DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Mehr Raum für Debatten

In einem politischen Symposium fragt das Dok Leipzig »Wem gehört die Wahrheit?«

Es ist Zeit, über Politik zu reden. Die Zeichen sind deutlich – nicht erst seit der jüngsten Landtagswahl. Bereits in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Gesprächsbedarf, etwa als das Festival im Bahnhof den Dokumentarfilm »Montags in Dresden« über Pegida zeigte, oder als im letzten Jahr »Lord of the Toys« im Deutschen Wettbewerb lief. Das Bedürfnis, sich auseinanderzusetzen und auszutauschen über das Gesehene ist auch außerhalb der Festivalzeit spürbar, etwa als sich die Schauburg mit einem Shitstorm konfrontiert sah, weil sie den Film »Elternschule« zeigten, oder Impfgegner im Zuge von »Vaxxed« mobil machten.

Wer die Diskussionen im vergangenen Jahr im Anschluss an »Lord of Toys« etwa in der Cinémathèque mitverfolgt hat, kommt zu einem ernüchternden Fazit. Wir haben es verlernt zu reden. Das ist auch den Festivalchefin Leena Pasanen nicht verborgen geblieben. »Während der vergangenen Festivalausgaben gab es hitzige Debatten darüber, welche die ‚richtige‘ Herangehensweise an Dokumentarfilme sei, deren Protagonisten nicht das eigene Wertesystem teilen«, sagt Pasanen. »Die Diskussionen waren von einer großen Sorge begleitet, dass sich Filmemacher mit den Protagonisten gemein machen würden. Es entstand ein regelrechtes Ringen um die Wahrheit. Deshalb machen wir den Titel des Symposiums auch zum Leitspruch der diesjährigen Festivalausgabe. Unter dem Slogan ‚Wem gehört die Wahrheit?‘ wollen wir auch weitere Filme des Festivals befragen und in Filmgesprächen mit dem Publikum diskutieren.«

Am Festivaldonnerstag und -freitag gibt es vielfach Möglichkeiten zum Gespräch. Mit den Festival- und Filmemachern wie Thomas Heise, der sich 1992 mit »Stau – Jetzt geht’s los«, in dem er eine Gruppe rechtsradikaler jugendlicher aus Halle mit der Kamera begleitete, vorwerfen lassen musste, er verharmlose Faschisten. Es gibt aktuelle Ansätze etwa von der Künstlergruppe Forensic Architecture, die sich mit den Morden des NSU im künstlerischen Kontext auseinandersetzen. Auch das Team von »Lord of the Toys« wird anwesend sein. Der filmische Umgang mit den Ereignissen unserer Zeit stellt das Dok auf den Prüfstand. Was löst ein Film aus, wie muss man ihn kontextualisieren? Hier hat das Dok auch aus dem Debakel vom letzten Jahr gelernt.

LARS TUNÇAY

»Dok Symposium«: 31.10.–1.11.,

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