DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Epilog im Himmel

»Through the Bloody Mists of Time« fragmentiert die Versprechen der Moderne

»Dialektik des Glücks: ein zweifacher Wille: das Unerhörte, nie Dagewesene, der Gipfel der Seligkeit.« (Walter Benjamin) Dieser Film ist ein mehrfach Unerhörtes, ist Dokument eines doppelten nie Dagewesenen. Der für seine Experimentieren mit Kollagetechniken bekannte Regisseur Adam Kossoff legt mit »Through the Bloody Mists of Time« ein abgehobenes Essay vor. Zwei Großkopferte reflektieren beim Schauen eines fiktiven Films über die Pariser Weltausstellung 1937 das Wesen der Moderne.

Aussagen und Einsichten des Philosophen Walter Benjamin und des Filmemachers Humphrey Jennings werden im Off einander gegenübergestellt, während tatsächliche Motive verschiedene Ausstellungspavillons in Slowmotion erscheinen – angeblich von Jennings selbst gedreht. Beide beschäftigten sich mit dem Wesen, den Brüchen und Aporien der Moderne. Massenkultur und -konsum, Mensch und Menge und dessen Zuspitzung in der Großstadt waren ihre Themen. Beider Hauptwerke sind Fragment geblieben, beides sind Zitat-Kollagen. Was liegt also näher, als aus Jennings »Pandaemonium« und Benjamins »Passagen-Werk« zu zitieren und diese akustischen Zettel in Beziehung zueinander zu setzen? Dachte sich Kossoff und behauptet, die beiden hätten sich im Himmel zur Plauderei getroffen. Da das an Abstraktion nicht reicht, unterlegt er das nicht nur visuell mit der Machtarchitektur der Weltausstellungshallen – unter anderem ist der gigomanische Turm des Nazideutschlands zu sehen. Dort fügt er noch künstliche Effekte wie Fissuren, Schleifen und dergleichen ein.

Das zeitigt interessante Effekte, etwa wenn die Gebäude, die noch vom modernen Fortschrittsglauben zeugen, in verblassender Sepia erscheinen – Paradies lost. Die kraftstrotzenden Bauten wirken im Nachgang wie die Verkünder des aufziehenden Weltenbrandes. Das technifizierte Ganze, ganz zum Verzehr der Kunden präsentiert, deutet die Schieflage an, in die die Menschheit gerutscht ist, glaubt man den beiden Propheten im Himmel. Das ist überbordend, wer sich mit ihren Werken gar nicht auskennt, kann sich im Film verlieren oder den roten Faden. Zumal die Zitate nur aus dem Off kommen und dazu noch leicht verzerrt vorgetragen werden. Der Montageansatz verhindert hier leider die Verständlichkeit. Wer sich darauf einlässt, wird Unerhörtes erfahren und dem Engel der Geschichte auf einem Trümmerhaufen begegnen.

TOBIAS PRÜWER

 

Through the Bloody Mists of Time, UK 2018, 66 min., Adam Kossoff

Schauburg / 01.11.2019 / 15:00 #5A1

Passage Kinos Universum / 02.11.2019 19 Uhr #674

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