DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Mit Gewalt gegen Gewaltlosigkeit

»Gegen den Strom« porträtiert einen den autonomen mutmaßlichen Terroristen Tomas Walter

Schwankende Stromversorgung, Gas zum Kochen ist nicht immer verfügbar, Benzin auch rar. Thomas Walters Flüchtlingsleben ist nicht einfach, aber er hat sich eingerichtet. In den Anden Venezuelas fand er sein Refugium, aus dem ihn die deutschen Sicherheitsbehörden nur zu gern herausholen und vor Gericht stellen würden. Denn Thomas Walter wird des Terrorismus verdächtigt. Doch verweigern die venezolanischen Behörden die Auslieferung, seit zwei Jahren läuft Walters Asylverfahren.

In Berlin soll Walter als Teil eines autonomen militanten Trios vor 25 Jahren einen Brandanschlag auf ein im Bau befindliches Abschiebegefängnis geplant haben. Nur durch Zufall sei die Tat verhindert worden. Die Drei gingen in den Untergrund. Erst 2017 ist Walter wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht, meldete sich bei seiner Familie. Der Filmemacher Sobo Swobodnik ist ein Verwandter von Walter und suchte die Gelegenheit, mit ihm über sein Leben, seine Vergangenheit und Gegenwart zu sprechen. Also flog er im Frühjahr dieses Jahres nach Venezuela; allein, mit der Kamera im Gepäck.

»Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela« zeigt Walter beim Schokoladenherstellen und bei Agrararbeiten, beim Musikmachen und im Stadtalltag. Er spricht auch über den Tatvorwurf und das Leben im Untergrund, auch wenn das zu kurz kommt. Es ist natürlich spannend zu erfahren, was das aus ihm gemacht hat, wer er heute ist. Aber ein paar mehr Reflexionen über Militanz und Selbstermächtigung zur Gewalt hätten dem Film gutgetan. Zumal im Zuge der damaligen Ermittlungen die Militanzdebatte in der Linken intensiv geführt wurde. Über eine generelle Ablehnung von Gewalt, aber dem möglichen Notwehrgebot in gewaltförmigen Strukturen kommt Walter nicht hinaus. Er bleibt seinem anarchistischen Bekenntnis und der bekannten Floskel des »mit Gewalt zur Gewaltlosigkeit« ohne genauere Erklärung treu. Für solches Nachfragen wäre Platz gewesen, hätte Regisseur Swobodnik den selbstgeschriebenen Songs Walters nicht zu viel Raum gegeben. So wirkt der Film stellenweise wie ein Roadmovie voller Unterwegs-Bildern, die mit etwas holpriger Liedermacher-Musik untermalt sind.

Die Chance eines intensiven Porträts oder gar Psychogramms wurde verpasst. Die Tiefe der Reflexionen etwa eines Christof Wackernagels in »Der Weiße mit dem Schwarzbrot« erreicht der Film nicht. Interessant jedoch sind die Passagen zum Chavismus, dessen Anhänger Walter anfänglich war. Nun ist er desillusioniert, wenn ein Staat nur Geld ausschüttet – auch nach unten –, dann reicht das nie für ein gerechtes Zusammenleben. Impulse dafür müssen vom Individuum ausgehen, meint er. Und berichtet dann fast zärtlich von den Erfahrungen der Solidarität, die er auf der Flucht erfahren hätte. Das wird nie konkret, aber aus seinen Worten und Mimik spricht eine große empfangene Wärme.

Der Film hält nicht nur drauf, der Regisseur stellt Nachfragen, was eine gewisse Kontextualisierung ermöglicht. Das wird nicht jeden beruhigen. In die Falle, hier einfach ein unkritisches Podium zu bieten, wie andere in den vergangenen Jahren auf der DOK gezeigten politischen Filme, tappt diese Doku aber nicht. Die gewissen romantisierenden Züge in Walters Worten steht seine konkrete Lebenssituation in aller Brachialität gegenüber: Als Asylsuchender von einem staatlichen System und dessen Entscheidung abhängig zu sein. Da kann er am Ende noch so sehr aufs Anarchist-Sein pochen, er bleibt von Herrschaftsstrukturen bestimmt. Auch Thomas Walter ist ein Beispiel für die traurige Wahrheit: »Es gibt kein richtiges Leben im falschen.«

TOBIAS PRÜWER

 

Gegen den Strom – Abgetaucht in Venezuela

Deutschland, 2019, 84 min., Sobo Swobodnik

CineStar 4 / 31.10.2019 / 22:00

Schauburg / 01.11.2019 / 17:00

CineStar 5/ 02.11.2019 / 19:00

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