DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Eine selbstbestimmte Zukunft

»Girls of Paadhai« ist nah dran am Konflikt indischer Frauen, die sich dagegen wehren zu jung verheiratet zu werden.

»Ich habe dir erlaubt weiter zur Schule zu gehen, weil du nicht normal bist.« Für Amulpriyas Mutter ist der Fall klar: Frauen in ihrer Kaste heiraten für gewöhnlich mit 15 Jahren. Ihre Tochter ist jetzt zwanzig und hatte ihrer Meinung nach schon genug Aufschub. Sie will sie dazu bewegen, sich nicht weiter der Verheiratung zu widersetzen. Die Ehe ist arrangiert, wie es in weiten Teilen Indiens üblich ist, aber Amulpriya bittet wieder um Aufschub. Sie möchte erst einmal ein paar Monate arbeiten, finanziell unabhängig werden. Ihr Traum ist es Jura zu studieren. Für solche Ideen ist man bei ihr zu Hause nicht empfänglich. Die Verhandlungen mit ihrer Familie sind eine Tortur für die junge Frau. Die Mutter hat ihre drei Kinder weitestgehend alleine durchgebracht, nachdem der Vater wohl erst dem Alkohol verfiel und dann früh verstarb. Ob sich ein Paar leiden kann, spielt für Amulpriyas Mutter keine Rolle. Nach einem Leben voller Entbehrungen, möchte sie sich zumindest mit der Vermählung ihrer Tochter schmücken. Auch beide Brüder drängen Amulpriya zur Heirat denn den gesellschaftlichen Regeln zufolge darf der ältere Bruder nicht heiraten ehe seine Schwester verheiratet ist.

Es ist eine Welt, in der das Handeln des Einzelnen immer in Zusammenhang mit der Gemeinschaft gedacht wird. In der der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben pathologisiert wird. In dieser Welt müssen Mädchen früh heiraten, um die Familie finanziell zu entlasten, und sind dann einem fremden Mann ausgeliefert, der es eventuell gar nicht schafft die erhoffte Versorgung für sich und schnell auch die eigenen Kinder bereitzustellen. Viele Männer scheinen sich dem System passiv zu widersetzen, indem sie sich in Alkohol- oder Drogensucht flüchten. Nicht wenige sterben früh oder begehen Selbstmord und hinterlassen dann eine junge Witwe, der wiederum kaum etwas anderes übrig bleibt, als ihre viel zu jungen Kinder zu verheiraten.

Das Haus Paadhai im Südosten Indiens dient als Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die sich einer frühen Verheiratung widersetzen. Natalia Preston zeigt in ihrem Dokumentarfilm Alltagsszenen aus dem Haus und begleitet eine Reihe junger Frauen über einen längeren Zeitraum. Neben Amulpriya ist da zum Beispiel auch die 32-jährige Radha, die sich gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sieht, nachdem sie zwei Kinder kurz vor der Geburt verlor. Die Schwestern Manili (10) und Manisha (7) lernen wir kennen, als sie von der Heimmutter Sunitha von zu Hause abgeholt werden. Die Mutter kann sie nicht mehr alleine versorgen, nachdem eine unglückliche Ehe ihr Ende gefunden hat. Daneben steht die zwanzigjährige Revathi fast schon auf eigenen Füßen und sucht gemeinsam mit zwei Freundinnen eine Wohnung.

»Girls of Paadhai« kommt gänzlich ohne erklärende Einordnungen aus. Auch wenn man sich ein wenig Hintergrundinformationen an der ein oder anderen Stelle gewünscht hätte, lässt Preston mit dem Verzicht darauf den notwendigen Raum für die individuellen Geschichten. Nur äußerst selten, an einem verschämten Lächeln etwa, ist die Anwesenheit der Kamera spürbar. Prestons Beobachtungen sind unmittelbar und nah dran am Erleben der porträtierten Frauen. Dem aufmerksamen Publikum erschließt sich das Ausmaß der inneren Not, die sich hinter der Maske der angepassten, gepflegten und freundlichen Fassade der Mädchen verbirgt. Der Film erzählt vielleicht keine neuen Geschichten, kann aber einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für das Verständnis von Geschlechterrollen in Indien und anderswo leisten.

JENNIFER RESSEL

Girls of Paadhai, D 2019, 90 min., Natalia Preston

CineStar 5 / 31.10.2019 / 19:00 / #434

Schaubühne Lindenfels / 01.11.2019 / 14:00 / #591

CineStar 4 / 02.11.2019 / 10:00 / #621

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