DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Erschöpfung im Zwischenraum

»My English Cousin« porträtiert einen Algerier, der in England arbeitet und zwischen zwei Kontinenten zunehmend die Orientierung verliert.

Es beginnt wie ein Spielfilm. Musik. Früher Morgen in der Kleinstadt Grimsby, einige Kilometer vor den Toren Londons. Ein Mann mittleren Alters läuft im Arsenal Trikot durch die noch dunklen Straßen. Die Szenerie erinnert an eine Arbeit von Ken Loach. Der algerische Regisseur Karim Sayad hat seine Dokumentation in mehrere Kapitel unterteilt. In ihnen erzählt er die Geschichte seines Cousins, der als junger Mann nach England gegangen ist und viele Jahre später nicht mehr genau weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll.

Fahed sehnt sich nach der Heimat. Über das Handy hält er Kontakt zur Mutter und seinen Freunden in Algerien. Einsam sitzt er danach auf der Couch und isst, was er für sich gekocht hat. Nach vierzehn Jahren Ehe mit einer Engländerin hat er sich von seiner Frau getrennt. Die beiden sind sich in Freundschaft verbunden geblieben. Der Elan war weg. Überhaupt wirkt Fahed oft wie einer, dem die Puste ausgegangen ist. Dabei hat er auch in England Freunde gefunden. Arbeiter, die nach den Schichten im Pub zusammenfinden, bei McDonalds essen gehen und sich umeinander kümmern. Einen Abend kocht er für sie. Dafür helfen sie ihm beim Packen, wenn er wieder zu viele Dinge mit in den Flieger nehmen möchte.

Auch im Land seiner Herkunft bewegt sich Fahed nicht wie selbstverständlich. »Es geht nicht nur darum, dass du hier keine Arbeit hast«, sagt seine Tante zu ihm. »Du kommst gar nicht mit der Mentalität klar«. Im Haus seiner Mutter liegt der Besucher auf dem Boden. Er plant eine neue Hochzeit für sich, will diesmal eine Landsfrau heiraten. Am Ende lässt er die Verlobung platzen und verschwindet wieder in England.

Sayad porträtiert seinen Cousin als einen Unentschlossenen. Als einen, den das Leben zwischen zwei Welten komplett überfordert. Dabei leidet seine Dokumentation darunter, dass ihr Protagonist mit der Zeit immer weniger Lust darauf hat gefilmt zu werden. Und auch sonst nur wenig von seinen Gedanken und Gefühlen preisgibt. Am Ende ist man beinahe überrascht, ihn in einer Familienszene in Algerien plötzlich auftauchen zu sehen. So bleibt »My English Cousin« eine Annäherung. Ein Porträt, dass überall etwas einfängt, aber nur ein diffuses Bild des Mannes zeichnet, um den es eigentlich gehen soll.

JOSEF BRAUN

My English Cousin

Katar/Schweiz, 2019, 83 min., Karim Sayad

CineStar 2 / 01.11.2019 / 13:00

Passage Kinos Astoria / 02.11.2019 / 16:30

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