DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Gemächliche Diashow

»Havelland Fontane« zieht durch die Landschaft. Es ist das vierte Mal, dass Bernhard Sallmann sich von Fontane leiten lässt

Von Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland hat sicher schon mancher gehört, ebenso von Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«. Die dürften nur wenige gelesen haben. Einer von ihnen ist der Regisseur Bernhard Sallmann, ein gebürtiger Österreicher, der auch Fontanes wegen nach Preußen kam. In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag des Schriftstellers, der reportagemäßig in Brandenburg unterwegs war, zum 200. Mal und Sallmann stellt den vierten Teil seiner Brandenburg-Reihe fertig – auch die anderen Teile brachten Fontane auf die Leinwand.

Diese Bilder sind allerdings weder Fontanegedächtnis noch Tourismuswerbung. Es darf debattiert werden, was hier eigentlich im Vordergrund steht, ob es eher die träge und doch anziehende Landschaft ist, die der Film zeigt, oder Fontanes Text. Die Gegend kommt in langsamen Bildern zur Geltung, die eher an eine äußerst gemächliche Diashow erinnern als an einen Film; der Text liegt über den sorgfältig fotografierten und gut gewählten Bildausschnitten. Zu sehen ist selbstverständlich viel Havel, also viel Wasser, und was damit zusammenhängt: versumpfte Niederungen, einsame Inselchen, überschwemmte Wiesen; schließlich Obstanbau, Schornsteine und urbaner Backstein. Potsdam und Berlin sind nicht weit, dennoch fern. »Es spiegeln sich in deinem Strome Wahrzeichen, Burgen, Schlösser, Dome«, wusste schon Fontane. Es lohnt sich, sich dem auszusetzen und abzuwarten, auf welchem Weg die zunächst empfundene Text-Bild-Schere sich assoziativ auflöst. Menschen kommen selten vor, etwa, wenn sie Kähne übers Wasser oder Autos über Brücken führen. Menschen stehen dafür bei Fontane im Vordergrund. Und Götter. Der oberste slawische Gott hat drei Gesichter, beim christlichen Gott spielt die Drei beim Personal ebenfalls eine Rolle – das war sicher praktisch, als die von Fontane Deutsche Genannten im 12. Jahrhundert die Slawen kolonialisierten und die Zisterzienser Klöster bauten. Fontane weist auf Defizite im vermeintlich wendischen Wesen hin, die Überlegenheitsgefühle der zeitgenössischen Deutschen sind ihm aber auch nicht so ganz recht – schließlich stehen von den Häusern der Deutschen ebenfalls keine mehr, die aus der Zeit des sogenannten Landesausbaus stammen. Von dieser legendenumwölkten Zeit und der Wendenfeste Brennabor reicht der Bogen zum Klassenbewusstsein fontanescher Prägung angesichts der Plackerei in den örtlichen Ziegeleien und zum Städtchen Caputh, das heute ganz sicher nicht mehr als das Chicago vom Schwielowsee erscheint.

FRANZISKA REIF

Havelland Fontane

Deutschland, 2019, 109 min, Bernhard Sallmann

CineStar 5 / 02.11.2019 / 10:15 / #631

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