DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Sünden im Zug

»Last Supper« spielt mit einer Kernszene des christlichen Glaubens. Dabei entstehen vor allem Fragen. Das tut dem Spaß am animierten Film keinen Abbruch

Hätte es vor 2.000 Jahren schon eine Eisenbahn gegeben, würden die Evangelien anders von Jesus erzählen. Er würde zum Beispiel nicht per Esel reisen, sondern im Zug sitzen. Dort nimmt er entsprechend mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl. In »Last Supper« begleiten dies und die stumme Choreografie der Jünger, die durch das Abteil tänzeln und entsetzt die Möglichkeit des Verrats von sich weisen. Die animierte schwarz-weiß-düstere Darstellung ist im Kleinen repetitiv, indem sich viele Bewegungabläufe gleichen. Im Großen ist sie verrätselt. Bevor einer aus dem Fenster springt, gibt er Jesus einen Kuss. Es gibt keine Zeugen, Judas hätte seinen Lohn nicht verdient. Der Zug fährt in stetem Tempo, die Perspektive liegt von außen auf der Fensterfront, die Beobachterposition ist irgendwo in der dunklen Landschaft reist. Lediglich Hochspannungsmasten fahren vorüber. Das ist nicht nur in interpretatorischer Hinsicht legitim und macht Spaß beim Angucken. Die Zuschauerin bleibt dennoch mit der Frage zurück, warum gerade ein Zuagabteil der passende Ort sein könnte, an dem sich Verrat und Erlösung anbahnen.

FRANZISKA REIF

Last Supper (Ostatnią Wieczerzą)

Polen, 2019, 13 min., Piotr Dumała, deutsche Premiere

Schauburg / 02.11.2019 / 20:00

Passage Kinos Universum / 03.11.2019 / 10:30

Passage Kinos Wintergarten / 03.11.2019 / 12:30

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