DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Literaturskandal

»I invite you to my execution« erzählt die komplizierte Geschichte rund um die Veröffentlichung von Boris Pasternaks »Dr. Schiwago«

Das Leben, nach dem zweiten Weltkrieg, war gefährlich für sowjetische Schriftsteller. Während Stalins paranoider Diktatur konnten sie sich ihrer Existenz nicht einmal sicher sein, wenn sie der kommunistischen Partei angehörten. Unter solchen Umständen lebte der Dichter Boris Pasternak wie ein Gejagter. Zwar hielt Stalin seine Hand über ihn. Doch viele seiner Freunde und Kollegen fanden den Tod. Sie landeten in Gulags, wurden hingerichtet oder nahmen sich das Leben.

Bedrängt vom Terror in seinem Land, schrieb Pasternak seinen einzigen Roman. Darin erzählt er vom Kampf des Individuums mit einem System, dass die bedingungslose Unterwerfung fordert. Dass eine solche Geschichte, auch nach Stalins Tod, in der Sowjetunion nicht würden erscheinen können, war dem Dichter klar. Früh setzte er alles daran das Geschriebene ins Ausland zu schmuggeln.

»I invite you to my execution« erzählt den Skandal nach, den die Veröffentlichung von »Dr. Schiwago« weltweit auslöste. Zahlreiche Zeitzeugen kommen zu Wort. Darunter der Agent, der das Buch zum italienischen Verlag Feltrinelli brachte. Oder Jacqueline de Proyart, eine Freundin, die eine Abschrift zu Gallimard nach Paris schmuggelte. Pasternaks Angst das Manuskript könnte vernichtet werden, war so groß, dass er gleich mehrere Abschriften in Europa verteilen ließ.

Dokumentationen über Literatur sind eine komplizierte Angelegenheit. Um Seiten und Worte auf die Leinwand zu bringen, muss man sich einiges einfallen lassen. Regisseurin Nino Kirtadze bedient sich vor allem bekannter Mittel. Sie arbeitet mit Voice Over, Aufnahmen die wie Stillleben originale Schriften zeigen und dreht verlassene Räume, durch die der Schriftsteller einst wandelte. Das ist stilsicher und konventionell zugleich.

Interessant wird »I invite you to my execution« durch das Stück Zeitgeschichte, dass er verhandelt. Äußerst genau zeichnet der Film die Stationen nach, während derer Ost und West um »Dr. Schiwago« kämpften. Die CIA, der KGB, die italienische Regierung und die Verlagshäuser. Immer weiter spitzte sich die Situation um Pasternak und sein Werk zu. Der saß derweil in seiner russischen Datscha. Einige Originalaufnahmen zeigen ihn durch seinen Garten laufend. In Briefen beklagte er seine Isolation und die Angst vor dem Gefängnis. Als Verräter verschrien, starb er etwas über ein Jahr nachdem ihm in Abwesenheit der Nobelpreis verliehen wurde. Das Verdienst der Dokumentation liegt darin, dass sie seine noch lebenden Freunde und Verwandten, vor der Kamera versammelt. Und ihre Perspektiven so für die Nachwelt festhält.

JOSEF BRAUN

I invite you to my execution

Frankreich, 2018, 56 min., Nino Kirtadze

Schaubühne Lindenfels / 03.11.2019 / 11:00

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