DOK LEIPZIG 28. OKTOBER – 3. NOVEMBER 2019
62. INTERNATIONALES LEIPZIGER FESTIVAL FÜR DOKUMENTAR- UND ANIMATIONSFILM

Unorte

»Zustand und Gelände« beginnt erschütternd, franst aber formal und inhaltlich aus

Man kann nicht oft genug erinnern an die Verbrechen der Nationalsozialisten – an die bekannte und an die weniger bekannten. Man muss immer wieder in Erinnerung rufen, dass Angriffs- und Vernichtungskrieg und die Shoa deutschen Ursprungs sind. Aber auch stets und neu ins Gedächtnis rufen, dass der NS von Beginn an gewaltförmig war und auf das Auslöschen seiner realen und vermeintlichen Gegner zielte.

So entstanden sofort nach der Machtübergabe an Hitler, also der Ernennung eines Nationalsozialisten zum Kanzler durch das bürgerliche Lager, sogenannte »wilde Konzentrationslager«. Hier wurden bekannte Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und alle anderen unliebsamen Personen inhaftiert, malträtiert und bei Zwangsarbeit schikaniert, bevor sie mitunter verschwanden. In kleinsten Orten wurden Bürgerkeller, Gastwirtschaften und andere Gebäude zu diesen Provisorien. Sie zeigen, wie hoch die Zustimmung der Bevölkerung zum Nationalsozialismus war, denn anders ließen sich diese Lager gar nicht durchsetzen. Nur durch tatkräftige Unterstützung vor Ort sowie Denunziantentum war der Betrieb dieser wilden Lager möglich. Nach der Befreiung 1945 gerieten viele dieser Orte in Vergessenheit, wird nur an manche erinnert.

Hier setzt »Zustand und Gelände« an. Der Film sucht Orte in Sachsen auf, wo 1933 in wilden Konzentrationslagern Menschen inhaftiert wurden. Sichtbar ist davon selten noch etwas. Man sieht Häuserecken und Straßenzüge, Gaststätten oder Discounter, mal Brachen, mal Innenräume, denen nichts von ihrer temporären Funktion als Stätten der Unmenschlichkeit anzumerken ist. Nur manchmal ist eine Plakette oder ein Mahnmal zu entdecken. Durch lange, unbewegte Einstellungen laufen Passanten, die symbolisch dafür stehen, dass die Mehrheit der Deutschen mitmachte. Es sind Alltagsaufnahmen, die ihrerseits die Alltäglichkeit und das Lapidare der Grausamkeit, eben das vielzitierte ganz banale Böse, spiegeln. Aus dem Off vorgelesene historische Dokumente, zum Beispiel Protokolle und Tagebucheinträge, holen die Ereignisse der Vergangenheit zurück. Die zum Teil extrem brutalen Details wollen so gar nicht zu den schlichten Architekturen passen. Das verleiht den Aufnahmen eine Unheimlichkeit. Die formale Strenge, sich auf die unbeweglichen Aufnahmen und die Off-Darstellungen konzentrieren, zeitigen einen starken, sehr beeindruckenden Effekt.

Allein, diese formale Strenge hält Regisseurin Ute Adamczewski nicht durch, sie verliert ihren Fokus. Da ist an einem Ort vom Umgang der DDR-Lokalbehörden mit dem Unrechtsort die Rede. An anderer Stelle geht es um die Umbettung eines Mahnmals, um Platz für einen Discounter zu machen. Mal werden Antifa-Sticker ins Bild gerückt, einmal ist die Rede von einem Neonazi-Überfall. Das mögen Gedanken und Blicke sein, die die Filmemacherin vor Ort bewegt und bedrückt haben. In die Doku eingereiht, zerstören sie aber die Ursprungsidee und rücken den Film in Richtung Beliebigkeit. Gerade die gezeigte Fülle der Orte, an denen NS-Verbrechen geschehen sind, ist erdrückend. Sie stellen die Frage nach dem angemessenen Erinnern, wenn man in der Masse gar nicht angemessen erinnern kann. Das macht die Fassungslosigkeit vor dem eigentlichen Undarstellbaren so immens. Dass sich Adamczewski irgendwann nicht mehr entscheiden kann, meint, irgendwie selektiv aktualisieren und problematisieren zu müssen, raubt ihrem Film schlussendlich seine Kraft. Das ist umso bedauernswerter, als es gegenwärtig nicht genügend solcher Kräfte geben kann, wie der Historiker Norbert Frei schon 2005 warnte: »Das Ende der Schuld scheint also nahe, und von links bis rechts sind die Erwartungen an diesen Zustand groß. Einem Land, in dem keine Täter mehr leben, eröffnen sich, sod die Auguren, bisher nicht gekannte Chancen. … Noch unausgegoren, aber unübersehbar, macht sich ein neues Geschichtsgefühl breit.«

TOBIAS PRÜWER

»Zustand und Gelände«, Deutschland 2019, 119 min., R Ute Adamczewski

CineStar 2/ 03.11.2019 / 18:45

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