« von Nasser Zamiri

Die 11 erwachsene Kinder von »Haji Baba« mit eigenen Eheleuten und eigenen Kindern, dazu seine drei Ex-Frauen und zahlreiche weitere Familienmitglieder: es ist voll auf der kleinen Terrasse, als sich über 50 Menschen zum Großfamilienfoto zusammen drängelt. Der Regisseur bitte all jene das Bild wieder zu verlassen, welche nicht in dem Film mitspielen wollen. Ungefähr die Hälfte geht wieder. Der Rest (und das sind immer noch viele) scheinen sich trotz aller verschieden Charaktere und Lebensläufe in einem einig zu sein: Haji Baba, das patriarchale und ausgestoßene Familienoberhaupt, ist ein von Grund auf böser Mann.

Nasser Zamiri zeichnet in seinem Film »Familiy Relations« mit viel Humor und beeindruckenden Filmaufnahmen einen extrem komplexen, gewaltvollen und höchst komplizierten Familienkonflikt ab. Schwere Vorwürfe werden gemacht und der Vater aus der Familie verbannt. Im Film geht es um schlimme Übergriffe und erschreckende Gewalt in der Familienhistorie seitens des Vaters, aber auch um Eifersucht, große Emotionen, Krankheit, Loyalitäten, Geschwisterrivalitäten und ums Erbe. Und natürlich um die große Ratlosigkeit, weil eigentlich niemand weiß, wie man mit dem ziemlichen speziellen Haji Baba umgehen kann. Dieser streitet sämtliche Vorwürfe einfach rigoros ab und fühlt sich als Opfer einer großen familiären Verschwörung. Er beschimpft auf unsympathische Weise alle anderen als Lügner und Betrüger und ist sich sicher, dass sie eigentlich nur eins wollen, nämlich sein Geld und sein Land. Dennoch, wenn ihm in jeder Situation ein Gedicht einfällt oder er seinen Pflanzen ein Liedchen vorsingt und sie liebevoll ins Haus trägt, damit ihnen nicht kalt wird, dann wirkt er trotz seiner schwer erträglichen Egozentrik und den Allmachtsphantasien, wie ein verschrobener, hutzeliger, aber netter alter Mann.

Nachdem seine Kinder alle Flügge geworden sind und eigene Familien gegründet haben wird der Vater schwer krank. Die Kinder kümmern sich wie es traditionell üblich ist um ihren Vater und schicken ihn von einem Arzt zum nächsten. Aber erst der Psychologe findet die Ursache seiner Schwäche. Das leere Haus und der neue Lebensabschnitt bekommt ihm nicht. Er empfiehlt den erwachsenen Kindern, dass sie dem Patriarchaten alles recht machen sollten, Respekt und Demut zeigen und ihm das Gefühl geben, der unersetzliche Chef zu sein. Die Behandlung zeigt große Wirkung, Haji Baba findet wieder zu Kräften und wird vollständig gesund. Aber leider haben die Kinder ihre Fürsorge überdosiert und der Vater benimmt sich noch gottesgleicher als vorher.

Es gelingt Nasser Zamiri auf beeindruckende Weise bei all den paradoxen Verhaltensweisen, der Zerrissenheit und Diversität seiner Protagonisten ohne Verurteilungen auszukommen. Auf eine direkte Konfrontation wird bewusst verzichtet, stattdessen wird jedem Individuum der Rahmen gegeben sich auszudrücken. Der Film spielt in einem kleinen Dorf im Iran, könnte aber eigentlich auch in einer anderen Familie und überall auf der Welt spielen. Und genau das verleiht den Film seine politische Dimension. Ein sehr poetischer, unbedingt sehenswerter Film.

SUSANNE LÖFFELMACHER

Familiy Relations

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